Humor und Philosophie stören die Ordnung

Baden-Baden (wofr) – In seiner Kolumne „Denk-Anstoß“ stellt Wolfram Frietsch philosophische Ansätze und Ideen vor. Dieses Mal geht es um Philosophie und Comedy.

Die philosophische Kolumne im BT-Magazin gibt alle zwei Wochen einen Denk-Anstoß. Grafik: Fotogestoeber/stock.adobe.com

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Die philosophische Kolumne im BT-Magazin gibt alle zwei Wochen einen Denk-Anstoß. Grafik: Fotogestoeber/stock.adobe.com

Humor ist die Sache der Philosophen nicht. Weder geht es in der Philosophie lustig zu noch ist man heiter und guter Dinge, wenn Philosophiebücher gelesen werden, deren abstrakte Sprache und Gedanken nicht nur dem Alltagsverständnis entgegenstehen, sondern in einer Art und Weise herausfordern, dass Resignation neben Wut und Ärger noch das Geringste ist. Philosophen wie Kant, Hegel, Nietzsche oder Heidegger zu lesen ist alles andere als amüsant. Notwendig? Vielleicht. Sogar unterhaltsam. Bildend? Auf alle Fälle.

Doch, alles in allem, schwer verdauliche Kost in einer Zeit, in der Kochsendungen, Quizshows und Comedy Hochkonjunktur haben. Weder bedingt sich die angeführte Auswahl, das als Einschränkung, noch sollte das eine mit dem anderen verwechselt werden. Jedes Format hat eine eigene Sphäre. Gerade Comedy, wozu Satire und Kabarett zählen, ist dem Philosophischen eher zu- als abgeneigt. Dennoch ist dies eine Annäherung von einer anderen Seite, die zwar über das ureigene Werkzeug der Philosophie, das Denken, gelingt, sich als nachdenklich und provokativ ausnimmt, aber gut und gerne ohne Bezug auf Kant und Hegel auskommen kann.

Gleichwohl birgt der Humor eine innere Gefährlichkeit, die als Weltverständnis eingesetzt, erkenntnisfördernd ist. Auch hier wird sich einer Methode befleißigt, die im Witz, dem Ausgangspunkt aller Varianten von Komik, Satire bis Groteske, perfektioniert wird. Greifen wir zur Illustration zwei Beispiele aus dem Kosmos des Humors heraus. Der Begriff „Brennholzverleih“ birgt Komik. Der Wortwitz basiert auf dem Zusammenspiel von Vergänglichem (Holz) mit Ewigem (Verleih), denn der Verleih zeichnet sich ja gerade durch die Wiederverwendung des Verliehenen aus: Ich leihe ein Fahrrad und gebe es, möglichst unbeschadet, wieder zurück. Ein Stück Holz für den Kamin brenne ich notwendigerweise ab, damit es Wärme produziert. Dieser Vorgang, einmal in Gang gesetzt, ist nicht mehr umkehrbar. Das Brennholz existiert nicht mehr. Folglich kann ich es nicht zurückgeben. Damit wird der Gedanken des Verleihens unterlaufen. Für aufgeschlossene Gemüter hat dieser Wortwitz durchaus einen gewissen Unterhaltungswert.

Ziel: gewohntes Weltbild erschüttern

Ein weiteres Beispiel: „Guten Tag! Ich mochte gerne meinen Hammer umtauschen.“ – „Was ist denn daran nicht in Ordnung?“ „Er haut immer daneben.“ – Beide Witze funktionieren im Grunde ähnlich. Sie vermischen zwei an sich getrennte Ebenen miteinander. Das eine Beispiel vermengt das Ewige mit dem Augenblick; das andere Beispiel schiebt die eigene Unfähigkeit auf das Objekt und begeht damit einen Kategorienfehler. Der Fehler liegt nicht am Werkzeug, sondern bei dem, der es benutzt. Bewusst erzeugte Verwechslung ist ein grundlegendes Merkmal des Humors. Durch diese Verwechslung wird mir etwas deutlich, das ich zuvor nicht beachtet hatte. Das Gleiche unternimmt die Philosophie. Ebenso wie der Witz die Ordnung stört, indem er sie „auf den Arm nimmt“, stört die Philosophie die gewohnte Ordnung, indem sie ihr eine andere Perspektive abgewinnt.

Philosophie und Komik operieren auf (mindestens) zwei Ebenen mit dem Ziel, unser gewohntes Weltbild zu erschüttern oder zu verändern. Jede Philosophie gewöhnt uns darüber hinaus einen neuen Blick auf die Welt an. Dies geschieht dadurch, dass umgedeutet wird, was bereits gedeutet scheint und Unerwartetes in den Blick genommen wird, wo Erwartung und Alltag den Blick verstellte. Philosophie und Comedy operieren in getrennten Sphären, leben aber in einer Welt und bedienen sich beide der Kunst der Neudeutung. Angebracht wäre es nun, mit Humor aufzuhören. Aber, wie eingangs erwähnt: Humor ist die Sache der Philosophen nicht.

Literaturempfehlung: Georg Christopher Lichtenberg: Sudelbücher. Frankfurt 1984.

Vor zwei Wochen schrieb Wolfram Frietsch über Liebe und Unglück.

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Erstellt:
3. Januar 2021, 10:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 48sec

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