„Ich lerne so gerne“

Rastatt (schx) – Khadije Husseini stammt aus Afghanistan und besucht das Tulla-Gymnasium. Die 15-Jährige erhält als „Talent im Land“ ein Schülerstipendium.

Ihre Kindheit war geprägt von Flucht, Angst und dem Gefühl, überall unerwünscht zu sein. Nun besucht Khadije das Tulla-Gymnasium. Ihr Berufswunsch: Architektur. Foto: Xenia Schlögl

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Ihre Kindheit war geprägt von Flucht, Angst und dem Gefühl, überall unerwünscht zu sein. Nun besucht Khadije das Tulla-Gymnasium. Ihr Berufswunsch: Architektur. Foto: Xenia Schlögl

TiL: Das ist die Abkürzung für „Talent im Land“, einem Schülerstipendium, das in Trägerschaft der Baden-Württemberg- und der Josef-Wund-Stiftung steht. Das Ziel ist es, begabten Schülern und Schülerinnen, die das Abitur oder die Fachhochschulreife erlangen möchten und aufgrund ihrer sozialen Herkunft benachteiligt sind, faire Bildungschancen zu ermöglichen. Mit dabei ist die 15-jährige Afghanin Khadije Husseini aus Rastatt.
Für Andreas Germann, den Leiter des TiL-Büros an der Universität Tübingen, ist das Stipendium ein Erfolgsprojekt. Seit dem Jahr 2003 wurden 850 talentierte Stipendiaten bis zu ihrem Schulabschluss mit einem monatlichen Betrag in Höhe von 150 Euro unterstützt. „90 Prozent der Geförderten eines Jahrgangs beginnen danach ein Studium“, verweist Germann auf eine ungewöhnlich hohe Quote. Das Mindestalter für eine Bewerbung liegt bei 14 Jahren. Nicht nur die Schulnoten fließen in die Auswahlkriterien der Jury mit ein, sondern auch außerschulisches Engagement und die beruflichen Ziele der Bewerber.

Der aktuelle 17. Jahrgang für das Schuljahr 2020/21 umfasst 53 Stipendiaten. Eine davon ist die 15-jährige Khadije Husseini aus Rastatt, die die achte Klasse am Tulla-Gymnasium besucht. Seit 2015 lebt die Afghanin zusammen mit ihrer Familie in Deutschland und spricht im Interview akzentfrei Deutsch. Ihre Kindheit ist geprägt von Flucht, Leben in der Illegalität, Angst und dem Gefühl, überall unerwünscht zu sein. In ihrem jungen Leben war Khadije bisher nie lange genug an einem Ort, um Wurzeln zu schlagen und ihn Heimat nennen zu können.

Als zweijähriges Kleinkind flieht sie zusammen mit ihrer Familie vor den Taliban in den Iran. Das Zufluchtsland bietet aber keine Perspektive auf Dauer. Afghanischen Flüchtlingen wird der Zugang zum Bildungs- und Gesundheitswesen verwehrt, und es ist ihnen verboten, einer legalen Arbeit nachzugehen. Khadije lernt während des fünfjährigen Aufenthalts die persische Sprache, die dem afghanischen Dari nicht unähnlich ist. Als die Repressalien durch die iranischen Behörden zunehmen, flüchten die Husseinis in die Türkei.

In Sivas, 450 Kilometer östlich der Hauptstadt Ankara gelegen, hoffen sie, einen besseren Ort gefunden zu haben, um sich dauerhaft niederzulassen und in Frieden leben zu können. Die Türkei erlaubt den Schulbesuch für Flüchtlingskinder, und Khadije wird zu einer guten Schülerin in der Grundschule. Sie beherrscht rasch die türkische Sprache und im Fach Mathematik heimst sie mehrere Preise ein.

Täglich droht die Abschiebung

Aber das Leben wird für die Familie schwieriger, als Afghanen erhalten sie keinen längerfristigen Aufenthaltstitel. Täglich müssen sie mit einer Abschiebung in das zerstörte Afghanistan rechnen. Als 2015 die Grenzen für kurze Zeit nach Europa offen stehen, packt die Familie wieder ihr wenig Hab und Gut in Rucksäcke und macht sich auf den gefährlichen Weg über das Mittelmeer. Das Ziel ist Schweden, aber unter dramatischen Umständen wird nur der älteste Sohn das skandinavische Land alleine erreichen. Die Eltern werden zusammen mit ihren drei Töchtern und einem jüngeren Sohn in Muggensturm aufgenommen.

Khadijes innigster Wunsch, wieder in die Schule gehen zu können, erfüllt sich. Mitten im Schuljahr beginnt sie mit dem Besuch der dritten Klasse an der Albert-Schweitzer-Grundschule. „Ich lerne so gerne, und es macht mir so viel Spaß“, erzählt sie. Nach der vierten Klasse erhält sie eine Gymnasialempfehlung und wechselt an das Goethe-Gymnasium in Gaggenau. Khadije fühlt sich akzeptiert und angekommen, als sie in der siebten Klasse von den Mitschülern zur Klassensprecherin gewählt wird.

Andreas Germann ist immer wieder verblüfft, wenn er Lebensgeschichten wie die von Khadije liest. Trotz vieler Hürden, die die Jugendlichen zu meistern haben, verliere diese junge Generation nicht das Zutrauen in die Welt: „Sie blicken mit Zuversicht in die Zukunft.“

Inzwischen leben die Husseinis in Rastatt, und Khadije besucht das Tulla-Gymnasium. Eine der älteren Schwestern hat bereits den mittleren Schulabschluss und beginnt bald eine Ausbildung, die andere besucht die Anne-Frank-Schule mit dem Ziel, Erzieherin zu werden. Der 13-jährige Bruder geht auf die Gustav-Heinemann-Gemeinschaftsschule. Mit ihren Geschwistern teilt sich Khadije ein Zimmer in der Wohnung der Familie. Die monatliche Unterstützung der Stiftung nützt sie auch, um Acrylmalerei zu lernen und Taekwondo-Stunden zu nehmen. Sport ist für die vielseitig begabte Schülerin ein willkommener Ausgleich, im Tischtennis hat sie bereits mehrere Medaillen errungen. Ihr Berufswunsch ist es, nach dem Abitur ein Architekturstudium zu beginnen.

Die Stiftung „Talent im Land“ ist auch ein Netzwerk für die Stipendiaten, die einmal im Jahr zum Treffen zusammenkommen. „Es herrscht ein toller Zusammenhalt unter den jungen Menschen“, sagt Andreas Germann, „sie tauschen sich untereinander aus und erkennen, dass sie mit ihren Problemen und Schwierigkeiten nicht alleine sind.“

Wichtig seien für die Stiftungsarbeit neben den Seminaren zur Weiterbildung auch die individuelle Förderung: „Es bleibt nicht aus, dass durch negative Veränderungen im persönlichen Umfeld eines Schülers oder einer Schülerin die Schulnoten sich verschlechtern und das Engagement nachlässt“, aber man bleibe als Ansprechpartner immer präsent.

Khadije trägt westliche Kleidung und in der Öffentlichkeit einen Hijab, der ihre Haare vollständig bedeckt. Die Kopfbedeckung bedeutet für sie eine kulturelle Verbundenheit mit ihrem Herkunftsland. Doch sie spürt die Blicke der anderen, für die das Kopftuch mit Vorurteilen verbunden ist: „Ich wünsche mir, dass die Menschen mich offen fragen, warum ich es trage und welche Bedeutung es für mich hat“, gesteht sie, „das macht es wahrscheinlich für beide Seiten einfacher.“ Khadije Husseini wird ihren Weg gehen, daran lässt sie keinen Zweifel.

Weitere Infos für ein TiL-Stipendium im nächsten Schuljahr 2021/22 im Internet:

www.talentimland.de


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