Im Baden-Badener Theater spielen Handwerker die Hauptrolle

Baden-Baden (hol) – Die Sommer-Hauptdarsteller tragen Blaumann, so heißt es derzeit im Theater Baden-Baden. Denn am Goetheplatz sind Handwerker im Einsatz und warten nötige Elektromotoren.

Kennt sich aus am Goetheplatz: Ludwig Müller installiert Motoren und Seilwinden unter dem Dach des Theaters. Foto: Harald Holzmann

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Kennt sich aus am Goetheplatz: Ludwig Müller installiert Motoren und Seilwinden unter dem Dach des Theaters. Foto: Harald Holzmann

August: Die Schauspieler haben Sommerpause. Ein großer Container mit Altmetall im Theaterhof zeigt, wer stattdessen derzeit das Sagen hat am Goetheplatz: Handwerker bespielen die Bretter, die die Welt bedeuten. Dort werden Elektromotoren gewartet und ausgetauscht, die die Seilwinden hinter der Bühne bewegen.
Wenn es gut läuft, bekommt das Publikum von der Arbeit dieser Motoren nichts mit. Wie von Geisterhand ändert sich die Kulisse, Schauspieler werden an unsichtbaren Drähten in die Höhe gezogen, Scheinwerfer fahren nach unten, um die Bühne szenengerecht auszuleuchten. Für all das sind funktionierende Seilzüge nötig, die ihre Arbeit hinter der Bühne verrichten. Im Fall des Theaters tun sie das mittlerweile seit der letzten Renovierung vor fast 30 Jahren. Zeit für eine Inspektion und Erneuerung.

Defekter Motor muss repariert werden

Einer der Hauptdarsteller im Blaumann dieser Tage am Goetheplatz: Ludwig Müller von der Maschinenfabrik Ritter aus Zell am Harmersbach. Die Firma mit 85 Mitarbeitern, von Haus aus Hersteller schwerer Forst- und Landmaschinen, hat in den 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts ein neues Geschäftsfeld entdeckt: die Bühnentechnik. Naheliegend, denn in beiden Bereichen braucht man Motoren und Seilwinden. Ludwig Müller war in diesem Bereich von Anfang an mit dabei. Mittlerweile ist er seit über 50 Jahren Mitarbeiter – und in Rente. „Aber wenn bei uns Not am Mann ist oder spezielle Kenntnisse gefragt sind, bin ich immer noch an Bord“, erzählt er.

Der Schrott muss raus: Der Altmetall-Container am Theater füllt sich.  Foto: Harald Holzmann

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Der Schrott muss raus: Der Altmetall-Container am Theater füllt sich. Foto: Harald Holzmann

Das ist auch in diesem Sommer der Fall. Der 66-Jährige kennt sich im Haus am Goetheplatz besser aus, als mancher Schauspieler des Baden-Badener Ensembles. Seit mehr als 15 Jahren ist er für seine Firma immer wieder in der Kurstadt zu Gast. „Auch privat zu Aufführungen war ich schon hier“, erzählt er. In den zurückliegenden zweieinhalb Wochen hat er mit seinen Kollegen zwölf Winden samt Motoren erneuert und montiert sowie in sechs weiteren Motoren die Stromrichter getauscht. Weitere zweieinhalb Wochen wird er noch zu tun haben – zusammen mit Jörg Trosky von einer Spezialfirma in Kamp-Lintfort (NRW), der die Computersteuerung der Seilzüge auf Vordermann bringt und die Sommerferien in der Regel auch auf Bühnen in ganz Deutschland verbringt.

Knapp 500.000 Euro veranschlagte die Stadt für die Arbeiten. Da bei den Wartungsarbeiten ein kaputter Motor entdeckt wurde, dürfte die Rechnung aber höher werden. Das defekte Teil ist gerade unterwegs zum Hersteller ins Münsterland. Wenn alles gut läuft, tut es am 10. September wie gewohnt seinen Dienst hinter der Bühne. Dann hat das Stück „Verbrechen und Strafe“ Premiere, die Schauspieler stehen wieder auf der Bühne. Und Handwerker sitzen dann vielleicht wieder im Publikum.

Fachwissen und Routine

BT-Redakteur Harald Holzmann kommentiert: Facharbeitermangel! Rente mit 70! Viel wird gesprochen dieser Tage über die Frage, wie lange Fachkräfte künftig arbeiten müssen, damit die Rentenkasse nicht kollabiert und damit ganz grundsätzlich Arbeiten auch erledigt werden können. Schließlich sind gut ausgebildete und zuverlässige Leute Mangelware in allen Branchen. Der 66-Jährige aus dem Mittleren Schwarzwald, der derzeit am kurstädtischen Theater dafür sorgt, dass die Baden-Badener Mimen ab September wieder im guten Licht stehen und in passender Kulisse, gibt seine eigene Antwort darauf. Wenn seine Kenntnisse gefragt seien oder ein Engpass bestehe, sagt er mit verschmitztem Lächeln, sei er auch heute noch zur Stelle. Nun ist der Mann ein Einzelfall – augenscheinlich hat er Spaß an der Arbeit und ist körperlich topfit für sein Alter, was nicht für alle 66-Jährige zutrifft. Aber er zeigt auch auf, wie es im Idealfall gehen kann. Und damit ist er nicht allein: Mehr als 200.000 Menschen in Deutschland arbeiten weiter in ihrem Job, obwohl sie das Rentenalter erreicht haben. Vor allem kleine und mittlere Firmen profitieren vom Fachwissen und der Routine ihrer Senior-Kräfte. Und im konkreten Fall profitiert auch das Baden-Badener Theaterpublikum.

Ihr Autor

BT-Redakteur Harald Holzmann

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Erstellt:
13. August 2021, 11:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 58sec

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