Hundsbach größtenteils offline

Forbach (stj) – „Geopolitische Ereignisse“ erreichen den Forbacher Ortsteil und legen das Satelliten-Internet lahm.

Mit dem Satelliten Ka-Sat (hier noch in einem Reinraum des Astrium-Standorts in Toulouse) sollte selbst der hinterste Schwarzwaldhof Chancen auf Anschluss ans schnelle Internet bekommen. Hundsbach profitierte als eine der ersten Ortschaften davon. Foto: Astrium/dpa

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Mit dem Satelliten Ka-Sat (hier noch in einem Reinraum des Astrium-Standorts in Toulouse) sollte selbst der hinterste Schwarzwaldhof Chancen auf Anschluss ans schnelle Internet bekommen. Hundsbach profitierte als eine der ersten Ortschaften davon. Foto: Astrium/dpa

Mit dem landesweiten Modellprojekt „Breitbanderschließung im ländlichen Raum mit Satelliten“ machte Hundsbach am Weltfernmeldetag 2010 Schlagzeilen. Seither wird in den alten Forbacher Ortsteilen über den Satelliten Ka-Sat im Internet gesurft. Doch seit 24. Februar herrscht bei den Kunden plötzlich Funkstille. „Das Internet in Hundsbach ist tot“, bedauert Susanne Albrecht vom ortsansässigen Forstbetrieb Albrecht.

Seit der Nacht des Angriffs Russlands auf die Ukraine ist Ka-Sat ausgefallen. Internet-Nutzer in ganz Europa sind offline. Betroffen ist auch das Murgtal, wo die Technik in Kirschbaumwasen, Erbersbronn, in der Schwarzenbach und vor allem in Hundsbach genutzt wird.

Bisher sei man mit dem Internet-Anbieter Sky DSL stets zufrieden gewesen, blickt Susanne Albrecht zurück. Bis auf gelegentliche witterungsbedingte Probleme funktionierte der Zugang via Satellit meist reibungslos, einen Komplett-Ausfall habe es noch nie gegeben. Doch nun steht der Forstbetrieb, der vier festangestellte Mitarbeiter und zwei Saisonkräfte beschäftigt, vor erheblichem Mehraufwand. Die ganze Kommunikation, Rechnungen, Überweisungen, Lohnsteuer, Krankenkassenbeiträge, Buchungen – nahezu alles läuft heutzutage online. Teilweise greife man jetzt notgedrungen auf den Postweg zurück. „Oder ich gehe zwei Häuser weiter zur Nachbarin“, nimmt es Albrecht mit Humor, „da gibt es noch WLAN.“

„Man hängt total in der Luft“

In Hundsbach hilft man sich gegenseitig aus, wo es möglich ist. Von Anbieterseite her könne man das nicht sagen, beklagt Albrecht: „Man hängt total in der Luft.“ Das deckt sich mit Angaben weiterer Betroffener: Auf Nachfragen gebe es nur ausweichende und nichtssagende Informationen. In einem Schreiben an seine Kunden verweist Sky DSL auf „geopolitische Ereignisse“ und „neue Sicherheitsbedürfnisse für unabhängige Internetanschlüsse“, weshalb die Kundenbetreuung des Unternehmens „seit einigen Tagen eine außergewöhnliche Erhöhung des Anrufaufkommens“ zu bewältigen habe.

Das ist für die Betroffenen unbefriedigend: „Fast jeden Tag versuche ich, auf irgendeine Art und Weise in Kontakt zu treten beziehungsweise eine Information zu bekommen – vergebens“, ärgert sich auch Bernd Kreuzinger. Der Hundsbacher, der in der IT-Branche selbstständig ist und der wegen der nicht vorhandenen Echtzeit-Internetverbindung daheim extra ein Büro in Baiersbronn-Obertal unterhält, nutzt privat seit zwei Jahren zusätzlich zum Satelliten-Internet auch -Telefonie (nachdem die Telekom auf analog zurückgesetzt hat).

„Seit 24. Februar geht gar nichts mehr, auch nicht mobil. Der Monatsbeitrag vom Provider ist allerdings pünktlich im Voraus am 1. März abgebucht worden“, so Kreuzinger. Nicht mal einen Notruf könne er von zu Hause derzeit absetzen, nennt er ein weiteres Problem, das in dem abgelegenen Schwarzwaldörtchen mehrere haben dürften.

Steckt ein Cyberangriff hinter dem Ausfall?

Heutzutage gehöre eine vernünftige Internetanbindung zur Grundversorgung, meint der Selbstständige und macht diesbezüglich der Politik Vorwürfe, die in Sachen Digitalisierung jahrelang viel zu wenig getan habe. Er hofft jetzt auf den baldigen Anschluss Hundsbachs an das Glasfasernetz des Landkreises Rastatt. Wenn das in Betrieb sei und funktioniere, würde Kreuzinger umgehend sein Büro in Obertal aufgeben und seinen Firmensitz nach Hause in Hundsbach verlegen, versichert er im BT-Gespräch.

Von einem regelrechten Beschwerde-Hagel, seit Ka-Sat ausgefallen ist, berichtet Nadja Royer von der Firma Alexander Royer Computerservice in Forbach. Sie betreut die meisten Betroffenen, die in den alten Ortsteilen jetzt offline sind, und bedauere, ihnen nicht helfen zu können. Doch tappe man genauso im Dunkeln, was die Ursache der Störung betrifft: „Wir sind machtlos.“

Unterdessen halten sich sowohl der Eigentümer des Satelliten, das Kommunikationsunternehmen Viasat mit Sitz in Kalifornien, als auch der Betreiber Eutelsat sowie die Vertriebspartner bedeckt zu dem Vorfall. Auch kein deutscher Provider habe sich bisher öffentlich dazu geäußert, wie Inside Digital berichtet, ein Online-Fachmagazin für technische Themen: „Die Ausfälle von Ka-Sat in Deutschland und dem Rest Europas scheinen aber nur Kollateralschäden zu sein. Tatsächlich scheint hinter dem Ausfall ein Cyberangriff zu stecken, der in erster Linie der Ukraine galt.“

Nutzer berichten dem Fachmagazin, dass ihre Router gar nicht mehr ansprechbar seien. Das deckt sich mit den Angaben der Betroffenen aus Hundsbach – und deute laut Inside Digital darauf hin, „dass nicht nur der Satellit oder der Dienst des Ka-Sat gestört ist, sondern die Modems mittels Cyberangriff gestört wurden“.

Krisensicher ins Netz: Ein Kommentar von Stephan Juch

Reicht der lange Arm des Kreml tatsächlich bis nach Hundsbach? Als Nebeneffekt ist das auf jeden Fall nicht gänzlich auszuschließen. So setzte am Tag der russischen Invasion in der Ukraine am 24. Februar zwischen 5 und 6 Uhr die Fernsteuerung deutscher Windkraftanlagen aus, die über Satellitenanbindungen ans Internet angeschlossen sind. Windkraftanlagen gehören zu den sogenannten kritischen Infrastrukturen, die durchaus Ziel von Cyberangriffen sein können. Ob es sich um einen solchen handelte oder ob andere Ursachen den Satelliten lahmgelegt haben, der unter anderem Hundsbach mit schnellem Internet versorgt, ist Spekulation. Der Vorfall zeigt aber, wie zerbrechlich unsere Infrastruktur nach wie vor sein kann – gerade im ländlichen Raum. Ein Ausfall der Internetanbindung ist heutzutage keine Kleinigkeit mehr, nicht nur für Unternehmen. Von daher gilt es, sie krisenfest zu machen – überall!


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