Im Aktenchaos den Überblick verloren

Baden-Baden/Murgtal (agdp) – Eine Murgtälerin steht als Angeklagte vor der Justiz – doch die Arbeitsbedingungen an ihrem Arbeitsplatz am Amtsgericht wirken bizarr.

Ordentlich was zu tun: Aktenstapel auf einem Schreibtisch. Symbolfoto: Stephanie Pilick/dpa

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Ordentlich was zu tun: Aktenstapel auf einem Schreibtisch. Symbolfoto: Stephanie Pilick/dpa

Mit jedem neuen Beweismittel, mit jeder Zeugenaussage in dem Verfahren um verschwundene Akten im Karlsruher Amtsgericht wird das Bild von den Arbeitsbedingungen in dieser Behörde düsterer. Doch auf der Anklagebank des Baden-Badener Landgerichts sitzt seit Dienstag eine junge Frau aus dem Murgtal, die offenbar nie gelernt hatte, Nein zu sagen.

So hatte ihr Verteidiger sie zu Beginn des Verfahrens beschrieben. Nicht zum ersten Mal muss sie sich des Vorwurfs erwehren, sie habe Akten verschwinden lassen. Was nach eiskalter Berechnung klingt, bildet in Wahrheit ein Drama auf vielen Ebenen ab, dass immer bizarrere Konturen annimmt.

Schon beim ersten Verhandlungstag ließ der Vorsitzende Frank Schmid durch Kopfschütteln immer wieder erahnen, wie befremdlich ihm die Sache vorkommen muss. Am Donnerstag, dem letzten von zwei anberaumten Verhandlungstagen, wurde die Sache noch diffuser.

Richter schildert Erschreckendes

Im Zeugenstand schilderte ein Karlsruher Richter, in dessen Dezernat die Angeklagte damals eingesetzt war, eine erschreckende Situation. Es wurde offenbar ganz bewusst mit der Bereitschaft des Teams kalkuliert, ständige Überstunden zu erbringen. Dass der jungen Frau die Arbeit irgendwann über den Kopf wuchs, schien im Rückblick für ihn nicht überraschend, wenngleich er betonte, dass er stets und gut mit ihr zusammengearbeitet habe. Sie habe seinerzeit eine 80-Prozent-Stelle bekleidet und dabei für ihn, einen Vollzeit-Richter, gearbeitet. Obendrein musste sie zuweilen Auszubildende anleiten.

Als er in die „abgesoffene“ Abteilung, wie man das wohl in Fachkreisen nennt, kam, habe er einen großen Bestand an Akten vorgefunden, die längst hätten bearbeitet sein müssen. Sein Vorgänger muss mit dem Tagesgeschäft wohl seine Not gehabt haben. All das versuchte der Zeuge aufzuarbeiten. Infolge dessen stieg auch für die Angeklagte das Arbeitspensum zusätzlich an. Obendrein musste sie den Richter bis zu dreimal wöchentlich als Protokollführerin in Sitzungen begleiten.

Er habe per Zufall entdeckt, dass sie einen Aktenstapel in ihrem Dienstzimmer hatte, auf dem sie offenbar aufwendige und ungeliebte Vorgänge hortete, weil sie zeitlich nicht hinterherkam.

Der Justizangestellten zu viel aufgelastet

Angesichts des großen Arbeitsdrucks der Kollegin habe er das Gespräch mit der Teamleitung gesucht. Als er verlangte, dass seine Sekretärin Zeit bekommen müsse, um diese Rückstände aufzuarbeiten, sei ihm entgegnet worden, dass die Mitarbeiterin dann eben in ihrer Freizeit kommen müsse, um nachzuarbeiten. Dies habe er sich jedoch verbeten.

Bald darauf sei die Situation erneut eskaliert. Wieder waren Akten unauffindbar und tauchten am Ende im Büro der Angeklagten auf, die damals völlig die Orientierung verloren zu haben schien. Mehr und mehr kristallisierte sich heraus, dass die Angeklagte neben ihren eigenen Tätigkeiten auch aus anderen Dezernaten Arbeiten übernehmen musste. Das zumindest belegen wohl die Akten, die man in ihrem Dienstzimmer, in dem obendrein nicht einmal ausreichend Lagerkapazitäten vorhanden gewesen seien, in sogenannten Postboxen fand.

Es handelt sich um einen komplizierten Justizfall, der auf erschreckende Weise Blicke in den Arbeitsalltag hinter der Gerichtskulisse eröffnet.

Im jetzt anhängigen Verfahren arbeitet der Vorsitzende detailliert die Fälle der wiedergefundenen Akten auf, vermutlich um abzusichern, dass die Angeklagte tatsächlich keinen Vorteil aus ihrem Verhalten zog und dass durch die verschleppte Bearbeitung kein Schaden entstanden ist.

In der ersten Instanz vor dem Amtsgericht Gernsbach war die Frau im vergangenen Jahr von den Vorwürfen freigesprochen worden. Die Staatsanwaltschaft Karlsruhe hatte allerdings Einspruch dagegen eingelegt und die Anklagevertretung gleich selbst übernommen.

Der neue Termin zur Fortsetzung stand am Donnerstag noch nicht fest.

Ihr Autor

Christiane Krause-Dimmock

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Erstellt:
5. Mai 2022, 19:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 44sec

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