Hochwasserproblematik hausgemacht

Gernsbach (stj) – Die Interessengemeinschaft Murghochwasser klagt, seit Jahrzehnten vertröstet zu werden, und fragt: „Wie lange möchte man die Murganlieger noch hinhalten?“

Dieses von der Schlossstraße aus aufgenommene Foto vom Februar 1990 zeigt den Wasserstand am Morgen nach dem Hochwasser. Foto: Markus Schleicher/Archiv

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Dieses von der Schlossstraße aus aufgenommene Foto vom Februar 1990 zeigt den Wasserstand am Morgen nach dem Hochwasser. Foto: Markus Schleicher/Archiv

Nach einem Gespräch zwischen Regierungspräsidium (RP) Karlsruhe, Mitarbeitern des Büros Wald + Corbe sowie Vertretern der Stadt Gernsbach mit betroffenen Murganliegern zur Situation rund um den Hochwasserschutz meldet sich nun die Interessengemeinschaft (IG) Murghochwasser zu Wort. Sie weist darauf hin, dass es vor über 100 Jahren noch kein Hochwasserproblem in der Schlossstraße gegeben habe – dies sei erst durch mehrere öffentliche Baumaßnahmen entstanden. Deshalb weist die IG den Hinweis an die Hausbesitzer, es gebe eine „Pflicht zum Selbstschutz“, in diesem Fall zurück.

In Vorbereitung auf den Vor-Ort-Termin am 1. Oktober, habe die IG an verschiedenen Punkten im Bereich oberhalb der Stadtbrücke Hochwassermarken angebracht, die verdeutlichen, wie hoch der Wasserpegel bei einem derzeitigen Hochwasser von 700 m³ steigen würde.

„Am deutlichsten wird dies an der Schlossmühle. Hier sieht man, dass die Hochwassermarke von 1882 mit 700 m³ und die Hochwassermarke, die heutzutage für ein Hochwasser mit 700 m³ erwartet werden müsste, um 1,30 Meter höher liegt“, erläutert Markus Schleicher für die IG in einem Pressetext: „Fazit: Alle Gebäude in der Schlossstraße hatten vor stark 100 Jahren kein Problem mit einem Hochwasser von 700 m³.“

Gebäude in der Schlossstraße größtenteils denkmalgeschützt

Massive Probleme müssten die Anwohner eines nicht unterkellerten Anwesens in der Schlossstraße hingegen heute befürchten. Bei einem Hochwasser von 700 m³ würde das Wasser Angaben der IG zufolge mehr als 1,05 Meter im Wohnbereich stehen, wohingegen vor gut 100 Jahren sogar noch 25 Zentimeter Sicherheit gewesen wären bis zum Eintritt in den Wohnbereich. Weiter heißt es in der Mitteilung: „Bei dem Gespräch im Sitzungssaal wurde auf eine Pflicht zum Selbstschutz hingewiesen. Jedoch wurden die Wohnhäuser in der Schlossstraße alle so errichtet, dass sie bei einem Hochwasser von 700 m³ nicht überflutet werden konnten. Dieser Hochwasserschutz wurde den Anwohnern genommen. Nicht die Anwohner haben dies verschuldet, die Murg wurde durch mehrere öffentliche Baumaßnahmen (zum Beispiel der zweimaligen Verbreiterung der Igelbachstraße) immer weiter eingeengt. Hierdurch wurden die Wasserspiegellagen negativ verändert.“

Beim Vor-Ort-Termin habe die Interessengemeinschaft Murghochwasser auf viele Schwierigkeiten aufmerksam gemacht. Ein großes Problem bereite auch das Druckwasser. Die Gebäude in der Schlossstraße seien größtenteils denkmalgeschützt und aus Bruchsteinmauerwerk. Durchfeuchten des Mauerwerks führe zu Ausblühungen und Zerbröseln des Putzes und der Steine. „Würden die Mauern in der Schloss-/Igelbachstraße erhöht werden, hätte dies einen weiteren Druckanstieg zur Folge. In der Studie von Wald + Corbe wird dieses Problem überhaupt nicht erörtert“, bemängelt die IG.

Ein weiterer kritischer Gefahrenpunkt sei die Stadtbrücke. Die IG überreichte den Gesprächsteilnehmern ein Foto aus dem Jahr 1990, das den Wasserstand am Morgen nach dem Hochwasser (519 m³) zeigt. Dieses Foto sei aufgenommen worden, nachdem der Pegel bereits gefallen war und es sei darauf deutlich zu erkennen, dass das Wasser noch immer bis zur Unterkante des Brückenträgers reicht.

Ansammlung von Treibgut zusätzliche Gefahr

Weiter befürchtet die IG Murghochwasser, dass sich bei Hochwasser durch Ansammlung von Treibgut ein Stauwall bildet mit der Folge, dass das Wasser dadurch weiter ansteigt und die Mauern übersteigt: „Diese Wassermassen wären dann nicht mehr zu bewältigen.“

Aber dieses Problem betreffe nicht nur die Anwohner der Schlossstraße, sondern auch der Igelbach- und der Bleichstraße, betont die IG: „Ältere Gernsbacher Bürger, darunter ein damaliger Feuerwehrmann, berichteten, dass beim Hochwasser 1947 mit 603 m³ das Wasser in der Gaststätte Murglust in der Igelbachstraße kniehoch stand. In der Bleichstraße reichte das Wasser bei einem Gebäude bis zur ersten Etage. Über Jahrzehnte hinweg wurden die Murganlieger in Gernsbach vertröstet. Niemand weiß, wann und mit welchem Ausmaß das nächste Hochwasser kommt. Wie lange möchte man die Murganlieger noch hinhalten?“

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Erstellt:
7. Oktober 2020, 14:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 53sec

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