Hinter den Kulissen im Theater Baden-Baden

Baden-Baden (sga) – Was passiert während einer Vorstellung im Theater in Baden-Baden hinter den Kulissen? Eine Reportage über Federn, Drehbühnen und Feuerwehrmänner.

Dreh- und Angelpunkt: Bei Inspizient Matthias Hess laufen alle Fäden zusammen. Fots: Sarah Gallenberger

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Dreh- und Angelpunkt: Bei Inspizient Matthias Hess laufen alle Fäden zusammen. Fots: Sarah Gallenberger

Freitagmorgen, 7.30 Uhr. Am Himmel ist noch der Mond zu sehen, die Stadt ist gerade am Aufwachen. Lichtkegel schließen sich um die Laternen auf dem Goetheplatz, an die Wände des prachtvollen Gebäudes werfen sich große Schatten. Wer vor der großen Tür des Theaters steht, kann sich in dieser völligen Stille kaum vorstellen, was sich in den frühen Morgenstunden dahinter verbirgt.

Irgendwo wuseln bereits Menschen die Treppe auf und ab, eine Frau wird zur Katze – und ein Mann sitzt auf der Bühne, während er seine Finger über die Saiten einer Gitarre fliegen lässt. „Vor 8 Uhr kann ich noch keine richtigen Antworten geben“, grinst Matthias Hess müde. Als Inspizient wird er eine Stunde später für einen reibungslosen Ablauf auf und hinter der Bühne sorgen.

Weihnachtsmärchen bis Mitte Januar

Es ist Mitte Dezember, in der Stadt kündigen große Sterne und funkelnde Lichter einen besinnlichen Heiligabend an. Während der Christkindelsmarkt wieder abgebaut werden musste, kann im Theater der Advent bis in den Januar genossen werden. Die Bremer Stadtmusikanten möchten als Weihnachtsmärchen den Schülern für eine Stunde ein Lächeln auf die Lippen zaubern.

An diesem kühlen Morgen werden die Kinder um 9 Uhr erwartet, doch die Arbeit von Vivien Gottschall beginnt schon viel früher. 7.30 Uhr, das ist „so gar nicht“ ihre Uhrzeit, aber „dieses Gewusel“ macht ihr gute Laune, „es ist schon eine ganz besondere Stimmung, bevor es los geht“. Seit dieser Spielzeit ist sie Regieassistentin am Theater Baden-Baden: „Ich liebe meine Arbeit.“ Sie begrüßt ihre Kollegen, dann läuft sie die Treppe hinunter.

Denn das Schauspiel wird nicht nur auf, sondern auch unter der Bühne stattfinden. Dort, im Untergeschoss, ist der Zauber des Theaters in einen Raum verschlossen – und schweben Darsteller wie aus dem nichts aus der Decke nach unten. „Das Ding kann sich drehen“, erklärt Bühnenmeister Christoph Schughart mit Blick auf die kreisrunde Fläche über sich, die für den Zuschauer als solche gar nicht auffällt. „Wenn die Schauspieler später oben laufen, dreht sich die Scheibe“, und somit auch das gesamte Bühnenbild, das auf ihr platziert ist. „Das wirkt natürlich viel realistischer.“ Dann öffnet Schughart die Tür eines Fahrstuhls, der eine Stunde später Oliver Jacobs als Esel oder Simon Mazouri als Räuber verschlucken und von der oberen Bühne ins Off tragen wird.

In der Maske warten schon die Katzenohren darauf, von Constanze Weinig aufgesetzt zu werden. Foto: Sarah Gallenberger

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In der Maske warten schon die Katzenohren darauf, von Constanze Weinig aufgesetzt zu werden. Foto: Sarah Gallenberger

An der Unterbühne kann es gefährlich werden. Vor allem dann, wenn es schnell gehen muss: „Je nach Stück wird ein Darsteller runter gefahren, der sich dann hier umziehen muss“, weiß der Bühnenmeister. Manchmal steht auch jemand von der Maske da, falls etwas nachgebessert werden soll. Da kann es schon mal unübersichtlich werden – deshalb darf die Technik nur dann bewegt werden, wenn sich alles andere an Ort und Stelle befindet.

Als Regieassistentin hält sich Gottschall sowieso nicht sehr lange in dem Bereich auf. Vielmehr behält sie die Arbeit aller Beteiligten im Blick – und fragt auch bei Natalie Strickner nach, ob sie noch etwas braucht. Um 8.15 Uhr pinselt die Maskenbildnerin gerade eine schwarze Fläche auf die Nase von Constanze Weinig, die eine Stunde später als Katze die Kinder zum Lachen bringen wird. Etwas weiter hinten im Raum steht schon ein Teil des Kostüms bereit: Auf einem Styroporkopf warten haarige Ohren.

Das Gewusel hinter den Kulissen erreicht um 8.50 Uhr seinen Höhepunkt. Draußen sind bereits die hellen Stimmen kleiner Kinder zu hören, die sich aufgeregt auf ihre Plätze setzen und gebannt auf die Bühne starren. Dort, zwischen hölzernen Hügeln und bunten Lichtern, werden sich gleich Hahn, Esel, Hund und Katze auf den Weg nach Bremen machen, um sich der Musik zu widmen. Und so springen Cyril Hilfiker, Oliver Jacobs, Simon Mazouri und Constanze Weinig für etwa eine Stunde auf der Bühne hin und her, mal singend, mal tanzend.

Buntes Treiben: Von der Decke der Theaterküche hängen kleine Geschenke, die Familie und Freunde den Darstellern nach Premieren geschenkt haben. Foto: Sarah Gallenberger

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Buntes Treiben: Von der Decke der Theaterküche hängen kleine Geschenke, die Familie und Freunde den Darstellern nach Premieren geschenkt haben. Foto: Sarah Gallenberger

Was nach ziemlich viel Spaß aussieht, kann jedoch in seltenen Fällen auch gefährlich werden. Deshalb sitzen seitlich, für das Publikum nicht sichtbar, zwei Feuerwehrmänner. „Falls mal doch etwas schief gehen sollte“, grinst Schughart. Denn er weiß, was die Kinder erst in wenigen Minuten zu Gesicht bekommen werden, wenn Räuber in schwarzen Lederjacken bekleidet und dazu noch bewaffnet aus dem Häuschen springen und die Stadtmusikanten angreifen. Einen wirklichen Schusswechsel gibt es zwar nicht, doch auch der Knall, der aus der echt aussehenden Pistole kommt, könne „in seltenen Fällen“ für Chaos sorgen. Da sei es gut, Fachpersonal vor Ort zu wissen.

An diesem Dezembermorgen geht nichts schief und es gibt auch kein Chaos. Die Darsteller bringen das das Publikum zum Lachen, die Drehbühne die Kinder zum Staunen und das bunte Licht, das über den Zuschauerreihen eingestellt wird, verleiht der Szene die passenden Akzente. Als dann noch Nebel von der Seite in die Mitte schwebt und weiße Federn von oben auf den Boden fallen, scheinen alle zufrieden zu sein.

Um 10.30 Uhr lächelt Gottschall zufrieden, als sie die Hintertür des Theaters öffnet. Zwar ist das Stück zu Ende, die Arbeit jedoch hört nie auf. Denn im Theater wird sich schon auf die nächste Vorstellung vorbereitet und an neuen Ideen getüftelt. Und so weiß man nie, was gerade hinter den Kulissen des prachtvollen Gebäudes passiert – selbst dann, wenn die Stadt noch schläft und das einzige Licht von den Laternen gespendet wird.


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