Im „Bootcamp“ an der Oos werden Karrieren geprägt

Baden-Baden (vo) – Eine außergewöhnliche Institution bereitet die künftigen Wirtschaftsführer Deutschlands auf ihre Zukunft vor.

Das Palais Biron: Viele wichtige Führungskräfte der Wirtschaft in Deutschland haben dort an einem BBUG teilgenommen. Foto: Jürgen Volz

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Das Palais Biron: Viele wichtige Führungskräfte der Wirtschaft in Deutschland haben dort an einem BBUG teilgenommen. Foto: Jürgen Volz

Baden-Badener Unternehmer-Gespräche, kurz BBUG – schon mal gehört? Seit mehr als sechs Jahrzehnten sind sie eine Institution, gelten als Deutschlands bedeutendstes Netzwerk der Wirtschaftselite. Zweimal im Jahr treffen sich ausgewählte künftige Wirtschaftsführer des Landes in der Abgeschiedenheit des Palais Biron. In der Kurstadt werden sie auf ihre künftigen Aufgaben vorbereitet, die weit mehr sind als nur die Leitung eines Unternehmens.
Zwar in Anlehnung an die traditionelle US-amerikanische Business School, letztlich aber in einem weitaus größeren Kontext, entstanden die BBUG nach dem Zweiten Weltkrieg auf Initiative des Bundesverbands Deutscher Industrie (BDI). „Wir unterscheiden uns dahingehend, dass nicht der akademische Vortrag im Mittelpunkt steht, sondern das persönliche Gespräch, der Dialog mit herausragenden Praktikerinnen und Praktikern aus Unternehmensleitungen, Politik, Wissenschaft und Kultur. Das macht unser Modell so einzigartig“, sagt BBUG-Geschäftsführer Frank Trümper.

Nummer 149 und 150 stehen an

Seit 1955 hat es auf dieser Basis in Baden-Baden bereits 148 jeweils dreiwöchige Unternehmer-Gespräche mit nachfolgenden Meetings an anderen Orten gegeben. Im kommenden Jahr stehen im Frühjahr und Herbst die Nummern 149 und 150 an. Die BBUG haben also Jubiläum. „Das ist zweifellos ein Grund zu feiern, und wir tun das mit einem besonderen Programm“, betont der Geschäftsführer, ohne zu viel verraten zu wollen.

Lange galten die BBUG als „geschlossene Gesellschaft“ oder „elitärer Zirkel“, der das Licht der Öffentlichkeit scheut. Und klar: Hinter verschlossener Tür geht es auch heute noch vertraulich zu. „Aber auch direkt und unverstellt“, sagt Trümper. Man wolle nicht individuelle Karrieren fördern. Vielmehr geht der Blick über den persönlichen Tellerrand hinaus. Und dies in einem Rahmen, der sich in den letzten Jahrzehnten als profilierteste Plattform des Lernens und des Dialogs der Deutschen Wirtschaft etabliert hat.

Frank Trümper ist seit 2011 Geschäftsführer der Baden-Badener Unternehmer-Gespräche. Foto: Jürgen Volz

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Frank Trümper ist seit 2011 Geschäftsführer der Baden-Badener Unternehmer-Gespräche. Foto: Jürgen Volz

Inzwischen sind die BBUG auch nach außen hin offener geworden. Seit der Übernahme der Geschäftsführung durch Trümper vor elf Jahren weht ein frischer Wind durch die historischen Mauern des Palais Biron. Gemeinsam mit Karl-Ludwig Kley, dem damaligen Vorstandsvorsitzenden des gemeinnützigen Vereins und früheren Lenker des Pharmakonzerns Merck, stellte er die BBUG quasi neu auf. Im Februar verlässt er nun Baden-Baden. „Ich möchte noch mal was Neues anfangen“, sagt der 59-Jährige und macht deutlich, dass sich die BBUG aus der permanenten Weiterentwicklung speist – auch im personellen Bereich. „Es ist Zeit für einen Jüngeren“, so Trümper, dessen Nachfolger mit Michael Schwarz bereits feststeht. Schwarz kommt von der Stiftung Mercator, in deren Geschäftsführung er war, an die Oos.

Praktisches Wissen ist ein zentrales Anliegen

Dem Gründungsgedanken im Jahr 1955 folgend (siehe: zum Thema) waren vorrangige Ziele der BBUG von Anbeginn die Entwicklung der Persönlichkeit und die Vermittlung von praktischem Wissen, das verankert sein sollte in persönlicher Erfahrung und eingebunden in den weiteren Kontext verantwortungsvollen unternehmerischen Handelns innerhalb der Gesellschaft. Letzteres habe nach wie vor einen hohen Stellenwert, betont Trümper. „In der heutigen schwierigen Zeit hat der Zusammenhalt der Gesellschaft auch für die Wirtschaftsführerinnen und Wirtschaftsführer eine herausragende Bedeutung, für die sie sich aktiv engagieren müssen.“ Dabei spielten aktuell nicht nur die Corona-Pandemie eine Rolle, sondern auch geopolitische Entwicklungen und natürlich Fragen der Nachhaltigkeit wie die Klimawende oder die industrielle Transformation.

Das Anfang Oktober zu Ende gegangene 148. Unternehmer-Gespräch war dementsprechend gespickt mit solchen Themen. Neben der strategischen Unternehmensentwicklung ging es um die geoökonomische Rivalität mit China, die aktuelle Geldpolitik und das Gespenst der Inflation, den vernetzten technologischen Wandel und vieles mehr – sozusagen um das große Ganze. Und immer sind es herausragende Persönlichkeiten, die Trümper als Referenten für seine Veranstaltungen gewinnen kann. Die Liste liest sich wie das Who is Who der Deutschen Wirtschaft – zuletzt waren dies unter anderem Oliver Zipse, Vorstandsvorsitzender von BMW, Isabel Schnabel, Vorstand der Europäischen Zentralbank, oder Martina Merz, Chefin des Stahlkonzerns Thyssenkrupp.

BBUG haben sich im Laufe der Zeit geöffnet

Diese sogenannten Alumni (Ehemalige) sind ein wesentlicher Bestandteil der BBUG. Mehr als 3.000 sind es inzwischen, viele von ihnen sind schon seit Jahrzehnten dabei. Ein Großteil der wichtigsten Führungskräfte Deutschlands hat in seiner Karriere an einem BBUG teilgenommen und viele geben später ihre Erfahrungen an die künftigen Leader weiter.

Gleichzeitig ist der persönliche Austausch auch für die „alten Hasen“ durchaus befruchtend. „Im Generationendialog lernen sie möglicherweise ganz neue Sichtweisen, neue Ideen und Lösungsmöglichkeiten für Problemstellungen kennen“, sagt Trümper.

Vor diesem Hintergrund hat der Geschäftsführer die BBUG für weitere gesellschaftliche Kreise geöffnet. Beispielsweise nehmen nun Vertreter aus der Politik regelmäßig teil. Der ehemalige Gesundheitsminister Jens Spahn ist einer von ihnen, aber auch aktuelle Regierungsmitglieder wie Christian Lindner kamen schon in den eigens für die Treffen in der Hauptstadt gegründeten „Berliner Salon“.

Überhaupt haben sich Inhalte der BBUG mit den Jahren deutlich verändert. Das konventionelle Konferenz- und Seminargeschehen wird nun ergänzt mit inhaltlich relevanten Exkursionen – beim jüngsten Treffen unter anderem zum KIT und ZKM in Karlsruhe. Und noch ein Beispiel: Beim 148. Treffen im September war der Nationalpark Schwarzwald das Ziel mit Wanderung und anschließenden Workshops gemeinsam mit einer Gruppe der „Young Explorers“, Jugendlichen, die sich im Nationalpark für Nachhaltigkeit und den Erhalt der Natur engagieren. Dass dabei die eine oder andere kritische Frage an die künftigen Wirtschaftsführer gestellt wurde, war selbstredend.

Neben den Inhalten haben auch neue Formate bei dem BBUG-Programm Einzug gehalten. Etwa die Baden-Badener Gründer-Gespräche, bei denen sich Gründer und Top-Manager aus Start-ups regelmäßig zum Gedankenaustausch untereinander, aber auch zum Erfahrungsaustausch mit etablierten Führungskräften treffen – quasi als Verknüpfung von „new“ und „old Economy“. Mit Ad-hoc-Werkstattgesprächen sowie Brennpunktgesprächen können die BBUG-Macher darüber hinaus kurzfristig auf aktuelle Themen und Entwicklungen reagieren.

Crème de la Crème schickt Nachwuchskräfte an die Oos

Die Mehrzahl der DAX-Konzerne gehört dem elitären Kreis mit seinen rund 130 Unternehmens-Mitgliedern an, dazu kommen bedeutende mittelständische sowie in Deutschland verankerte internationale Unternehmen. Man kann durchaus, wie es Frank Trümper tut, von der Crème de la Crème sprechen, die ihre Nachwuchskräfte nach Baden-Baden schickt. Dort wiederum sind die Plätze in den Veranstaltungen begrenzt und daher heiß begehrt. „Wir können zwischen 30 und 35 Teilnehmer pro Gespräch aufnehmen“, sagt Trümper. Meist gehen weit mehr als doppelt so viele Nominierungen ein. Die Mitgliedsfirmen können maximal einen Kandidaten vorschlagen, der BBUG-Vorstand entscheidet, wer kommen darf. Ein Programm läuft jeweils über fünf Jahre, mit kürzeren Folge-Veranstaltungen, die vornehmlich in europäischen Hauptstädten wie Paris, London, Rom oder Madrid stattfinden. Danach engagieren sich die BBUG-Gruppen meist noch über viele Jahre und Jahrzehnte bei selbst organisierten Treffen.

Und was wird die Zukunft bringen? Frank Trümper ist überzeugt davon, dass die BBUG auch nach mehr als 60 Jahren unverzichtbar sind für die deutsche Wirtschaft. Bestätigt wird er in seiner Einschätzung von den Trägern der Institution, die hinter der Philosophie und – wichtig für Baden-Baden – hinter dem Standort stehen. Gleichwohl bleibt Veränderung fester Bestandteil der BBUG. Zuletzt sind sie deutlich weiblicher geworden – eine Entwicklung, die den scheidenden Geschäftsführer besonders freut, weil dies ein Spiegelbild der Entwicklung in den Vorständen der Unternehmen ist. Auch die Internationalität hat dort deutlich zugenommen. Und schließlich sorgt die Digitalisierung dafür, dass im „Bootcamp“ an der Oos, wie die BBUG ihr Trainingsprogramm gerne selbst bezeichnet, einiges im Fluss bleibt.

Zum Thema: Seit ihren Anfängen in den frühen 50er Jahren ging es bei den Baden-Badener Unternehmer-Gesprächen darum, zukünftige Spitzenkräfte der deutschen Wirtschaft umfassend auf ihre herausgehobene und übergreifende Verantwortung im Unternehmen und in der noch jungen Demokratie der Bundesrepublik vorzubereiten. Damals war der demokratische Rechtsstaat noch nicht fest verankert und die marktwirtschaftliche Wettbewerbsordnung noch nicht nachhaltig akzeptiert. Zwar hatte die Regierung, allen voran Ludwig Erhard, die Soziale Marktwirtschaft etabliert. Aber vom Erfolg dieses Wirtschaftsmodells waren längst nicht alle Deutschen überzeugt. Es war daher Unterstützung notwendig, was letztlich zur Gründung der BBUG führte.

Die 30 Gründungsunternehmen sowie die an der Gründung wesentlich beteiligten Verbände BDI (Bundesverband Deutsche Industrie), DIHT (Deutscher Industrie- und Handelstag) und BDA (Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände) waren sich darüber einig, dass die BBUG keine Interessenvertretung der deutschen Industrie sein müsse, sondern ein von Partikular- und Verbandsinteressen unabhängiges, allein der Gesamtwirtschaft und dem Gemeinwohl verpflichtetes Entwicklungsprogramm für angehende Wirtschaftsführer.

Die Baden-Badener Unternehmer Gespräche werden rechtlich und finanziell getragen von dem gleichnamigen gemeinnützigen Verein. Vorsitzender des 15-köpfigen Vorstands ist derzeit der frühere Chef und heutige Aufsichtsratsvorsitzende von BASF, Kurt Bock. Einem begleitenden Kuratorium gehören unter anderem Ola Källenius (Mercedes-Benz), Frank Appel (Deutsche Post) und Roland Busch (Siemens) an. Hinzu kommen bundesweit regionale Gruppen mit jeweils eigenen Sprechern. Das operative Geschäft liegt in den Händen eines kleinen Teams um Geschäftsführer Frank Trümper und wird von Baden-Baden aus gesteuert.

Zur Person: Frank Trümper studierte Geschichte, Volkswirtschaft und Philosophie in Hamburg, Frankfurt am Main und London. Nach seinem Berufseintritt als Top-Management-Trainee der Bertelsmann AG war er viele Jahre in Führungspositionen sowohl im Profit- wie im Non-for-Profit-Sektor tätig, unter anderem als Geschäftsführer der Bertelsmann Stiftung, und der S. Fischer-Verlage (Frankfurt). Als Leiter (Managing Director) des Bereichs Corporate Social Responsibility der Deutschen Bank und Mitglied des Vorstands der Deutsche Bank Stiftung verantwortete Trümper die strategische und organisatorische Neuausrichtung des weltweiten gesellschaftlichen Engagements des Unternehmens. 2006 übernahm er die Geschäftsführung der gerade neu gegründeten Organisation von Common Purpose in Deutschland. Seit 2011 ist Trümper Geschäftsführer der Baden-Badener Unternehmer-Gespräche. Trümper ist Fellow der Atlantik-Brücke, „Young Leader of Tomorrow“ des World Economic Forums in Davos, Mitglied im Ideenrat des Zentrums für Gesellschaftlichen Fortschritts sowie im Trägerverein Common Purpose Deutschland e.V. Trümper ist zudem Herausgeber und Autor des Buchs „Besser, anders, weiter so? – Verantwortliche Führung in Wirtschaft und Gesellschaft“ (Verlag Herder).


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