Ideen für Ottersweierer Sonnenplatz gereift

Ottersweier (jo) – 60 Teilnehmer haben sich am Beteiligungsprozess für den Sonnenplatz in Ottersweier bei zwei Workshops beteiligt. Nun sind die Ideen präsentiert worden.

Empfehlungen für einen leeren Platz erarbeitet: Josef Doran, Rebecca Chromy, Barbara Kist-Good, Michael Gloderer und Klaus Fuchs (von links), Sprecher der Arbeitsgruppen im Bürgerbeteiligungsprozess. Foto: Joachim Eiermann

© jo

Empfehlungen für einen leeren Platz erarbeitet: Josef Doran, Rebecca Chromy, Barbara Kist-Good, Michael Gloderer und Klaus Fuchs (von links), Sprecher der Arbeitsgruppen im Bürgerbeteiligungsprozess. Foto: Joachim Eiermann

Ein Geländeverkauf an einen Wohnbau-Investor ist ebenso unerwünscht wie ein Pflegeheim oder ein Einkaufszentrum. Der Sonnenplatz in der Ortsmitte von Ottersweier soll Treffpunkt für die Bevölkerung werden. So lautet der gemeinsame Nenner dreier Präsentationen in der finalen Veranstaltung des Bürgerbeteiligungsprozesses. Dessen Moderatorin Charlotte Schulze, Professorin der Verwaltungshochschule Kehl, schilderte die Ausgangsposition so: „Wir wollen einen Platz, der Ottersweier einen Mehrwert bringt.“

Als die Sprecherinnen und Sprecher der drei Gruppen ihre Ergebnisse am Montagabend im Gemeindezentrum erstmals präsentierten, spitzten Bürgermeister und ein gutes Dutzend anwesender Ratsmitglieder die Ohren, denn in zwei Workshops waren die rund 60 engagierten Bürgerinnen und Bürger mit der Moderatorin und beim zweiten Termin mit dem früheren Radolfzeller OB Jörg Schmidt ganz unter sich geblieben.

Aufenthaltszone ist allen Vorschlägen gemein

Wie soll das Gelände, auf dem einst die alte Turnhalle stand und das als unbefestigter Parkplatz brach liegt, künftig genutzt werden? Die entwickelten Szenarien gehen teils deutlich auseinander. Allen gemein ist jedoch, dass der hochwassergefährdete hintere Teil des Geländes mit dem Bach als Grünzone mit Aufenthaltsqualität (Sitzbänke, Liegen, Spielplatz) erschlossen werden soll. Zur Hubstraße hin brachte die Gruppe „Infrastruktur“ mit Rebecca Chromy und Barbara Kist-Good ins Gespräch, eine Haltestelle sowie Kurzzeit-Parkplätze einzurichten für ein neues Geschäftshaus mit Post, Apotheke, Physio-Praxis sowie einer Tiefgarage. Ein weiteres, zum kleinen Park hin ausgerichtetes halbrundes Gebäude könnte dem Betreuten Wohnen und der Tagespflege dienen sowie ein Café beinhalten.

Die Gruppe „Wohnen“ mit Klaus Fuchs und Josef Doran verknüpfte ihre weitreichende Vision mit „etwas, das uns in Ottersweier noch fehlt“. Konkret: die Realisierung von Tagespflege und Kurzzeitpflege, um Familien zu entlasten. Betreutes Wohnen soll zur Miete ermöglicht werden, vorrangig für Einheimische, die eine größere Wohnung für den „Markt“ freimachen. Interessierte Bürger könnten sich für das Projekt engagieren, indem sie Genossenschaftsanteile erwerben. Eine Gewinnspekulation sei ausgeschlossen, und die Gemeinde habe, was das Grundstück betrifft, weiterhin „die Hand drauf“, sagte Fuchs. Er wünschte sich, dass die Bürgerschaft weiterhin aktiv in die Entscheidungsfindung einbezogen werde. Das Gebäude der ehemaligen Sonnen-Apotheke beurteilte er für zu marode, um es noch renovieren zu können. Als Neubau schlug Doran ein Ärztehaus mit Physio-Praxis und Apotheke sowie ebenfalls einer Tiefgarage vor. Dies sei zwar eine teure Lösung: „Die Fläche ist jedoch zu wertvoll für oberirdische Stellplätze.“

Bürgermeister diagnostiziert Zielkonflikt

Dorans Vorstellung, den angrenzenden Bach begehbar zu machen, fand sich auch in Michael Gloderers Vorschlag (Gruppe „Umwelt“): als Plantschzone. Ansonsten hatte dessen Plan außer einer kleinen Tiefgarage nur wenig mit dem zuvor Gehörten gemein. Gloderers Devise lautete vielmehr: möglichst wenig Fläche versiegeln. „Auf diese Weise gibt man zukünftigen Generationen die Möglichkeit, sich entfalten zu können.“ Das alte Apothekerhaus würde er im Gegensatz zu seinen Vorrednern erhalten, um rückseitig darin einen Kiosk und ein öffentliches WC einzurichten. Der Sonnenplatz soll indes von einer Bebauung gänzlich frei bleiben und zum Dorfplatz mit Spazierweg, Freiluftschach und Spielgelände avancieren – als Grünzone für alle Gesellschaftsgruppen und als Veranstaltungsort.

Nach rund 50 Minuten Präsentation entwickelte sich eine vergleichsweise kurze Aussprache. Ein Zuhörer warnte davor, das Vorhaben zu sehr auf die ältere Generation auszurichten: „Dann bleibt die Jugend außen vor.“ Ein anderer Teilnehmer sprach von einer „Todsünde“, würde man den Platz zupflastern. Unkonkret blieb die Antwort auf die Frage, wie viele Wohnungen entstehen könnten. „Über die Größe ist nicht gesprochen worden“, ließ Charlotte Schulze wissen, „aber bei nur 6.000 Quadratmeter Fläche kann es keine große Massierung geben.“ Rechtlich stehe die Gemeinde in der Pflicht, vor einer Veränderung einen Bebauungsplan zu erstellen. „Dabei ist die Öffentlichkeit zu beteiligen“, sagte Schulze.

Wie geht’s weiter? Bürgermeister Jürgen Pfetzer diagnostizierte angesichts der divergierenden Empfehlungen einen „Zielkonflikt“, der zunächst aufgelöst werden müsse. Der Ball liegt nun beim Gemeinderat. „Wir werden das weitere Vorgehen in öffentlicher Sitzung besprechen“, kündigte das Gemeindeoberhaupt an. Ein Grund zur Eile bestehe nicht. Er appellierte: „Nehmen wir uns die Zeit, etwas Gescheites daraus zu machen.“

Visionäre Kommune

Unser Mitarbeiter Joachim Eiermann kommentiert: „Jetzt liegen sie auf dem Tisch: die Wünsche und Ideen der Bürgerinnen und Bürger aus Ottersweier zur Nutzung des Sonnenplatzes. Hatten die ursprünglichen Überlegungen des Klinikums Mittelbaden, auf diesem zentral gelegenen Gelände ein Pflegeheim zu errichten, noch einen mittleren Sturm der Entrüstung ausgelöst, ist 18 Monate später mit der Bürgerbeteiligung wieder dörfliche Harmonie eingekehrt.

Ergebnis intensiver Workshops: Zwei der drei Arbeitsgruppen sind vom alten, zwischenzeitlich wieder einkassierten Konzept des Klinikums keineswegs meilenweit entfernt. Ihre Vorstellungen sehen zwar ausdrücklich kein Pflegeheim vor, aber ergänzende Kurzzeitpflege-Angebote in Verbindung mit Seniorenwohnungen sowie vornehmlich medizinischen Versorgungseinrichtungen. Der dritte, abweichende Vorschlag einer Neugestaltung des Platzes ohne Bebauung dient ausschließlich der innerörtlichen Naherholung und damit ebenfalls der Gesundheit.

Dem Gemeinderat sind mit der neutralen Bürgerbeteiligung nun jedenfalls Empfehlungen an die Hand gegeben, an denen er sich orientieren kann und letztlich auch muss, will er diejenigen, die sich engagiert haben und weiter einbringen wollen, nicht verprellen. Die Botschaft lautet auch: Keine Fremdbestimmung durch einen Investor, sondern ein bürgerschaftliches Projekt. Der Abschlussabend zeigte zudem eines: Kritik an der Gemeindeführung war fast keine zu hören. Im Gegenteil: Aus einer Wortmeldung sprach der Stolz, in einer visionären, fortschrittlichen Kommune zu leben. Der Gemeinderat hat einen deutlich Vertrauensvorschuss erhalten. Ob die Kuh damit vom Eis kommt, muss sich aber noch zeigen.“

Zum Artikel

Erstellt:
24. November 2021, 14:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 46sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.