Höhenflug mit der Luftsportgruppe Rastatt

Rastatt (waa) – In der BT-Serie „Hoch hinaus“ geht es mit Wolfgang Schnepf von der Luftsportgruppe Rastatt in die Lüfte. Der Pilot erzählt von beeindruckenden Erlebnissen und der Wahrnehmung von Höhe.

Wieder Boden unter den Füßen: Wolfgang Schnepf (links) und Jürgen Rimmelspacher von der Luftsportgruppe Rastatt vor der 100 PS starken Bristell.  Foto: Alena Wacker

© waa

Wieder Boden unter den Füßen: Wolfgang Schnepf (links) und Jürgen Rimmelspacher von der Luftsportgruppe Rastatt vor der 100 PS starken Bristell. Foto: Alena Wacker

Anspannung, Adrenalin, Gefahr sind Attribute, die sicher viele Menschen mit dem Fliegen verbinden. Für Pilot Wolfgang Schnepf von der Luftsportgruppe Rastatt ist es dagegen ein Spiel mit der Höhe, das ihm neben beeindruckenden Erlebnissen auch einen völlig anderen Blickwinkel aufs Leben bietet.

Die Bristell – ein schnittiges Ultraleichtflugzeug mit Dreibahnfahrwerk aus dem Jahr 2013 steht bereit zum Einstieg neben der Vereinshalle der Luftsportgruppe Rastatt. Mit einer Spannweite von 8,13 Metern und einer Länge von 6,45 Metern bietet die Bristell, die neben Reiseflügen auch gerne für den Segelflugzeugschlepp verwendet wird, Platz für zwei Personen. Der Einstieg über einen Steigbügel gestaltet sich für Ungeübte so, als würde man zum ersten Mal auf ein Pferd steigen. Die Tragflächen des Flugzeugs wackeln beachtlich hin und her, dennoch steht der Flieger stabil am Boden.

Im Bauch der Bristell

Knöpfe und Hebel: In dem Cockpit des Ultraleichtflugzeugs Bristell ist allerlei Technik verbaut.  Foto: Alena Wacker

© waa

Knöpfe und Hebel: In dem Cockpit des Ultraleichtflugzeugs Bristell ist allerlei Technik verbaut. Foto: Alena Wacker

Im Inneren der Maschine steckt allerlei Technik. Instrumente für Geschwindigkeit, Höhe, Drehzahl oder den Tank erinnern stark an die Armaturen eines Autos, doch dann sind da noch Messanzeiger für Batterie, Öl, Druck, Steigung sowie ein Kompass. Einziger Gedanke inmitten der vielen Knöpfe und Hebel: Bloß nirgends drankommen! Routiniert aber keinesfalls gelangweilt überprüft Schnepf Instrumente und Papiere. Bis heute spüre er noch immer eine gewisse „Grundspannung“, auch nach knapp 7.000 Flugstunden, erklärt er. Ganz schön viel, könnte man meinen, doch „was ist viel, was ist wenig?“ Das sei alles nur eine Frage der Relationen, philosophiert Schnepf. „Fliegen ist mittlerweile, als würde ich im Auto sitzen, nur schöner“, sagt der Pilot.

Das Tolle daran, auf Sicht zu fliegen, liegt für Schnepf in der Eigenkontrolle des Flugzeugs. Ganz anders als in Linienflugzeugen, in denen viele Prozesse fremdgesteuert werden, kann der Pilot einer solch kleinen Maschine alles selbst machen – einen Autopiloten gibt es nicht.

Trotz gut isolierter Kopfhörer, die zur Kommunikation genutzt werden, wird es mit dem Anlassen des Motors urplötzlich ausgesprochen laut. Das Flugzeug vibriert und rollt langsam, aber stetig Richtung Startbahn. Vor dem Start muss der Motor zunächst auf Betriebstemperatur kommen. Diese Zeit nutzt Schnepf, um noch mal das Wetter zu prüfen. Die Windfahne am Vereinsgebäude liefert dem Piloten wichtige Informationen. Je nach dem, von wo und mit welcher Stärke der Wind weht, verlängert oder verkürzt sich die benötigte Strecke für den Start. Nach einigen Minuten setzt sich die Bristell endlich in Bewegung. Immer schneller und schneller rast der 100 PS starke Flieger über die holprige Wiese, bevor er abhebt.

Wechsel der Perspektive: Rastatt von oben

Rastatt aus einer anderen Perspektive erleben: Idyllisch und beinahe versteckt liegt Schloss Favorite zwischen den Bäumen.  Foto: Alena Wacker

© waa

Rastatt aus einer anderen Perspektive erleben: Idyllisch und beinahe versteckt liegt Schloss Favorite zwischen den Bäumen. Foto: Alena Wacker

Mit 120 Stundenkilometern steigt das Ultraleichtflugzeug in die Höhe und dreht ab Richtung Südosten zum Rastatter Lustschloss Favorite, welches bei strahlendem Sonnenschein ganz besonders zur Geltung kommt. Weiter Richtung Baden-Baden überquert die Bristell den Merkur, wo an diesem Tag einige Gleitschirme unterwegs sind, die den Berg umkreisen. Beeindruckende Perspektiven und Erlebnisse wie dieses sind es, die Schnepfs Leidenschaft für das Fliegen seit 50 Jahren am Leben erhalten. Einmal sei er beim Segelfliegen in einen Gänseschwarm geraten und mit derselben Geschwindigkeit einige Kilometer neben ihnen hergeflogen, als „große Gans“, scherzt Schnepf. Neben solch einzigartigen Erlebnissen übt auch das Spiel mit den Wolkenwalzen, die das Flugzeug in die Höhe drücken, eine besondere Faszination auf ihn aus. Während Schnepf erzählt, ruckelt es immer wieder verdächtig an der 130.000 Euro teuren Bristell. „Die Thermik“, erklärt er. Durch die Sonne entstandene Warmluftschläuche erzeugen unkontrollierte Aufwinde, die sich besonders Segel- oder Gleitschirmflieger zunutze machen. Auch in dem Ultraleichtflugzeug sind sie deutlich zu spüren. Letztlich seien diese Aufwinde ungefährlich, man müsse sie nur ausgleichen. Generell sei aufgrund des Wetters in der Luftsportgruppe Rastatt noch nie etwas passiert. Zwar hätten technische Probleme in den Jahrzehnten seiner Pilotenlaufbahn bereits für die ein oder andere brenzlige Situation gesorgt, die größte Gefahr gehe jedoch vom Piloten selbst aus, erklärt er. Durch Wagemut, Selbstüberschätzung und Unaufmerksamkeit habe er bereits Freunde und Flug-Kollegen verloren. Um sich und die Kollegen vor unvernünftigen Entscheidungen zu bewahren, hängt an der Wand des Vereinshauses eine kleine Box mit der Aufschrift: „Hier findest du die Ursache der meisten Unfälle“. Klappt man die Box auf, blickt man in einen Spiegel.

Lieber alt werden, anstatt mutig zu sein

Auch Schnepf selbst ist schon mehrmals Zusammenstößen nur knapp entgangen. Das Fliegen bärge zwar gewisse Risiken, diese ließen sich aber gut kontrollieren, sofern man seine Grenzen kenne und diese nicht ausreize. Heutzutage verzichtet Schnepf lieber auf einen Flug, statt sich unnötig in Gefahr zu begeben. „Es gibt alte Piloten und es gibt mutige Piloten, aber es gibt keine mutigen alten Piloten. Mutige Piloten eliminieren sich vor dem Alter bereits selbst“, erklärt Schnepf. Er hingegen wolle lieber alt werden, anstatt mutig zu sein. Der Mut bestehe für ihn heute vielmehr darin, „nein“ zu sagen.

Mittlerweile befindet sich die Bristell auf 700 Metern Höhe und gleitet mit einer Geschwindigkeit von 160 Stundenkilometern durch die Lüfte. In der Theorie könne sie bis zu 7.000 Metern hoch fliegen, doch beginnt bei 3.000 Metern bereits der Luftraum für die großen Maschinen. Ab dieser Höhe darf nicht mehr auf Sicht geflogen werden.

Verschiedene Wahrnehmung von Höhe

Die spannende Sache an der Höhe, stellt Schnepf fest, sei ihre sehr unterschiedliche Wahrnehmung. „Wenn man mich auf einen Kirschbaum stellt, wird mir schwindelig“, sagt er. An einem Abgrund stehen, eine Bergwanderung machen – das alles könne er nicht. Im Flugzeug jedoch sei der Schwindel wie verschwunden. „Dort spiele ich zwar mit den Wolken, sitze aber in einem Käfig.“ Die relative Wahrnehmung von Höhe zeigt sich laut Schnepf auch bei den Bergen: „Höhe im Gebirge ist wieder etwas anderes als Höhe in der Ebene.“ Besonders beeindruckend ist für Schnepf das Gefühl, dass sich mit Veränderung der Perspektive von oben letztlich auch der Blickwinkel aufs ganze Leben verändere. Auf der einen Seite fühle man sich in schwindelnder Höhe und als Beherrscher der Lüfte erhaben, zugleich spüre man aber auch die eigene Unbedeutendheit. „Man ist so klein in diesem Getriebe Welt“, stellt Schnepf fest.

Am Ende der 25-minütigen Reise geht die Bristell in den Sinkflug und setzt auf dem Erdboden auf – sanfter als so manch großer Flieger.

Ihr Autor

BT-Volontärin Alena Wacker

Zum Artikel

Erstellt:
22. September 2021, 07:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 14sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.