Hoffnungsträger in Warteschleife

Karlsruhe (BNN) – Für manche Menschen sind die sogenannten Totimpfstoffe die große Hoffnung im Kampf gegen Corona. Was können sie wirklich?

Viele Menschen lassen sich derzeit mit einem mRNA-Impfstoff boostern oder erstimpfen. Manche Zögerlichen warten aber auf herkömmlichen Totimpfstoff. Foto: Frank Vetter

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Viele Menschen lassen sich derzeit mit einem mRNA-Impfstoff boostern oder erstimpfen. Manche Zögerlichen warten aber auf herkömmlichen Totimpfstoff. Foto: Frank Vetter

Rund ein Drittel der Nichtgeimpften (34 Prozent) in Deutschland hält laut einer Forsa-Umfrage die verfügbaren Covid-19-Impfstoffe für nicht ausreichend erprobt. Für manche Menschen sind die sogenannten Totimpfstoffe die große Hoffnung im Kampf gegen Corona. In einigen Ländern außerhalb Europas sind sie bereits im Einsatz, auch in der EU laufen bereits Zulassungsverfahren. Was macht diese eher traditionelle Waffe gegen das Virus besonders, wie wirksam ist sie – und wann könnte sie in Deutschland auf den Markt kommen?

Was versteht man unter Corona-Totimpfstoffen?
Solche Impfstoffe enthalten echte, aber chemisch abgetötete Krankheitserreger (Viren), die sich nicht vermehren können. Sie werden vom Körper als fremd erkannt und regen das Immunsystem zur Antikörperbildung an, was später im Kampf gegen den echten Angreifer hilft. Da die Reaktion auf einen toten Erreger im Vergleich mit einem lebenden schwächer ausfällt, wird das Immunsystem mit einem Hilfsstoff oder Wirkverstärker (Adjuvans) wie Aluminiumsalz zusätzlich stimuliert. In manchen Fällen werden für solche Vakzine Teile des Virus verwendet, andere Technologien verwenden den kompletten Erreger.

Was unterscheidet solche Impfstoffe von anderen Impfstoff-Familien?
Ihre Herstellung. In den klassischen Lebendimpfstoffen werden, wie der Name schon sagt, lebensfähige, abgeschwächte Erreger verwendet. Sie können sich vermehren, aber nicht krank machen. Das Wirkprinzip im Körper ist aber gleich wie bei den toten Viren. Man kennt Lebendimpfstoffe schon lange. Sie schützen uns zum Beispiel gegen Masern, Mumps, Röteln und Windpocken. Dann gibt es noch die modernen mRNA-Impfstoffe. Sie enthalten den künstlich produzierten „Bauplan“ eines typischen Corona-Merkmals, das Spike-Protein.

Wenn ein mRNA-Stoff keine vermehrungsfähigen Erreger enthält, könnte man ihn nicht auch Totimpfstoff nennen?
Gewissermaßen schon. Obwohl sie anders hergestellt werden und teils andere Eigenschaften haben, setzt das Robert-Koch-Institut mRNA-Stoffe (zum Beispiel Biontech, Moderna) und die Vektorimpfstoffe (Astrazeneca, Johnson & Johnson) mit den Totimpfstoffen gleich. Der Begriff Totimpfstoff stammt noch aus der Zeit, in der es noch keine mRNA gab und man diese Stoffe von anderen Substanzen mit lebenden Viren unterschied.

Welche Anti-Corona-Stoffe sind in Arbeit?
In Deutschland und Europa sind vor allem drei Stoffe bekannt: Nuvaxovid (auch Novavax oder NVX-CoV2373), das vom US-Unternehmen Novavax entwickelt wurde. Außerdem noch VLA2001 vom französisch-österreichischen Hersteller Valneva und das chinesische Produkt Vero Cell von Sinovac. Der erste Impfstoff basiert auf winzigen Partikeln, die aus einer im Labor hergestellten Version des Spike-Proteins von Sars-CoV-2 bestehen. Die beiden anderen nutzen ganze, abgetötete Viren. Alle drei durchlaufen derzeit den Zulassungsprozess.

Werden sie schon woanders auf der Welt verimpft?
Ja, zum Teil. Der chinesische Stoff wird beispielsweise in Indonesien und China verwendet und hat eine Notfallzulassung der Weltgesundheitsorganisation WHO erhalten. Novavax wurde in Indonesien und auf den Philippinen zugelassen.

Wie sicher und effizient sind diese Impfstoffe?
Einige Studien kommen zum Schluss, dass die Totimpfstoffe generell einen guten Corona-Schutz bieten und zumeist milde Nebenwirkungen haben. Zum Beispiel das Novavax-Produkt, das zweimal gespritzt werden muss: Laut der Phase-3-Studie soll es eine Wirksamkeit von 90,4 Prozent bieten. Das heißt, dass bei geimpften Probanden 90 Prozent weniger Erkrankungen auftraten als bei nicht geimpften. Der Schutz gegen schwerere Verläufe lag laut Novavax sogar noch höher. Zudem habe es wenige Nebenwirkungen gegeben, gab das US-Unternehmen im Juni 2021 bekannt. Ähnlich ist es bei Valneva: „Im Allgemeinen gut verträglich“.

Welche Vorteile haben generell klassische Totimpfstoffe gegenüber anderen Typen?
Ein Vorteil ist, dass sie über eine sehr lange Zeit bei Kühlschranktemperaturen gelagert und besser transportiert werden können. Denn sie bleiben auch dann wirksam, wenn sie rund 24 Stunden bei Raumtemperatur aufbewahrt werden. Beides ist wichtig für den Einsatz in Entwicklungsländern. Traditionelle Totimpfstoffe haben außerdem in der Regel nur geringe Nebenwirkungen wie Müdigkeit, Kopf- und Muskelschmerzen.

Wann ist mit der Zulassung der Totimpfstoffe in der EU zu rechnen?
Es wird noch etwas dauern. Die besten Chancen hat derzeit Novavax, dessen Hersteller im vergangenen Monat eine sogenannte bedingte Marktzulassung in der EU beantragt hat. Der Antrag wird nun „beschleunigt“ geprüft. Eine Entscheidung, so die EMA, könnte „binnen weniger Wochen“ fallen. Doch auch danach wird es dauern, bis das Vakzin verfügbar ist. Virologen raten deswegen Ungeimpften, angesichts der schnellen Omikron-Verbreitung besser auf die vorhandenen und ebenso sicheren und wirksamen Vakzine zuzugreifen, anstatt weiter auf die Totimpfstoffe zu warten.

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