„Ich sehe mich als Auslaufmodell“

Von Janina Fortenbacher

Rastatt/Baden-Baden (for) – Obwohl im Landkreis Rastatt und im Stadtkreis Baden-Baden laut der Kassenärztlichen Versorgung Baden Württemberg (KVBW) momentan kein akuter Ärztemangel besteht, sind die Vorsitzenden der Ärzteschaften Rastatt und Baden-Baden stark besorgt um die Zukunft der medizinischen Versorgung in der Region.

„Ich sehe mich als Auslaufmodell“

Immer mehr Ärzte schrecken vor der Selbstständigkeit zurück und arbeiten lieber als Angestellte. Foto: Vennenbernd/dpa

Vielerorts wird über eine mangelnde medizinische Versorgung geklagt. Im Landkreis Rastatt und im Stadtkreis Baden-Baden bestehe aber „kein akutes Problem“, wie die Kassenärztliche Versorgung Baden-Württemberg (KVBW) jüngst mit Blick auf den aktuellen Bedarfsplan mitteilte (wir berichteten). Dort ansässige Ärzte teilen diese Unbeschwertheit aber nicht: „Ich mache mir ganz erheblich Sorgen um die medizinische Versorgung hier“, betont Dr. Patrick Fischer, Vorsitzender der Ärzteschaft Baden-Baden.„Es gibt bereits fünf Hausarztpraxen, die nicht nachbesetzt wurden“, sagt Fischer auf BT-Nachfrage. Derzeit könne dieser Mangel zwar noch durch andere Praxen kompensiert werden, lange werde das aber nicht mehr funktionieren. „Noch haben wir das Problem im Griff, aber ich kenne vier weitere Ärzte im Rentenalter, die schon seit einiger Zeit händeringend nach Nachfolgern suchen“, merkt Fischer an.

Viele Ärzte schon jetzt älter als 60 Jahre

Auch Dr. Jürgen Schönit, Vorsitzender der Ärzteschaft Rastatt, kennt die Problematik. Es stimme zwar, dass es „jetzt im Moment“ noch kein akutes Problem im Landkreis Rastatt gebe, die medizinische Versorgung werde aber nur aufrechterhalten, „weil viele auch mit 65 noch weiterarbeiten“, sagt er. „Schon in zwei bis vier Jahren werden wir einen massiven Mangel in diesem Umfeld haben und die hausärztliche Problematik stark zu spüren bekommen.“ Im Murgtal sei das schon jetzt der Fall. Viele der dort ansässigen Ärzte seien älter als 60 Jahre. In Bühl seien es beispielsweise 50 Prozent.

Aber die Suche nach einem geeigneten Nachfolger gestalte sich schwierig, die Hausarztpraxis sei heutzutage „nicht mehr das, wo man unbedingt arbeiten will“, meint Fischer. „Ich sehe mich als Arzt in einer Einzelpraxis als Auslaufmodell.“

Auch Schönit beobachtet zunehmend, dass viele junge Mediziner lieber als Angestellte arbeiten, als sich mit einer eigenen Praxis selbstständig zu machen. Gründe dafür sieht er unter anderem in der Bürokratie und den immer schwierigeren Vorgaben seitens der Politik: „Viele scheuen das Wagnis der Selbstständigkeit, als Angestellter hat man ein geringeres Risiko.“

Viele wollen nicht mehr ganztags arbeiten

Hinzu komme, dass die Anzahl der zu versorgenden Patienten pro Arzt steige. Das liege zum einen an der immer älter werdenden Gesellschaft und zum anderen daran, dass es immer weniger Hausarztpraxen gebe, so Schönit. Arbeitszeiten seien deshalb hart, insbesondere für viele Medizinerinnen, die sich neben dem Beruf noch ein Familienleben wünschen, komme eine Anstellung als Hausärztin meist nicht in Frage, erklärt Fischer. Viele Ärzte wollten heute nicht mehr ganztags arbeiten, weiß auch Schönit. Das bedeutet aber im Umkehrschluss: Man benötigt eigentlich viel mehr Mediziner, um trotz geringerer Arbeitszeiten eine ausreichende medizinische Versorgung klarzustellen.

Das Problem scheint ein ewiger Kreislauf zu sein, für den Schönit vor allem die Politik verantwortlich macht. Statt sich darum zu bemühen, früh genug genügend junge Ärzte auszubilden, habe man jahrelang Mediziner aus dem Ausland nach Deutschland geholt. Natürlich sei das auf den ersten Blick einfacher, schließlich dauere eine Ausbildung zum Mediziner zehn bis 15 Jahre. „Viele vergessen aber, dass durch dieses Vorgehen auch ein Ärztemangel in den jeweiligen Herkunftsländern entsteht“, merkt Schönit an. „Wir als Ärzteschaft haben schon vor minimum zehn Jahren erkannt, dass es ein Nachwuchsproblem gibt“, betont er. Die Politik habe jedoch zu spät reagiert. Und die Landarztquote, die auch im Südwesten kommen soll, ist laut Fischer „Augenwischerei“. Mit der Landarztquote sollen sich Studenten verpflichten, nach ihrem Examen in einer unterversorgten Region zu arbeiten. „Aber welcher 20-Jährige weiß denn zu Beginn seines Studiums schon, dass er Hausarzt werden will?“, gibt Fischer zu bedenken. „Bei mir hat sich dieser Gedanke jedenfalls erst im Laufe meiner Ausbildung gefestigt.“

KVBW: „Landarztquote wird Situation nicht verbessern“

Auch laut KVBW kann die Landarztquote die Situation nicht verbessern: Erstens dauere es noch Jahre, bis die Mediziner überhaupt ausgebildet seien und zweitens liege das Problem nicht nur in zu wenig Hausärzten an sich, sondern eben auch in der sinkenden Arztzeit: „Immer mehr Mediziner arbeiten angestellt und in Teilzeit“, erklärte ein Sprecher.

In der kommunalen Gesundheitskonferenz beschäftigt sich ein Ausschuss speziell mit der Nachfolge. „Derzeit stellen wir Ideen zu alternativen Versorgungsstrukturen auf“, erläutert Fischer. Eine Überlegung sei, größere Verbünde zu gründen, bei denen es dann eine Praxis mit mehreren angestellten Ärzten gebe. Patienten müssten sich dann aber auch daran gewöhnen, dass sie nicht ihren persönlichen Arzt hätten, sondern die Praxis immer von einem anderen Arzt besetzt sein könne, erklärt Fischer. „Für ein solches Modell hatten wir einige Interessenten, die sind aber alle wieder abgesprungen.“

„Ich habe wirklich Angst vor der Zukunft“, gesteht Fischer. Baden-Baden ist laut dem aktuellen Versorgungsbericht der KVBW kein medizinisches Sperrgebiet mehr. Das bedeutet, dass die Stadt medizinisch nicht überversorgt ist und sich durchaus noch weitere Ärzte ansiedeln können. „Diese Tatsache regt zum Nachdenken an, ich kann mich nicht erinnern, dass es das in den vergangenen 20 Jahren jemals gegeben hat“, meint Fischer. Und auch Schönit weist darauf hin, dass sich schleunigst etwas ändern müsse.