„Hysterie“ im Tunnel

Gernsbach (ham) – Ein angeklagter Tanklastfahrer hat das Amtsgericht Gernsbach zufrieden verlassen. Auf der nahen B462 soll er im August 2019 einen Autofahrer genötigt und bedrängt haben. Die Verhandlung warf jedoch eher Zweifel am Tempo des Zeugen auf, der den Lkw-Fahrer angezeigt hatte.

Drängler stressen andere Autofahrer. Beispielfoto: Patrick Pleul/dpa

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Drängler stressen andere Autofahrer. Beispielfoto: Patrick Pleul/dpa

Hitziger Drängler im Tanklaster oder schlafmütziger Sonntagsfahrer mit Hang zur Panik? Dieses Duell fand gestern unweit des Tatgeschehens auf der B 462 verbal seine Fortsetzung im Amtsgericht Gernsbach. Dem Lkw-Fahrer entnahm Amtsgerichtsdirektor Ekkhart Koch zwar wegen der hartnäckigen Staatsanwaltschaft 800 Euro aus der „Urlaubskasse“, wie der Richter scherzte – aber letztlich schritt der Angeklagte zumindest gut gelaunt als moralischer Sieger aus dem Gerichtssaal.

Der Autofahrer, der ihn angezeigt hatte, empfand das Urteil hingegen nicht als vorgezogenes Geburtstagsgeschenk zu seinem heutigen 39. Wiegenfest und ereiferte sich: „Das ist eine Farce, wie hier entschieden wird! Unter der Nötigung“ auf der Rückkehr von ihrer Spritztour von Klosterreichenbach zurück über die B 462 gen Südliche Weinstraße litten seine beiden Kinder bis heute. „Gestern fragte mich meine neunjährige Tochter, ob mir heute etwas passieren kann vor Gericht“, erzählte der Vater und hatte im Satz zuvor noch betont, dass er in dem Fahrzeug hinter sich am 2. August 2019 eher einen „alkoholisierten polnischen Lkw-Fahrer“ vermutet hatte.

Auch wenn der deutsche Tankwagen-Lenker sich als „heißspornig“ erwies, wie Koch unterstrich, hielt der Richter die Ausführungen des Zeugen offensichtlich für übertrieben. Dieser sah sich nicht als „Sonntagsfahrer, sonst hätte ich keinen Diesel mit 184 PS und ordentlich Bumms gekauft“ und würde nicht im Schnitt „alle sieben Jahre ein Blitzerfoto“ erhalten – vor Gericht machte der Pfälzer aber einen panischen Eindruck.

Auto wird im Tunnel „immer langsamer“

Stoisch berichtete jedoch zunächst der Tanklast-Fahrer aus seiner Warte vom Geschehen. Der Seat Leon ST fiel ihm erst im Tunnel in Gernsbach auf, weil dieser „immer langsamer“ wurde, ja abbremste und sogar die Warnblinkanlage einschaltete. Dass er die Hupe und das Fernlicht einsetzte, das räumte der Angeklagte immer nur zögerlich auf Nachfrage des Richters ein. Als die beiden Fahrzeuge aus dem Tunnel kamen, fuhr der Seat-Lenker entnervt gegenüber der Firma Glatfelter gleich rechts ran und hielt.

Der genervte Tanklastfahrer stoppte ebenso und machte sich, wie ein zufällig vorbeikommender Krankenwagenfahrer bestätigte, „eher wütend“ an der Seat-Tür zu schaffen und klopfte auf das Dach. „Auf meine Frage, ob etwas passiert sei, sagte mir der Angeklagte: ,Nee, noch nicht! Aber wenn er aussteigt ...‘“ Die Autotür des Seat blieb jedoch automatisch verriegelt. Deshalb löste sich die kritische Situation laut dem Rettungsassistenten „schnell“ in Luft auf. Alle Beteiligten und Zeugen fuhren weiter. Die vom Autofahrer herbeigerufene Polizei stoppte den gen Karlsruhe zur Ölraffinerie strebenden Tanklaster auf Höhe Bischweier.

„Nicht normal, wenn man so bummelt“

Die Schilderung des Autofahrers klang völlig anders. Er fühlte sich bereits ab Baiersbronn von dem Lkw bedrängt, weil dieser „immer wieder auffuhr“. Der Verteidiger zerstörte das Selbstbildnis von einem flotten Fahrer, denn wegen der „eingestellten Maximalgeschwindigkeit von 68 km/h“ habe der Lkw nur zu einem „Schleicher“ aufschließen können. Empfand der Familienvater diese „Verfolgung“ noch als weniger „dramatisch“, beschäftigte ihn der Showdown im Tunnel. „Ich glaubte, dass uns der Lkw-Fahrer touchiert hatte. Er fuhr Kennzeichen an Kennzeichen.“ Das Smartphone-Foto seiner Tochter zeigte jedoch eher einen Abstand von „eineinhalb Autolängen“, wie Koch konstatierte. Dass der Mann angesichts der „Hysterie“ seiner Kinder im Auto dann als angeblich „beste Option von drei Lösungen“ die Warnblinkanlage einschaltete und das Tempo auf 50 drosselte, erschloss sich dem Richter weniger: „Es ist nicht normal, wenn man so bummelt.“

Koch sah deshalb im Gegensatz zum Anzeigenden keine „Nötigung“ und wollte den Fall sogar ohne Geldstrafe abschließen. Etwas Strafe wollte die Vertreterin der Staatsanwaltschaft nach Rücksprache mit ihrem Vorgesetzten aber sehen. Der Verteidiger ging für wenige Sekunden mit seinem Mandanten vor die Tür und „stimmte schweren Herzens“ den 800 Euro Strafe zu. So schwer wird die Überweisung an den Pflegedienst Forbach/Weisenbach allerdings nicht fallen, erhält der Tanklastfahrer doch in der Firma seines Vaters einen „Monatslohn von 5 000 Euro netto“.

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Erstellt:
26. Mai 2020, 19:00 Uhr
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