Hundsbach: „Schnuffi“ will gestreichelt werden

Forbach (stn) – Vor drei Jahren rettet Jägerin Heidrun Carstensen Frischling „Schnuffi“ vor dem Tod. Gemeinsam mit ihren beiden Töchtern zieht sie das Borstentier groß und gibt ihm ein Zuhause.

Im Schweinehimmel: Als ganz kleiner Frischling genießt „Schnuffi“ die Kuscheleinheiten. Foto: Heidrun Carstensen

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Im Schweinehimmel: Als ganz kleiner Frischling genießt „Schnuffi“ die Kuscheleinheiten. Foto: Heidrun Carstensen

Als wenige Tage alter Frischling kam „Schnuffi“ vor rund drei Jahren in die Familie von Jägerin Heidrun Carstensen aus Hundsbach. Bei einer Jagd fand der Hund eines befreundeten Jägers sie hilflos im Wald. Da das Jungtier alleine nicht überlebt hätte, hat die 54-Jährige es bei sich aufgenommen und liebevoll aufgepäppelt. Seitdem lebt „Schnuffi“ im Garten der Carstensens – und fühlt sich dort „sauwohl“.

An den Moment, als „Schnuffi“ in das Leben von Heidrun Carstensen trat, erinnert sich die Jägerin noch genau – für beide war es eine schicksalhafte Begegnung. „Am 2. Dezember 2017 apportierte der Hund eines befreundeten Jägers den Frischling – ganz vorsichtig – zu seinem Herrchen. Als ich gesehen hab, was der Jäger da unter seinem Pullover hervorholte, war die Überraschung groß“, erzählt Carstensen lachend. Die kleine Wildschwein-Dame zu töten, kam für sie nicht infrage. Und so fand „Schnuffi“ zunächst in der Garage der Carstensens ein neues Zuhause.

Der Frischling kommt vor Heimweh fast um

Mit Milch, viel Liebe und Schmuseeinheiten wurde sie von Carstensen und ihren zwei Töchtern Pia (20) und Lisa (14) vier Monate lang aufgepäppelt, bis sie wieder bei Kräften war. Danach, so war der Plan, sollte „Schnuffi“ in ein Wildtiergehege, um dort mit anderen Artgenossen zusammen zu leben.

Doch zu diesem Zeitpunkt hatte sich das Wildschwein schon so sehr an die Nähe seiner neuen, menschlichen Familie gewöhnt, dass der Abschiedsschmerz fast unerträglich war. „Sie hat unfassbar laut geschrien – als würde man sie ins Schlachthaus bringen“, erinnert sich Carstensen an den Tag der Trennung zurück.

Auch das Herz der Jägerin hing bereits sehr an dem Tier. Einer inneren Eingebung folgend kehrte sie nach vier Tagen zum Wildtiergehege zurück, um nach „Schnuffi“ zu sehen. „Ich habe gespürt, dass es ihr nicht gut ging.“ Bei der Ankunft der Schock: „Ich habe ein halb totes Tier vorgefunden. ,Schnuffi‘ hatte Fieber und konnte nicht mehr laufen.“

Um das junge Wildschwein nicht an Heimweh sterben zu lassen, nahm Carstensen das Borstentier mit nach Hause, wo „Schnuffi“ schließlich wieder aufblühte. „Sie hat sich so gefreut, das war unglaublich.“ Die Wiedersehensfreude war auch bei Pia und Lisa riesig. Besonders zur jüngsten Tochter habe die Wildschwein-Dame über die Zeit eine innige Verbindung aufgebaut. „Lisa hat ,Schnuffi‘ unter ihrem Pullover gewärmt. Und die beiden haben zusammen in der Hundedecke gelegen“, erinnert sich die 54-jährige Ziehmama.

Ziehmama Heidrun Carstensen. Foto: Nora Strupp

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Ziehmama Heidrun Carstensen. Foto: Nora Strupp

Garten wird zum Tiergehege

Um eine artgerechte Haltung zu ermöglichen, baute Carstensen ihren Garten kurzerhand in ein Schweinegehege um. Dort hat „Schnuffi“ alles, was sie braucht zum Glücklichsein: Viel Auslauf, eine eigene Hütte als Rückzugsort und jede Menge Leckereien wie Hundefutter, Äpfel, Getreide, Haferflocken und Salat im Futtertrog.

Doch das neue Familienmitglied im Alter von fast zwei Jahren von der Garage in den Garten umzusiedeln, gestaltete sich als schwierig. Denn „Schnuffi“ weiß, was sie will und was sie für ihr Wohlbefinden braucht – und fordert ihre Wünsche dementsprechend unmissverständlich ein. Wonach sich der Schwarzkittel am meisten sehnt: Nach der Nähe zu Heidrun Carstensen und ihren zwei Töchtern. Um dem tierischen Neuzuwachs die Eingewöhnung in die andere Umgebung zu erleichtern, schliefen Carstensen und ihre Töchter deshalb auch mal draußen in der eigens für „Schnuffi“ gebauten Hütte.

Dass Wildschweine ein schlechtes Image haben und nicht gerne gesehen sind, bedauert die Jägerin sehr. „Sie gelten als Rabauken, dabei sind sie genau das Gegenteil. Sie sind wahnsinnig intelligent, verspielt, neugierig und brauchen deshalb immer eine Aufgabe. Wenn die Leute das wüssten, würden sie die Tiere anders behandeln“, ist sie überzeugt. Sie weiß, dass jedes Tier einen ganz eigenen Charakter hat. „Schnuffis“ Eigenheiten kennt sie mittlerweile in- und auswendig: „Wenn man ihr nicht genügend Aufmerksamkeit schenkt, wird sie eifersüchtig“, erzählt die Forbacherin.

Jägerin verschont nun kleine Schweine

„Außerdem wird sie gerne gebürstet und liebt es, gekrault zu werden. Dann wirft sie sich auf den Rücken, macht die Augen zu und ist im Schweinehimmel“, berichtet Carstensen lachend.

Die Aufzucht von „Schnuffi“ hat die Arbeit der Jägerin nachhaltig verändert. Wildschweine einer bestimmten Größe zu schießen, bringt die 54-Jährige nicht mehr übers Herz. „Wenn sie zu klein sind, kann ich das nicht mehr. Das erinnert mich zu sehr daran, was wir mit ,Schnuffi‘ erlebt haben.“

Das mittlerweile drei Jahre alte und bis zu 80 Kilogramm schwere Wildschwein auszuwildern, ist für sie ebenfalls keine Option. „Dazu ist ,Schnuffi zu sehr an Menschen gewöhnt. Die einzige Möglichkeit wäre ein Gehege, wo sie mit einem Keiler eine eigene Familie gründen kann. Doch solange dieses nicht gefunden ist, bleibt sie im Garten der Carstensens. „Denn nur hier erfährt sie Tierwohl.“

Die liebevolle Aufzucht zeigt Wirkung: Mittlerweile bringt Wildschwein „Schnuffi“ stolze 80 Kilogramm auf die Waage. Foto: Nora Strupp

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Die liebevolle Aufzucht zeigt Wirkung: Mittlerweile bringt Wildschwein „Schnuffi“ stolze 80 Kilogramm auf die Waage. Foto: Nora Strupp

Ihr Autor

BT-Volontärin Nora Strupp

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Erstellt:
4. März 2021, 06:30 Uhr
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