Hornisgrinde: Klima- kollidiert mit Artenschutz

Sasbachwalden (ab) – Auf der Hornisgrinde soll ein weiteres Windrad gebaut werden, doch das Projekt könnte dem seltenen Auerhuhn schaden.

120 Meter misst das Windrad auf der Hornisgrinde bis zur Rotorspitze. Foto: Armin Broß

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120 Meter misst das Windrad auf der Hornisgrinde bis zur Rotorspitze. Foto: Armin Broß

Im Kampf gegen den Klimawandel kommt dem Ausbau der Erneuerbaren Energien eine wichtige Rolle zu. Auch die Windkraft soll ihren Teil beitragen. Konfliktpotenzial, falls vorhanden, gibt es dabei zumeist mit Anwohnern oder mit wirtschaftlichen Interessen – manchmal freilich ist es ausgerechnet der Natur- und Artenschutz, der schwierige Abwägungen erforderlich macht. Dies zeigt das Beispiel Hornisgrinde.

Windkraft hat auf der Hornisgrinde gewissermaßen schon Tradition: 1994 errichtete der Ortenauer Windkraft-Pionier Peter Griebl hier drei kleinere Anlagen. 2015 wurden diese durch die aktuelle, große Windenergieanlage ersetzt: 120 Meter misst sie bis zur Spitze des Rotorblatts; fast sechs Millionen Kilowattstunden Strom produzierte sie allein im vergangenen Jahr.

„Es gibt keinen windhöffigeren Standort in Baden-Württemberg“, erläutert Matthias Griebl. Der Sohn von Peter Griebl ist Geschäftsführer und – gemeinsam mit seinem Vater und seinem Bruder – Gesellschafter der Betreiber-GmbH. Windhöffigkeit beschreibt, etwas vereinfacht gesagt, die Windausbeute an einer bestimmten Position. Und weil diese so gut ist am Standort, beschäftigte sich Matthias Griebl schon bald mit dem Gedanken an eine zweite Windenergieanlage.

Streng geschützt: Ein vier Monate alter Auerhahn, hier bei der Auswilderung im thüringischen Unterweißbach. Archivfoto: Michael Reichel/dpa

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Streng geschützt: Ein vier Monate alter Auerhahn, hier bei der Auswilderung im thüringischen Unterweißbach. Archivfoto: Michael Reichel/dpa

Diese soll rund 250 Meter südlich von der bestehenden ihren Platz finden, so die Idee. Sie wäre deutlich leistungsfähiger als die erste, hätte eine Gesamthöhe von rund 150 Meter und könnte laut Prognose über 20 Millionen Kilowattstunden Strom pro Jahr liefern – genug, um rechnerisch fast alle Haushalte einer Stadt wie Achern zu versorgen, kalkuliert Griebl.

Fünf bis sechs Millionen Euro, schätzt er, müssten in das Projekt investiert werden. Wenn es denn überhaupt dazu kommt – denn es gibt ein Problem: Der anvisierte Standort befindet sich in einem Natura-2000-Schutzgebiet, konkret: in einem Vogelschutzgebiet. Insbesondere der Schutz des Auerhuhns spielt hier eine große Rolle.

Und so erhielt Griebl, der seinen Plan in der sogenannten Vorantragsphase beim für Naturschutz zuständigen Regierungspräsidium (RP) Freiburg vortrug, zunächst einmal einen deutlichen Dämpfer: Das RP zog eine Genehmigungsfähigkeit der Anlage in Zweifel. Denn, so erläutert die Behörde auf Anfrage des Badischen Tagblatts: Es sei „absehbar, dass bei einem möglichen Standort für eine zweite Windenergieanlage aufgrund der Lage der Anlagen im Vogelschutzgebiet ein sehr hohes artenschutzrechtliches Konfliktpotential gegeben ist“.

Zu nennen seien die bedeutende Auerhuhnpopulation sowie wichtige Bereiche für Zug- und Rastvögel. „Eine zusätzliche Anlage würde zusätzliche Störungen für die Vögel mit sich bringen, die es insbesondere angesichts des starken Rückgangs des Auerhuhnbestands im Schwarzwald zu vermeiden gilt“, führt das RP weiter aus.

Fachgespräch soll Möglichkeiten ausloten

Allerdings ist man sich beim Regierungspräsidium auch bewusst, dass sich „die Landesregierung im Rahmen ihrer Klimaschutzpolitik deutlich zum verstärkten Ausbau der Windenergie in den kommenden Jahren bekannt“ hat. Und so erklärt die Behörde auf Anfrage weiter, dass „das RP zum Ausbau der Erneuerbaren Energien steht und sich dem Projekt nicht verschließen wird, sollten fachlich und rechtlich tragfähige Lösungsmöglichkeiten bestehen“. In einem Fachgespräch mit allen Beteiligten sollen demnächst Spielräume und Grenzen ausgelotet werden, wie es abschließend heißt. Für die immissionsschutzrechtliche Genehmigung des Windrads ist wiederum das Landratsamt Ortenaukreis zuständig.

Griebl wirbt derweil weiter für sein Projekt, das er ausdrücklich auch als Beitrag zum Klimaschutz sieht. Der geplante Standort liege noch weiter weg von den Auerhuhn-Beständen wie der bestehende, argumentiert er. Und: Schon beim ersten Windrad habe man mit „Ausgleichsmaßnahmen“ gearbeitet, um Auflagen wegen des Auerhuhns zu erfüllen. So wurden 30 Hektar Wald mit forstlichen Maßnahmen als Lebensgebiet für die streng geschützte Vogelart gesichert. Nicht zuletzt sei der geplante Standort auf bereits freier Fläche: „Wir müssten wahrscheinlich keinen einzigen Baum fällen, weder für den Bau noch für die Zufahrt.“ Denn auch eine asphaltierte Straße sowie Stromtrassen sind Griebl zufolge vorhanden.

Was aber hat es nun konkret auf sich mit dem Auerhuhn? Geschützt ist dieses seltene Tier durch eine europäische Vogelschutzrichtlinie, die wiederum im Bundesnaturschutzgesetz umgesetzt wurde. Nach dessen Bestimmungen dürfen Auerhühner „nicht getötet und nicht gestört werden“, erläutert Dr. Rudi Suchant von der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (FVA) in Freiburg. Die FVA ist keine Genehmigungsbehörde, aber ihre Expertise spielt eine wichtige Rolle. Und Suchant ist ausgewiesener Auerhuhn-Fachmann.

Matthias Griebl sieht die geplante zweite Anlage auch als Beitrag zum Klimaschutz. Foto: Armin Broß

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Matthias Griebl sieht die geplante zweite Anlage auch als Beitrag zum Klimaschutz. Foto: Armin Broß

Seit 2012 ist der Bestand im Schwarzwald rückläufig auf mittlerweile rund 270 Exemplare, wie Suchant berichtet. Einziger Lichtblick: Von 2019 auf 2020 sei der Rückgang gestoppt worden. Erklärtes Ziel ist es, wenigstens eine Population von 600 Auerhühnern zu erhalten, so wie es sie noch im Jahr 2008 gegeben hat. „Von der jetzigen Verbreitung dürfen wir nichts mehr verlieren“, erklärt Suchant. „Im Gegenteil.“ Ein Aussterben der Auerhühner wäre ein „Riesenverlust“.

Die Tiere haben ihm zufolge nur noch ein „sehr beschränktes Lebensraumpotenzial“ – und gerade die Hornisgrinde zähle hierbei zu den Topgebieten im Schwarzwald. Windräder aber entfalten dem Experten zufolge eine „Scheuchwirkung“ auf die Auerhühner. „Wir wissen, dass Auerhühner durch Windräder gestört werden“, sagt Suchant. Mit einem Forschungsprojekt in den Jahren 2014 bis 2019 seien diese Erkenntnisse wissenschaftlich abgesichert worden. Bei der Beurteilung der ersten Windkraftanlage auf der Hornisgrinde sei man damals noch etwas vorsichtiger gewesen.

Während der Auerhuhn-Experte seine Skepsis also deutlich erkennen lässt, wächst dagegen die politische Unterstützung für das Windkraft-Projekt. „Ich halte die zweite Windkraftanlage für wichtig“, sagt Sonja Schuchter, Bürgermeisterin von Sasbachwalden, auf dessen Gemarkung sich sowohl die jetzige Anlage befindet als auch die künftige wäre. „Der Gemeinderat steht voll dahinter.“ Nach Schuchters Einschätzung würde das Projekt mit seinem Nutzen für Klimaschutz und Energiewende gut zum Profil von Sasbachwalden passen. „Wir sehen hier auch im sanften Tourismus unseren Weg“, ergänzt sie.

„Es nützt nichts, wenn wir die Natur zu Tode schützen.“

Schuchter verweist darauf, ähnlich wie Griebl, dass die Infrastruktur für die neue Anlage bereits vorhanden sei. Und sie äußert die Hoffnung, dass mit Ausgleichsmaßnahmen erreicht werden könne, dass das Auerhuhn in seiner Population nicht eingeschränkt wird. „Wenn man das Thema Klimaschutz ernst nimmt, muss man auch Möglichkeiten für einen Kompromiss aufzeigen“, betont die Bürgermeisterin.

Die Nachbargemeinde Seebach steht der zweiten Windenergieanlage zumindest nicht generell ablehnend gegenüber. Für Bürgermeister Reinhard Schmälzle – der sich selbst als Windkraft-Befürworter bezeichnet – ist aber Planungssicherheit wichtig, gerade was den Tourismus betrifft. Hintergrund: Die Gemeinde und die Waldgenossenschaft Seebach haben Schmälzle zufolge in den vergangenen Jahren viel Geld investiert in Infrastruktur und Projekte, speziell im Bereich des Hornisgrinde-Turms und der Grindehütte. „Wir wollen, dass das nicht gefährdet ist“, sagt Schmälzle, insbesondere mit Blick auf mögliche Lärmbelastungen. Ziel müsse sein, dass die Immissionswerte so eingehalten werden, dass „eine Entwicklung im Bereich Tourismus und Erholung möglich ist“. Und: Die Netze müssten so stark sein, dass es nicht eventuell durch ein Zuviel an Leistung „ständig Stromausfall“ gebe.

Auch eine Ebene höher wird die Politik aktiv: Erst kürzlich waren die mittelbadischen Grünen-Landtagsabgeordneten Thomas Marwein (Wahlkreis Offenburg), Hans-Peter Behrens (Wahlkreis Baden-Baden) und Thomas Hentschel (Wahlkreis Rastatt) bei einem Vor-Ort-Termin und signalisierten ihre Unterstützung. „Ich möchte, dass hier eine zweite Windkraftanlage steht“, sagte Marwein. Wenn man immer nur sage: ,Da nicht und dort nicht‘, dann werde das nichts mit dem Klimaschutz, so Marwein weiter. Er zeigte sich optimistisch, dass eine Einzelgenehmigung möglich sei. „Meine Unterstützung haben Sie“, betonte auch Hentschel an die Adresse Griebls. Und mit Blick auf den Klimawandel ließ Hentschel Prioritäten erkennen: „Es nützt nichts, wenn wir die Natur zu Tode schützen.“


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