Hügelsheimer baut Gitarre aus heimischen Hölzern

Hügelsheim (sch) – Schleifen, Leimen und in Form biegen: Zimmermeister im Ruhestand investierte schon 180 Arbeitsstunden

Zimmermeister Roland Schell aus Hügelsheim baut selbst eine Gitarre und erfüllt sich damit einen lang gehegten Herzenswunsch. Foto: Bernhard Schmidhuber

© sch

Zimmermeister Roland Schell aus Hügelsheim baut selbst eine Gitarre und erfüllt sich damit einen lang gehegten Herzenswunsch. Foto: Bernhard Schmidhuber

Gitarrespielen, bei diesem Hobby blüht der eine oder andere auf und beherrscht die Saiten nach ein bisschen Übung ganz gut. Laut dem Marktforschungsunternehmen Media Control widmen sich 15,9 Prozent aller Musizierenden diesem so beliebten Saiteninstrument. Aber selbst eine Gitarre bauen? Das trauen sich nicht viele. Genau an diese Aufgabe wagt sich dieser Tage der im Spargeldorf wohnende, ehemalige Zimmermeister Roland Schell.
Seit 2017 ist der 61-Jährige im wohlverdienten Ruhestand, doch wäre der Begriff „Unruhestand“ sicher der treffendere Ausdruck. Man trifft ihn dieser Tage regelmäßig in seiner früheren Werkstatt im Bruchweg an, wo er sich mit viel Euphorie und einer großen Portion Können einen Herzenswunsch erfüllt: Selbst eine Gitarre anfertigen. „Es war um 1980 als ich meiner damaligen Freundin (und heutigen Ehefrau) imponieren wollte und ihr eine Gitarre baute“, erinnert er sich noch gut an seine ersten Gehversuche im Gitarrenhandwerk. Doch die viele Zeit, die für ein solch filigranes Werk notwendig ist, hatte der frühere Geschäftsmann fast nie. „Da muss man wirklich Zeit und Herzblut investieren“, sagt er. Seine Aussage spiegelt sich in den bisher geleisteten rund 180 Arbeitsstunden. In Corona-Zeiten stieß er „eher zufällig“ auf die früheren Hilfsmittel zum Gitarrenbau, die säuberlich aufbewahrt im heimischen Keller schlummerten.

Umgestürzter Zwetschgenbaum ist doch noch zu etwas gut

Und so reifte sein Plan, eine Gitarre für seinen musikalischen Schwiegersohn zu fertigen und das „ausschließlich aus heimischen Hölzern“. So besteht das neue Instrument aus Kirschbaumholz (Zarge und Boden), aus dem Holz seines vor Jahren beim Orkan Lothar umgestürzten Zwetschgenbaumes (Griffbrett, Verzierungen und Steg), aus Fichte (Decke), und die Holzkeile sind aus Lindenholz.

Im Gegensatz zu früheren Zeiten, in denen er sein Wissen im Gitarrenbau noch aus Bücher mühsam zusammentrug, ist dieses Mal das Internet überaus hilfreich. Denn seine Gitarre soll eine komplett neue Form bekommen. Dazu waren teils selbstkonstruierte Werkzeuge wie Negativ- und Positivschablone, Verleimhilfe, Bohrschablone sowie spezielle Holzzwingen zum Verleimen notwendig.

Dann endlich ging es ans Werk. Als Erstes wendete sich Schell der Decke zu und passte die Verzierungen um das runde Schallloch in die Vertiefungen ein. Hübsch sieht das aus. Wichtig beim Gitarrenbau ist, dass das Fichtenholz ganz den Vorstellungen des Gitarrenerschaffers entspricht, denn „90 Prozent des Klangreichtums einer Gitarre hängt von der Decke ab, sie muss schwingen können“, erklärt der Holzfachmann. Deshalb schleift er sie nicht nur insgesamt dünner, sondern schmirgelt am Rand mehr Holz weg als in der Mitte. Eine überaus anstrengende Beschäftigung im Zehntelmillimeter-Bereich.

Ein Herzenswunsch wird wahr

Die Gitarrendecke besteht aus Fichtenholz. Damit die dünne Decke trotzdem genügend Stabilität hat und eine leicht gewölbte Form annimmt, werden auf die Innenseite eine ganze Reihe von Holzplättchen geleimt und mit Heerscharen von Zwingen angepresst. Auch weiß Schell: „Während die Decke für die Kraft und Lebendigkeit des Klangs verantwortlich ist, bestimmen Boden und Seitenwände, die sogenannten Zargen, die Klangfarbe. Hartes Holz führt zu einem eher harten, weicheres zu einem runden Klang“.

Die Seitenwände müssen stark gebogen werden, damit sie der Gitarrenform entsprechen. Roland Schell zeigt es am Beispiel einer dünnen Leiste: Das Holz wird mit Wasser benetzt und dann gegen ein heißes ovales Eisen gedrückt. Nach mehrmaliger Anwendung ist die ehemals gerade Leiste gebogen. Decke, Boden und Seitenwände sind bereit zur Weiterverarbeitung und mithilfe von dreieckigen Holzkeilen werden sie zu einem Gitarrenkörper zusammengeleimt. Der überschüssige Leim ist auf dem Holz sofort zu entfernen, da er sonst „dilettantisch wirkende Spuren“ hinterlässt. Den klobigen Hals aus Ahorn bearbeitet Schell mit Stechbeitel, Feile und Schleifpapier.

So sieht man mit jedem Arbeitsschritt langsam das Ziel näher kommen. In den nächsten Tagen wird noch lackiert, das Griffbrett aus Zwetschgenholz wird gerichtet und aufgeleimt, die metallenen Bundstäbe werden in die Rillen geklopft, die Mechanik für die Saiten aufgeschraubt. Die Fertigstellung, so erklärt Schell schmunzelnd, wird „je nach Lust und Laune“ demnächst stattfinden.

Zum Artikel

Erstellt:
9. Januar 2021, 15:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 01sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.