Hoffen auf das Sommersemester

Baden-Baden (kli) – Wie kommen Erstsemester mit dem Studienalltag in Corona-Zeiten klar? Das BT hat sich bei Studenten in Karlsruhe umgehört. Für die meisten ist der Digital-Betrieb eine Umstellung.

Ein Dozent zeichnet in einem leeren Hörsaal eine digitale Wirtschaftsvorlesung auf.    Foto: Uwe Anspach/dpa

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Ein Dozent zeichnet in einem leeren Hörsaal eine digitale Wirtschaftsvorlesung auf. Foto: Uwe Anspach/dpa

Die Corona-Pandemie beeinflusst auch den Alltag von Studenten nachhaltig. Wie gehen Erstsemester mit den Herausforderungen um, die ihren Start ins Studium prägen? Vier Studenten, die im Herbst ihr Studium in Karlsruhe begonnen haben, berichten über ihre Erfahrungen.
Nilani Suriakumar: „Anfangs war ich skeptisch, denn ich habe mich auf neue Leute gefreut und dann ist man gezwungen, zuhause am PC zu sitzen“, erzählt Nilani Suriakumar. Die 19-Jährige studiert Mathe und Physik auf Lehramt an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe. Zu Beginn sei es ihr schwergefallen, in die Technik reinzufinden, fühlte sich allein gelassen. „Es gab keine Einführungswoche für Erstsemester, nur digitale Angebote“, sagt sie. Anfangs habe man noch gehofft, dass man sich in den Tutorien in Physik, wo nur wenige Teilnehmer dabei sind, „in echt“ treffen könnte, aber das gehe inzwischen auch nicht mehr. Jetzt verfolgt sie zuhause die Vorlesungen. „Es ist schon ein mulmiges Gefühl, weil es live immer etwas anderes ist.“ Suriakumar wohnt in Pforzheim bei ihren Eltern und bleibt dort vorerst auch. „Ich spare die Pendelzeit.“ Das hat aber auch Nachteile. Zuhause fällt es ihr schwer, sich auf die Vorlesungen zu konzentrieren. „Wenn man zur PH fährt, weiß man, man ist richtig da und dann auch aufmerksam.“ Zuhause werde man sehr schnell vom Studium abgelenkt. Sie sei auf das Online-Studium gut vorbereitet gewesen. „Ich habe aber keinen Vergleich, ich kenne das Studentenleben nur so! Ich bin gespannt darauf, wie es sein wird, wenn es wieder normal ist.“ Überrascht zeigt sich Suriakumar, „dass es technisch so gut klappt, wenn 500 Leute an einer Vorlesung teilnehmen, dass das System so stark ist.“

Tim Johann: Der 23-Jährige studiert Elektro- und Informationstechnik an der Hochschule Karlsruhe für Technik und Wirtschaft. Der erste Info-Tag an der Hochschule war noch in Präsenz, aber recht bald wurde alles auf digital umgestellt. „Ein Problem ist, wie man so Kontakt knüpfen soll“, sagt er. Man muss Laborversuche zu zweit angehen, auch zu zweit ein Protokoll über die Versuche anfertigen. „Mein Laborpartner hat das Studium schon geschmissen, jetzt muss ich das Protokoll alleine schreiben“, berichtet Johann. Als einzigen Vorteil sieht er, dass die Fahrzeit zur Hochschule wegfällt, Johann lebt weiter zuhause bei seinen Eltern in Rülzheim im Landkreis Germersheim. „Die Zeit kann ich zum Lernen nutzen“, berichtet er. Aber man könne halt keine Leute kennenlernen. Auch für die Dozenten sei die Lage nicht optimal. „Normalerweise können sie durch die Reihen laufen und Hilfestellungen geben. So aber kann der Dozent nicht ablesen, wie es uns geht. Wir müssen ihm daher Fragen stellen.“ Die Hochschullehrer sehen online keine Gesichter, sondern nur eingeblendete Namen. „Einige Dozenten rufen einzelne Studenten auf. Das ist gut, denn so muss man als Student aktiv mitarbeiten.“ Johann mahnt: „Wir dürfen jetzt nur nicht den Anschluss verlieren. Vielleicht setzen wir uns dann im zweiten Semester zu den Veranstaltungen für die Erstsemester mit rein.“ Die Prüfungen im Februar sollen, wenn möglich „in echt“ stattfinden. „Die Dozenten setzen alles dran, die Prüfungen in Präsenz abzuhalten. Sonst müssten sie ja mit einer Webcam überwachen, ob wir zuhause nicht mogeln.“

Wenigstens kann man morgens länger schlafen

Marco Smuda hat an der Hochschule für Technik und Wirtschaft ein Studium begonnen. Der 19-Jährige aus Iffezheim hat im Sommer in Baden-Baden sein Abi gemacht und studiert jetzt Wirtschaftsingenieurwesen. Im Oktober war Präsenzunterricht, darüber war er heilfroh, weil man da noch Lerngruppen bilden konnte. Nach Karlsruhe umziehen lohnt sich für ihn nicht, „weil ich eh nur die ganze Zeit vor dem Rechner sitze.“ Morgens, das schätzt er am Digital-Studium, könne er länger schlafen. Der erste Block beginnt um 8 Uhr, es genügt, wenn er sich fünf vor acht vor den Rechner setzt. Bis zu 200 Studenten hören den Online-Vorlesungen den Professoren zu. „Manche machen dann auch mal die Kamera an, und das ist gut so, dann versteht man wenigstens, was man studiert. Ich vergesse sonst, dass ich studiere.“ Lustig fand es Smuda, als Studenten mal online im Halloween-Kostüm oder an St. Martin mit einer Laterne zu sehen waren. Am schwersten findet er es, sich zu motivieren. „Ich versuche, an allen Vorlesungen teilzunehmen und eine gewisse Routine zu entwickeln.“ In Bibliothek und Mensa war er noch gar nicht. Er hofft, das alles im Sommersemester nachholen zu können. „Ich wünsche mir den Vollbetrieb im Sommersemester an der TH vor Ort“, so Smuda.

Tabita Prochnau hat im Oktober an der Hochschule für Musik begonnen, Musikjournalismus zu studieren. Die 19-Jährige aus dem Kreis Ludwigsburg ist froh, im Oktober noch vor Ort gewesen zu sein. Seitdem ist Präsenzunterricht nur noch eine seltene Gelegenheit, zum Beispiel für Fotografie und Kamera, oder für Instrumente und Gesang – mit viel Abstand, Masken und Trennwänden. „Ich bin sehr dankbar für die wenigen Präsenzveranstaltungen“, erzählt sie. Beim Digital-Unterricht sei ihr anfangs die Decke auf den Kopf gefallen, inzwischen habe sie sich aber damit abgefunden und sogar positive Seiten daran entdeckt. „Bei den Online-Seminaren kann man sich mal ohne Masken anschauen.“ Und noch etwas Positives: „Man kann zuhause auf der Couch sitzen und die Familie öfter sehen.“ Sie ist froh, dass sie nur zu acht im Studiengang sind, „das ist kein riesiger Studiengang“. Viele hätten ihr gesagt: Wie kann man jetzt ein Studium anfangen! Prochnau antwortet: „Ich finde das gar nicht so schlimm. Ich würde aber jetzt nicht unbedingt Abi machen wollen.“

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Erstellt:
4. Dezember 2020, 17:34 Uhr
Aktualisiert:
4. Dezember 2020, 18:57 Uhr
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