„Im Finale kann alles passieren“

Freiburg (mi) – Freiburgs Innenverteidiger Philpp Lienhart äußert sich vor dem DFB-Pokalfinale im Interview über Gegner RB Leipzig, die Trainer Christian Streich und Zinedina Zidane.

Offensiv und defensiv gleichermaßen stark: SC-Innenverteidiger Philipp Lienhart. Foto:Marvin Ibo Güngör/GES

© GES/Marvin Ibo Güngör

Offensiv und defensiv gleichermaßen stark: SC-Innenverteidiger Philipp Lienhart. Foto:Marvin Ibo Güngör/GES

BT: Herr Lienhart, der Sport-Club hat in der Bundesliga zu Hause und in Leipzig jeweils 1:1 gespielt. Gehen Sie und Ihre Kollegen deshalb mit einem guten Grundgefühl in das dritte, wichtigste Saisonduell?
Philipp Lienhart: Ich glaube, dass wir unabhängig von den beiden Bundesliga-Ergebnissen mit einem guten Gefühl antreten können, weil es ein ganz besonderes Spiel für jeden Spieler, den Verein, ganz Freiburg ist. Wir haben lange darauf hingearbeitet, und jetzt freuen wir uns unheimlich, dass wir im Finale stehen.

BT: Sehen Sie den Sport-Club als Außenseiter?
Lienhart: Ein Finale ist nun mal nur ein Spiel und da kann alles passieren, ob man Außenseiter ist oder nicht.

BT: Leipzig spielt unter Domenico Tedesco einen anderen Fußball als noch unter Vorgänger Jesse Marsch. Es wird viel mehr Wert auf Ballbesitz gelegt. Die Ergebnisse geben ihm in den vergangenen fünf Monaten recht. Macht das die Aufgabe für den Sport-Club noch schwerer?
Lienhart: Die Aufgabe ist auf jeden Fall sehr schwer, da muss man tatsächlich nur auf die Ergebnisse schauen, speziell in der Rückrunde. Ich habe kürzlich gelesen, dass sie sogar die stärkste Rückrundenmannschaft sind. Wir wissen, dass Leipzig viel Qualität hat, und dass wir einen nahezu perfekten Tag brauchen, um das Spiel zu gewinnen. Aber wir wollen alles versuchen, um den größten Vereinserfolg möglich zu machen.

Laimer ein ziemlich kompletter Spieler

BT: Ihr Landsmann Konrad Laimer blüht unter Tedesco richtig auf, er ist ein Schlüsselspieler im zentralen defensiven Mittelfeld. Sie kennen ihn gut, wie schätzen Sie ihn ein?
Lienhart: Ja, ich kenne ihn ziemlich gut und lange schon. Wir haben schon einige Länderspiele in den U-Nationalmannschaften bestritten. Er ist ein extrem guter Spieler, vor allem wenn es gegen den Ball geht. Er ist sehr aggressiv, schnell, kommt auf viele Ballgewinne. Kürzlich gegen Dortmund hat er einen Doppelpack erzielt. Er ist ein ziemlich kompletter Spieler.

BT: Als Innenverteidiger wird Ihr Augenmerk vor allem auf den Leipziger Offensivkräften liegen. Wie sind Ihre Erfahrungen mit Silva, Poulsen oder Nkunku, der pfeilschnell und sehr torgefährlich ist?
Lienhart: Die Drei sind natürlich sehr gut, aber man darf auch nicht die Spieler dahinter wie Dani Olmo vergessen. Wir dürfen uns nicht nur auf ihre Top-Stürmer konzentrieren, genauso gefährlich sind deren Außenspieler in der Dreierkette oder die Mittelfeldspieler. Bei den Standards gilt es natürlich auch auf deren Verteidiger aufzupassen. Leipzig verfügt über eine Mannschaft, in der jeder Einzelne imstande ist, Tore zu erzielen. Da müssen wir hellwach sein.

BT: Christian Günter, Nicolas Höfler, Jonathan Schmid und Nico Schlotterbeck haben in Berlin mit den A-Junioren schon den Cup gewonnen. Können Sie sich vorstellen, was in Freiburg los wäre, wenn der Goldpokal als erste Silberware der Profis in der Vereinsgeschichte gewonnen würde?
Lienhart: Konkrete Gedanken habe ich mir ehrlich gesagt noch nicht gemacht, aber ich könnte mir vorstellen, dass dann ein Riesenfest stattfinden würde, sich die ganze Stadt und alle Fans riesig mit uns freuen würden.

BT: Christian Streich hat dreimal mit den Junioren in Berlin triumphiert. Er hat mittlerweile auch das Profiteam auf ein unheimlich hohes Niveau geführt. Was zeichnet ihn aus?
Lienhart: Er ist ein Trainer, der Wert auf viele kleine Details legt und versucht, jeden Spieler besser zu machen. Da hat er ein super Gespür dafür, wie er die Spieler anpacken muss, um Topleistungen aus ihnen herauszukitzeln. Ich glaube, dass es uns geholfen hat, dass wir in den vergangenen Jahren relativ wenige Abgänge hatten.Von daher kennen wir uns alle recht gut. Wir kennen die Abläufe, wissen, was der Trainer sehen will und was uns stark macht.

BT: Sie haben beim Weltverein Real Madrid auch unter Welt- und Europameister Zinedine Zidane trainiert. Ist es neben dem Ehrgeiz dieses Einfühlungsvermögen, die individuelle Ansprache an die Spieler, was Beide gemeinsam haben?
Lienhart: Das denke ich schon, obwohl ich kein Fan von solchen Trainervergleichen bin, weil jeder Trainer eben anders ist. Es ist aber sicher, dass Beide sehr gut darin sind, Spieler besser zu machen. Ich glaube, dass ich unter Beiden nochmals einen großen Schritt in meiner persönlichen Entwicklung nach vorne machen konnte.

„Auf alle Fälle die richtige Entscheidung“

BT: Von daher war auch Ihr Wechsel von Reals Reserveteam zum Sport-Club ein wichtiger Schritt für Sie?
Lienhart: Auf jeden Fall. Ich spielte bei Real in der zweiten Mannschaft, das ist in Spanien die dritte Liga. Irgendwann will man dann mehr, und der Sprung zu den Real-Profis ist schon gewaltig. So habe ich mich damals anders orientiert, relativ schnell Gespräche mit dem Sport-Club geführt. Die waren gut, sodass ich überzeugt war, hier herkommen zu wollen. Im Nachhinein kann ich sagen, dass es auf alle Fälle die richtige Entscheidung war.

BT: Sie sind mittlerweile einer der offensivstärksten Innenverteidiger der Bundesliga (fünf Saisontore) und defensiv eine Bank. Wenn Sie so weitermachen, holt Sie Real irgendwann zurück...
Lienhart: Darüber habe ich mir ehrlich gesagt noch keine Gedanken gemacht. Ich versuche, meine Leistungen hier zu bringen und will mich so weit wie möglich verbessern.

BT: Sie bilden mit Nico Schlotterbeck ein kongeniales Innenverteidiger-Duo. Sie sind beide torgefährlich. Liegt das einerseits daran, dass Vincenzo Grifo einer der besten, wenn nicht der beste Standardspezialist der Bundesliga ist, und speziell Sie eine intuitive Gabe dafür entwickelt haben, im gegnerischen Strafraum am richtigen Fleck zu stehen?
Lienhart: Ich denke auch, dass es eine Mischung aus beiden Faktoren ist, wobei ich erwähnen möchte, dass auch Christian Günter sehr gute Freistöße und Ecken schießt. Da haben wir also gleich zwei gute Schützen. Ich glaube, dass unsere Abläufe in der Mitte des gegnerischen Strafraums in dieser Saison sehr gut funktionieren. Natürlich habe ich auch ein gewisses Gespür dafür, ob ich im Strafraum einen Meter vor oder zurück gehen soll. Wir als Team bewegen und stellen uns dort gut auf.

Von Rangnick-Entscheidung überrascht

BT: Ist die Europacup-Teilnahme für Sie eine emotionale Entschädigung dafür, dass es mit der WM-Teilnahme Österreichs nicht geklappt hat?
Lienhart: Nein, eine Entschädigung nicht. Ich hätte die WM sehr gerne gespielt, das hat leider nicht geklappt. Auf die internationalen Spiele mit dem Sport-Club freue ich mich aber auf jeden Fall.

BT: Waren Sie überrascht, dass Ralf Rangnick, der zudem weiter als Berater von Manchester United tätig sein wird, zum neuen Teamchef von Österreich ernannt wurde?
Lienhart: Ehrlich gesagt war das für mich schon überraschend. Ich habe vorher die Medienberichte gelesen und da ist sein Name relativ selten gefallen. Dass er viel Ahnung vom Fußballgeschäft und jede Menge Erfahrung hat, ist jedem klar. Ich hoffe natürlich, dass er unserer Nationalmannschaft weiterhelfen kann. Ich bin auch überzeugt davon, dass er es kann.

BT: Nach Franco Foda also wieder ein „Piefke“ als Nationalcoach. Liegt das auch daran, dass die Bundesliga die meisten Spieler der europäischen Topligen für den Austria-Kader stellt?
Lienhart: Woran das genau liegt, weiß ich auch nicht. Allerdings hat Deutschland viele sehr gute Trainer. Die haben wir in Österreich auch, aber der Verband und Sportdirektor Peter Schöttel haben sich für Ralf Rangnick entschieden, und jetzt wollen wir das Beste daraus machen.


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