Hirnforscher Beck: Künstliche Intelligenz nicht überschätzen

Baden-Baden (tas) – Der Künstlichen Intelligenz (KI) wird eine große Zukunft vorausgesagt. Viele Unternehmen nutzen sie, um Prozesse zu optimieren, doch sie hat auch ihre Grenzen.

Forscher in ganz Deutschland arbeiten an Künstlicher Intelligenz. Auch der Roboter „Alfie“ von der Technischen Universität Darmstadt verfügt über KI. Foto: Arne Dedert/dpa

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Forscher in ganz Deutschland arbeiten an Künstlicher Intelligenz. Auch der Roboter „Alfie“ von der Technischen Universität Darmstadt verfügt über KI. Foto: Arne Dedert/dpa

Künstliche Intelligenz (KI) ist das neue „heiße Ding“. Kein großes Unternehmen, das etwas auf sich hält, investiert nicht in KI-Systeme. Und keine Regierung, die sich den Technologiewandel auf die Fahnen geschrieben hat, fördert nicht die wissenschaftliche Forschung in diesem Bereich.

Gestern teilte beispielsweise der Zuliefererkonzern Schaeffler mit, dass er gemeinsam mit elf weiteren Partnern den KI-Park in Berlin gründet. Ziel des Vereins ist die Förderung von konkreten KI-Anwendungen sowie die Erarbeitung entsprechender ethischer und regulatorischer Rahmenbedingungen in Deutschland und Europa.

Als Gründungsmitglied des KI-Parks in Berlin wollen wir uns neue Möglichkeiten und Potenziale erschließen, um die Schaeffler Gruppe auf die Anforderungen der Zukunft auszurichten“, sagt Schaeffler-Vorstandschef Klaus Rosenfeld. Schaeffler ist bereits seit Jahren an dem Thema dran, und nutzt intelligente Assistenzsysteme und vernetzte Produktionsanlagen zur Optimierung der Abläufe im Unternehmen und beim Kunden. Auch bei Banken und Versicherungen arbeitet KI wie eine unsichtbare Hand bereits heute wiederkehrende Prozesse ab (Dunkelverarbeitung), selbst Finanzbehörden und die Justiz wollen sich die künstlichen Systeme bei der Bewältigung ihrer Aufgaben zunutze machen.

Aus Sicht des Neurowissenschaftlers Henning Beck ist Optimierung genau das richtige Feld, um beim Einsatz von KI erfolgreich zu sein. Überall dort, wo große Mengen an gesicherten Daten verarbeitet werden müssen, wo die Auslastung von Maschinen und Prozessabläufen nach einem bekannten Muster optimiert werden soll, und in allen Systemen mit bekannten und festgelegten Spielregeln arbeitet die Künstliche Intelligenz präziser als jedes menschliche Gehirn. Aber das war es dann auch schon, sagt Beck, der am Donnerstagabend bei der Wirtschaftsregion Mittelbaden (WRM) zu Gast war und in Baden-Baden einen Vortrag zum Thema Künstliche Intelligenz hielt.

„Das Gehirn ist faul, fehleranfällig und eitel“


Hirnforscher Beck sieht trotz geringer Fehleranfälligkeit ein begrenztes Einsatzfeld von KI. „Computer sind so dumm wie vor 50 Jahren, nur heute sind sie schneller dumm als damals“, sagt er. Was der Neurowissenschaftler damit meint: Selbst eine unglaublich vergrößerte Rechnerleistung löst nicht das Problem fehlender Kreativität. Beck: „KI stellt keine Regeln auf, sondern befolgt Regeln.“ Doch nur durch das Brechen von Regeln sei Fortschritt möglich. „Die nächste große Idee wird von einem Gehirn gedacht, nicht von einer KI“, ist sich Beck sicher.

Dabei habe das menschliche Gehirn durchaus seine Schwächen: „Das Gehirn ist faul, fehleranfällig und eitel, weil es sich zu 99 Prozent mit sich selbst beschäftigt.“ Und doch habe es einen großen Vorteil gegenüber Maschinen: Es könne abstrahieren und Daten in einen neuen Zusammenhang setzen. „Menschen können zwar etwas verlernen, nicht aber etwas entverstehen.“

Ausgehend von dieser Logik warnt Beck auch davor, KI als Problemlöser Nummer eins der Zukunft zu begreifen. Beispiel autonomes Fahren: Wenn selbstfahrende Autos darauf programmiert sind, immer dann zu bremsen, wenn ihnen jemand in den Weg kommt, wird das laut Beck zu einer Verhaltensänderung der Menschen führen. Weil die Gefahr, zukünftig von Autos überrollt zu werden, gegen null gehe, würden die Menschen die Straßen wie eine Fußgängerzone benutzen und damit den Autoverkehr lahmlegen. „Das selbstfahrende Auto ist das geborene Opfer“, sagt Beck, „denn Verkehr ist mehr als das Beachten von Regeln.“


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