Hohes Energielevel: Neuer Tanzabend in Mannheim

Mannheim (cl) – Beim Tanzabend „En vogue“ mit zwei Uraufführungen am Nationaltheater Mannheim geht es um Fragen der Existenz. Der kleine Mann und ein Fels zeigen optisch die Pole der Verletzlichkeit.

Zerstörung und Gleichgewicht: Ausdruckstanz mit dem Felsen in der uraufgeführten Choreografie „Aeon“ von Paul Blackman und Christine Gouzelis am Mannheimer Nationaltheater.  Foto: Maximilian Borchardt

© pr

Zerstörung und Gleichgewicht: Ausdruckstanz mit dem Felsen in der uraufgeführten Choreografie „Aeon“ von Paul Blackman und Christine Gouzelis am Mannheimer Nationaltheater. Foto: Maximilian Borchardt

Das Nationaltheater Mannheim stellt im neuen Tanzabend „En vogue“ Fragen der Existenz und des Menschseins in zwei ganz unterschiedlichen Uraufführungen. Ein bühnenbeherrschender Holzkäfig und ein bedrohlich über den Köpfen pendelnder Fels zeigen optisch die Pole der Verletzlichkeit des Menschen und die Kraft, die aus dem Kooperieren erwächst. Gespickt mit kleinen bewegungstechnischen Raffinessen mischen sich dabei Ausdruckstanz mit Hip-Hop-Anleihen und sprudelnder Körperenergie – und verflüchtigen sich auf der Bühne unter Nebelschwaden. Die Premiere am Sonntagabend ist mit viel Applaus aufgenommen worden.

In der Choreografie „The little man“ von Imre und Marne van Opstal versucht ein Trio an der überdimensionalen, halbkreisförmigen Sprossenwand, sich mit unbändigem Bewegungsdrang aus seiner Begrenzung zu kämpfen: Turnend, zappelnd, schlangengleich sich zwischen den Sprossen hindurch windend, dann derwischhaft, wollen die beiden Tänzer und die Tänzerin die Einschränkung des Räumlichen überwinden – es gelingt ihnen nicht. Wie klein der Mensch, wie klein seine Möglichkeiten doch sind.

Die Geschwister van Opstal, einst engagiert bei der Weltklasse-Compagnie Nederlands Dans Theater, werden derzeit unter den bemerkenswertesten neuen Tanzschöpfern hoch gehandelt. In Mannheim zeigen sie nichts mehr von der fließenden Balletteleganz des NDT, sondern führen den Tanz bei dieser halbstündigen Käfig-Choreografie, angetrieben von einem Musikmix aus Trommelrhythmus und sphärischem Klang, zurück in ganz archaische, fast äffische breite Gestik, zurück zur Essenz des Animalischen im Menschen.

Tanz im Holzkäfig der Geschwister van Opstal

Das sehr menschliche Treiben wird in „Aeon“, dem zweiten Teil des Tanzabends von Paul Blackman und Christine Gouzelis, unter einem unablässig pendelnden Felsen in eine intensive Gruppendynamik aufgelöst. In der tanztheatralischen Geschichte des in Athen arbeitenden Choreografen-Paars interagieren acht Mannheimer Ensemblemitglieder graziös sich biegend und auch derb fallend mit dem massiven Stein. Das führt auch zu spielerischen Sequenzen, in denen die Tänzer wie Steinskulpturen an antiken Schauplätzen auf Sockel posieren und schließlich unter Donnergrollen, so als gäbe es einen Meteoriteneinschlag, durcheinander fallen und unter Trümmern begraben werden. Bei „Aeon“ gerät der Mensch in eindringlichen, düsteren Bildern zu den neu komponierten Beats des Komponisten und Musikdesigners Christos Parapagidis zwischen die Kräfte des Weltalls und wird schließlich aufgefordert im Team zu handeln und in den Weltraum vorzustoßen, um sich zu retten. Eine bemerkenswerte Performance von Gleichgewicht und Chaos, von Konstruktion und Dekonstruktion. Im Überlebenskampf mit einem schwingenden Felsbrocken gilt es, mit gemeinsamer Kraft dem Ganzen eine andere Richtung zu geben. Ein hohes Energielevel wird erreicht, unter dem sich die Körper geschmeidig rollend biegen. Allerdings hätte man sich bei dieser Auseinandersetzung doch ein paar mehr choreografische Einfälle gewünscht.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Christiane Lenhardt

Zum Artikel

Erstellt:
21. Februar 2022, 20:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 19sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Orte


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.