Hörspiel boomt: ARD-Festivalchef Filz im Interview

Baden-Baden (cl) – „Das Hörspiel erlebt eine regelrechte Blüte“, sagt der neue Leiter der ARD-Hörspieltage, Walter Filz, im BT-Interview. Dies sei bedingt durch eine Angebotsvielfalt in der Audiothek.

Serien bevorzugt: „Die Menschen möchten sehr lange im Stoff drin bleiben“, sagt Walter Filz, hauptberuflich Chef der Abteilung Hörspiel und Feature des SWR in Baden-Baden.  Foto: SWR/Monika Maier

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Serien bevorzugt: „Die Menschen möchten sehr lange im Stoff drin bleiben“, sagt Walter Filz, hauptberuflich Chef der Abteilung Hörspiel und Feature des SWR in Baden-Baden. Foto: SWR/Monika Maier

Der SWR-Hörspielchef und preisgekrönte Autor für Radiofeatures, Walter Filz (62), ist neuer Leiter der ARD-Hörspieltage, des alljährlich im ZKM Karlsruhe ablaufenden Branchentreffs für Radiokunst der öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland, Österreich und der Schweiz. 2020 konnte das Festival coronabedingt nur im Netz stattfinden – am 12. und 13. November gibt es ein verkürztes Präsenzangebot mit kompakten Jury-Runden im Zentrum für Kunst und Medien. Die kompakte Form wird nun ausprobiert und könnte künftig zur Richtschnur werden. „Im Moment herrscht im SWR eine gewisse Experimentierfreude“, sagt Walter Filz im Interview mit BT-Redakteurin Christiane Lenhardt.

BT: Herr Filz, konnten Sie dem Festival trotzdem eine eigene Richtung geben?
Walter Filz: Letztes Jahr war ja alles aus der Not geboren, wir waren lange optimistisch gewesen, angesichts der tollen Inzidenz-Zahlen im Sommer, ein Festival im Herbst normal durchführen zu können. Jetzt sind wir schlauer geworden und haben überlegt: Was können wir machen, das mit einer größeren Sicherheit stattfindet? Deshalb verkürzen wir die Hörspieltage, lassen sehr viel von dem kleinteiligen Drumherum weg, wie die Hörspielbox oder das Hörspiel zum Selbermachen. Im Grunde alles, bei dem Menschen frei herumlaufen.

BT: Der Kinderhörspieltag fällt ganz aus.
Filz: Das haben wir relativ früh entschieden, weil die Kinder mit ihren Eltern an diesem Hörspielsonntag fröhlich herumwuseln. Wenn wir dagegen jetzt eine beschränkte Anzahl von Kindern gleichsam auf die Sitze fesseln, ist das nicht Sinn und Zweck der Veranstaltung.

BT: Wie wird das Festival Mitte November unter den neuen Regeln ablaufen?
Filz: Wir werden eine 2G-Regel haben. Damit können wir die Säle vollmachen, und es herrscht auf den Sitzplätzen auch keine Maskenpflicht. Die Länge der Hörspieltage hatte in der Vergangenheit auch damit zu tun, dass alle Wettbewerbsstücke vor Publikum gehört und anschließend diskutiert worden sind. Wir werden jetzt einen kompakten Diskussionsnachmittag haben, bei dem die Jury leibhaftig in Karlsruhe vor Ort sitzen wird. Die Stücke stehen online. Ein Hörspiel hört man eigentlich immer für sich, und das Hörspielfestival ist ohnehin eine Ausnahmesituation. Wenn das nicht so ankommt wie gedacht, dann machen wir es nächstes Jahr wieder anders.

BT: Im vergangenen Jahr leitete Doris Dörrie die Jury der Hörspieltage. In diesem Jahr sind die Schauspieldirektorin des Badischen Staatstheaters, Anna Bergmann, und die Preisträgerin des Heidelberger Stückemarkts, Maryam Zaree, in der Jury. Brauchen die Hörspieltage dringend Impulse von den darstellenden Künsten?
Filz: Wir haben bei den ARD-Hörspieltagen zuletzt stets versucht, das Ganze zu öffnen. Ganz am Anfang haben wir mit Hörspielkritikern gearbeitet, aber es stellte sich heraus, fürs Publikum ist es manchmal schwierig, wenn lauter Interne sehr intern über etwas reden. Von Menschen, die nicht ganz tief im Hörspiel drinstecken, kommen ganz gute gedankliche Impulse. Deshalb mischen wir das ein bisschen.

Ursprüngliches Theaterstück im Wettbewerb

BT: Die Sender reichen ja jeweils ein Stück in den Wettbewerb ein. Was war Ihnen bei der Auswahl wichtig?
Filz: Der SWR-Beitrag ist eine Bearbeitung eines Theaterstücks, aber es ist eine Bearbeitung, bei der ich den Eindruck habe, dass ich es mir fast gar nicht auf der Bühne vorstellen kann. Etwas, was akustisch 100-prozentig funktioniert. Und ein bisschen schauen wir auch darauf, dass es nicht der alleravantgardistischste Stoff ist. Dafür gibt es ja auch andere Wettbewerbe. Weil wir aber insgesamt Vielfalt zeigen wollen, haben wir mit „Bookpink“ von Caren Jeß ein Stück ausgewählt, das – mir immer das liebste – intelligente Gedanken mit Unterhaltung auf sehr gute Art und Weise verbindet.

BT: Nähern sich Hörspiel und Theater vermehrt an?
Filz: Viele Hörspielautoren schreiben auch Theaterstücke. Das hat sich in den letzten Jahren gar nicht so viel verändert. Wir gucken gerne auf die Theaterszene, und besonders auf den Heidelberger Stückemarkt. Weil wir auch sehen, dass manche Stoffe vielleicht nur deswegen auf dem Theater landen, weil die Autorinnen und Autoren zuerst ans Theater denken. Dann braucht es nur einen kleinen Impuls, dass sie auch ans Hörspiel denken.

BT: Seit 2017 haben Sie die Gesamtleitung der zuvor getrennten Redaktionen Hörspiel und Feature übernommen. Folgt diese Zusammenlegung der Vermischung der Form?
Filz: Seit gut 20 Jahren holt sich das Hörspiel zunehmend den Stoff aus der Wirklichkeit. Dokumentation kann nicht fiktiv sein, wohingegen Hörspiel dokumentarisch sein kann. Es kann alles sein.

BT: Sehr viele Menschen dürften Hörspiele als Podcast konsumieren. Wie kommt das Hörspiel überhaupt noch an?
Filz: Durch die Möglichkeit, zeitunabhängig und jederzeit online zu hören, erleben wir eine regelrechte Blüte. Denn die Zeit, in der man geguckt hat, Sonntag 18.20 Uhr, mache ich mir einen Strich im Kalender, damit ich das angekündigte Hörspiel hören kann, ist vorbei, das machen heute nur noch ganz wenige. Umgekehrt haben wir online Hörerschichten erreichen können, die gar nicht wussten, dass wir das seit Jahr und Tag machen. Damit meine ich nicht nur Jüngere, sondern auch Leute, zu deren täglichem Hörprogramm nicht Hörspiele gehörten, die entdecken das jetzt durch die Audiothek oder über andere Plattformen wieder. Für uns sind das große und gute Zeiten. Es sind wirklich Hunderttausende, die gerne Hörspiele hören.

„Ein erfolgreiches Geschäftsmodell“

BT: Haben Sie Konkurrenz?
Filz: Im Hörspiel sind wir, die Öffentlich-Rechtlichen, nach wie vor die großen Player und Produzenten. Es kommen jetzt langsam Private dazu. Das zeigt ja auch noch mal, dass das Hörspiel ein erfolgreiches Geschäftsmodell ist.

BT: Zu den erfolgreichen Hörspielproduktionen der letzten Jahre gehören „Ulysses“ von James Joyce mit 22 Stunden und Thomas Pynchon mit „Enden der Parabel“ 13 Stunden. Auch Ihre „Akte 88. Die 1.000 Leben des Adolf Hitler“, die Sie mit Michael Lissek konzipiert haben, lief in drei Staffeln über zehn Folgen. Wie viele Leute hören sich das über eine längere Strecke an?
Filz: Diese drei Beispiele von Serienproduktionen sind sicherlich nicht massengeschmackstauglich. Das sind ambitionierte Projekte, die doch eher Minderheiten ansprechen. Aber bei anderen Sachen haben wir die Erfahrung, die man auch im Fernsehen- und Videobereich macht: Serien sind ungeheuer beliebt. Menschen möchten sehr lange irgendwo drin sein. Es gibt tatsächlich einen großen Bedarf an Stoff, der nicht aufhört.

BT: Stellen sich die Sender vermehrt darauf ein?
Filz: Wir machen nicht alles zur Serie, und auch nicht die Hälfte der Hörspielproduktionen, aber es wird ein wesentlicher Punkt sein. Teilweise sind Serien so gedacht, dass sie eigentlich nur noch online laufen können. Wir haben ja im Radioprogramm unsere Stundentaktung, aus der kommen wir nicht raus. Die Nachrichten sind die Nachrichten. Wenn wir aber ein bisschen freier denken, dass bei einer Serie auch mal eine Folge 43 Minuten haben kann und die nächste 54 Minuten, dann sind wir aus dem klassischen Programmschema raus und schauen auf den Online-Bereich.

BT: Das sind aufwendige Produktionen. Wie sind die Hörspielredaktionen finanziell ausgestattet?
Filz: Beim SWR geht es uns insofern gut, dass wir seit langer Zeit keine Etatkürzungen haben, abgesehen von der Inflations- und Teuerungsrate. Es gibt auch bei interessanten Projekten, die Möglichkeit im SWR, einen Extra-Etat einzusetzen oder mit Kolleginnen und Kollegen der ARD Koproduktionen einzugehen. Wir sind momentan in einer schönen Ausprobierphase.

BT: Wie kommt es zu dieser Ausprobierphase?
Filz: Weil im Moment niemand weiß, was wie tatsächlich gehört wird und welche Möglichkeiten es gibt. Wir schauen, wie interaktive Stücke funktionieren, Stücke etwa an denen sich die Hörer über Sprachsteuerung wie Alexa beteiligen können. Wir probieren auch Formate für andere Endgeräte aus. Gibt es vielleicht für Smartphones eine bestimmte Herangehensweise? All diese Überlegungen machen auch einen Tag bei den Hörspieltagen aus. Beim Tag „Next Generation“ stellen wir, ARD, ORF und die Schweiz, neue Projekte vor, teilweise auch Dinge, die noch im Fluss sind oder noch nicht zu Ende gedacht sind. Im Moment herrscht im SWR eine gewisse Experimentierfreude. Das finde ich toll.

BT: Schlägt sich das auch in der Hörer-Resonanz nieder?
Filz: Wir haben ja ein viel genaueres Feedback von Hörerinnen und Hörern. Vorher haben wir ein bisschen in eine Art idealisiertes Publikum hineingesendet. Das sich aber nur ganz selten mal zurückgemeldet hat.

Wenn Alexa am Hörstück mitwirkt

BT: Welche Rolle spielt die Quote noch?
Filz: Die spielt insofern eine Rolle, weil wir sie jetzt haben. Wir hatten sie vorher nicht. Jetzt können wir Klickzahlen zählen. Anders als beim Fernsehen, wo es die ausgewählten Zuseher mit ihren Erfassungsgeräten am Fernsehgerät gibt, machen wir das im Hörfunk nicht. Da müssen wir Menschen anrufen und hoffen, dass sie sich erinnern, was sie gehört haben. Das ist bei einem schmalen Kulturprogramm sehr schnell eine sehr kleine Datenbasis. Jetzt können wir sogar bei jedem Stück minutengenau sehen, wie lange jemand gehört hat. Das ist manchmal frustrierend, wenn man selbst gedacht hatte, genau diese Stelle sei so spannend, dabei sind bei der viele ausgestiegen. Es ist aber umgekehrt begeisternd, wenn ein komplizierter Stoff, trotzdem eine fünfstellige Hörerzahl hat.

BT: Wie hoch sind die Hörer-Zahlen?
Filz: Mit den Krimis werden wir meistens sechsstellig, um die 100.000 bis 250.000 Hörer. Wenn wir mit anderen Produktionen 30.000 bis 40.000 Hörer erreichen, ist das für uns eine ungeheure Zahl. Im Vergleich zum Film haben wir beim Hörspiel ja nur ein Zehntel der Produktionskosten.

BT: In diesem Jahr wurden Sie als Autor mit dem Axel-Eggebrecht-Preis fürs Lebenswerk im Bereich des Radiofeatures ausgezeichnet. Was bedeutet Ihnen der Preis?
Filz: Über den Preis habe ich mich wirklich sehr, sehr gefreut. Auch wenn das ein bisschen eitel klingt, denke ich, dass ich ein paar Sachen gemacht, die es vorher in der Form nicht gab, mit einer anderen Art von Material und über einen längeren Zeitraum hinweg. Ich habe aber auch gedacht: Jetzt musst du ja nicht mehr viel machen.

BT: Hören Sie als Hörspiel- und Feature-Autor auf?
Filz: „Akte 88“ war jetzt noch mal was. Davor habe ich, fast zehn Jahre nichts gemacht. Doch bevor ich als Hörspielredakteur beim SWR anfing, habe ich so viele Themen angepackt, dass ich nicht mehr viel auf dem Zettel stehen habe, das ich verwirklichen möchte. Wenn ich in Ruhestand gehe, mache ich auch nichts mehr. Bücher schreiben vielleicht, das geht ja auch noch.

BT: Wie viele Hörspiele produziert der SWR pro Jahr?
Filz: So um die 50 bis 60.

BT: Und mit „Bookpink“ von Caren Jeß sind Sie bei den Hörspieltagen dabei und rechnen sich gute Chancen aus?
Filz: Naja. Wir sind dort ja nicht als geifernde Konkurrenten. Das Festival ist auch ein Branchen- und Szenetreff. Wir Hörspielmenschen sind ja eine überschaubare Menge. Wir freuen uns, dass wir uns mal wiedersehen, nach jetzt zwei Jahren umso mehr.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Christiane Lenhardt

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Erstellt:
29. Oktober 2021, 09:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 6min 27sec

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