Hochwasser bestimmt die Vielfalt im Auenwald

Elchesheim-Illingen (mak) – Der „badisches Dschungel“ ist ein besonderes Naturidyll. Fortsexperte Heinz Wicht hat das BT auf einen Rundgang durch den alten Illinger Gemeindewald mitgenommen.

Heinz Wicht zeigt bei diesem Exemplar an, bis wohin das letzte Hochwasser gereicht hat. Foto: Markus Koch

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Heinz Wicht zeigt bei diesem Exemplar an, bis wohin das letzte Hochwasser gereicht hat. Foto: Markus Koch

Heinz Wicht, der fast drei Jahrzehnte den Forstbezirk Rastatt betreut hat, ist ein ausgewiesener Kenner des Auenwalds. Wenn er mit seinen Rohrstiefeln durch den badischen Dschungel marschiert, dann kommt der 69-Jährige aus dem Erzählen nicht mehr heraus. „Sagen Sie einfach, wenn es Ihnen zu viel wird“, meint er zum Auftakt des Rundgangs mit dem BT im alten Illinger Gemeindewald.

Weichholzaue direkt am Flussufer

Hochwasser ist das bestimmende Element für den Auewald und die zahlreichen Pflanzen und Bäume, die darin wachsen. Wie im Gebirge gibt es auch im Auewald Vegetationsgrenzen. Doch hier entscheiden nicht Meter, sondern Dezimeter darüber, was wächst und was nicht, verdeutlicht Wicht: „Das Hochwasser bestimmt im Endeffekt die Vielfalt im Auewald.“ Unter einem Pegel von 6,50 Meter bei Maxau entfalte sich die Weichholzaue, erklärt Wicht. Sie grenzt direkt ans Flussufer und hält einem normalen Hochwasser ohne Probleme stand. Vor allem Weiden und Pappeln fühlen sich hier wohl und können bis zu 200 Tage im Jahr im Wasser stehen.

Die Hartholzaue liegt etwas höher als die Weichholzaue und wird nur bei einem Spitzenhochwasser überflutet. Hier wachsen Stieleiche, Ulme, Esche und Bergahorn. Die Schlammmarken an den Baumstämmen verdeutlichen auch dem Laien, wie hoch das Wasser stand. Forstexperten wie Wicht können aber auch berechnen, wie lange das Hochwasser anhielt.

„Ein richtiger Hochleistungsboden“

Da der Rhein in der Region in einem Kies- und Schotterbett verläuft, wird bei Hochwasser jede Menge kalkhaltiger Schlick in die Seitenarme transportiert: „Wir haben hier im Auewald einen richtigen Hochleistungsboden“, verdeutlicht Wicht. Diese „Aufschlickung“ ist zwar gut für die Vegetation und das Bodenleben, sie erhöht aber im Lauf der Zeit das Gelände und führt dazu, dass die Seitenarme verlanden oder noch mit Wasser gefüllt sind, wenn Hochwasser kommt. Die Schutzwirkung der Rheinaue geht somit langsam, aber sicher zurück.

Bei Hochwasser saugt sich der Untergrund des Auewalds gewissermaßen wie ein Schwamm voll: „Aber gerade der Wechsel zwischen Übersättigung und Trockenheit ist ein wichtiger Wachstumsfaktor für diesen Wald“, erklärt Wicht. Fällt der Wasserstand, kommt Luft an die Wurzeln, die dann wieder atmen können.

Neue Triebe wirken wie ein Rechen

Um dem Hochwasser etwas von seiner Gewalt zu nehmen, schneiden die Förster junge Silberweiden meist in Ufernähe auf eine Höhe zwischen einem und drei Metern zurück. An der Schnittfläche dieser Kopfweiden treiben dann zahlreiche neue Triebe aus, die wie ein Rechen wirken, erläutert der frühere Forstdirektor.

An einer Weggabelung mitten im Wald ragt eine mächtige Silberweide in die Höhe. „Das ist die ,Großmutter’“, sagt Wicht und begrüßt Artur Fütterer. Er betreut im Auftrag der elsässischen Nachbargemeinde Mothern rund 100 Hektar Wald. Bereits sein Vater habe hier aufgeforstet, er selbst habe seit 1993 das Setzen von etwa 60.000 Bäumen organisiert und auch selbst Hand angelegt. „Mein Vater hat die Silberweide hier ,Großmutter’ getauft“, berichtet der 69-Jährige. Der rund 20 Meter hohe Baum ist etwa 100 Jahre alt. Wicht und Fütterer messen den Umfang des mächtigen Stamms, der 5,30 Meter beträgt. „Ein derartiges Exemplar ist sehr selten“, betont Wicht. Es gebe durchaus Kopfweiden, die zwar älter seien, aber eben nicht hoch. Neben Mothern besitzt auch Munchhausen Wald in den Rheinauen. Dies liegt daran, dass der Rhein vor seiner Begradigung durch Tulla an vielen Stellen einen völlig anderen Verlauf hatte. „Im Versailler Vertrag wurde den beiden Gemeinden Wald zugesichert“, weiß Wicht.

Interessant für Forstfachleute aus ganz Deutschland

Nach Orkan „Lothar“ seien viele Silberweiden gesetzt worden, um den Wald zu stabilisieren, aber auch als ein natürliches Bollwerk gegen Überflutungen, berichtet Wicht. Die Rheinauen erstrecken sich auf etwa 1.500 Hektar, rund 300 Hektar davon sind mit Silberweiden bepflanzt: „So viele gibt es sonst nirgends am Oberrhein“, verdeutlicht der Forstexperte. Der Auewald mit seiner eigentümlichen Schönheit zieht nicht nur Ausflügler aus der Region an, sondern auch Studenten und Forstfachleute aus ganz Deutschland, erläutert der 69-Jährige, der im Auftrag des Kreisforstamts regelmäßig Führungen macht.

Und wie wirkt sich der Klimawandel auf diesen Wald aus? Wenn die Alpen aufgrund zurückgehender Gletscher und geringeren Schneefalls dem Rhein weniger Wasser spenden, könnte eine längere Niedrigwasserphase eintreten, prognostiziert Wicht. Dann müsste der Wald von Niederschlägen leben und sich umstellen. Spezialisten wie die Silberweide könnten zwar über einen längeren Zeitraum trockenstehen, aber irgendwann werde es eng. Doch soweit ist es noch nicht, und Wicht schwärmt: „Die Pappelwälder, die von meinen Vorfahren gesetzt wurden, sind ein Symbol für das Zusammenleben der Menschen mit diesem Strom. Ich bekomme da richtig Demut.“

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Die hochwachsende Waldrebe ist charakteristisch für den badischen Dschungel. Foto: Markus Koch

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Ihr Autor

BT-Redakteur Markus Koch

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Erstellt:
5. September 2021, 14:30 Uhr
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