Ukraine-Krieg als Belastungsprobe für Gemeinden

Baden-Baden (kli) – In den Ukraine-Krieg werden auch die Religionen mit hineingezogen. In den russisch-orthodoxen Gemeinden in Baden-Baden versucht man, das Thema draußen zu halten. Gelingt das?

Brennende Kerzen für den Frieden: In der Baden-Badener Christi-Verklärungs-Gemeinde wird für das Ende des Kriegs gebetet.      Foto: Uli Deck/dpa

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Brennende Kerzen für den Frieden: In der Baden-Badener Christi-Verklärungs-Gemeinde wird für das Ende des Kriegs gebetet. Foto: Uli Deck/dpa

Während der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine mit unverminderter Härte weiterläuft, versuchen die russisch-orthodoxen Gemeinden in Baden-Baden den Krieg außerhalb der Kirchenräume zu lassen. „Wir sollten Christen sein. Wir haben keinen Platz für Krieg“, sagt Abt Andrei von der Christi-Verklärungsgemeinde in der Baden-Badener Cité.

Dabei spielt die Verstrickung des orthodoxen Patriarchen Kyrill in das Putin-Regime in den Diskussionen durchaus eine Rolle. Kyrill unterstützt den Krieg und hält wie Putin den Westen für dekadent. Kyrill sieht eine historische Einheit zwischen Russland und der Ukraine. Man müsse äußere und innere Feinde zurückdrängen und den Kreml unterstützen, forderte er erst jüngst am Wochenende. Dafür erntet er viel Widerspruch auch in seiner Kirche, vor allem natürlich in der Ukraine. Dort fordern viele Geistliche inzwischen die Amtsenthebung von Kyrill, denn er begehe mit der Unterstützung für den Krieg ein moralisches Verbrechen.

Die russische Orthodoxie ist mit einer Delegation im Sommer auch Gast bei der Vollversammlung des Ökumenischen Rats in Karlsruhe. Sie wird sich da einige kritische Stimmen anhören müssen. Es gibt sogar schon Überlegungen, die Delegation von der Versammlung auszuschließen.

Komplizierte Situation in der Ukraine

In der Ukraine ist die kirchliche Gemengelage zudem äußerst kompliziert. Dort gibt es die ukrainisch-orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats und seit Ende 2018 zusätzlich eine eigenständige orthodoxe Kirche der Ukraine, die sich von Moskau gelöst hat. Der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel hat die Unabhängigkeit der neuen orthodoxen Kirche der Ukraine trotz aller Proteste aus Moskau anerkannt. Daneben gibt es in der Ukraine noch die griechisch-katholische Kirche, die mit Rom verbunden ist.

Diese Kirchenkonflikte und den Krieg will Abt Andrei möglichst außerhalb seiner Gemeinde lassen. „Der Krieg spielt bei uns keine Rolle. Wir beten für das ukrainische Volk genauso wie für die Deutschen und die Russen“, sagt er dem BT. Er selbst ist Russlanddeutscher und in Kasachstan geboren. Der 48-Jährige, der 1998 nach Baden-Baden kam, versichert, er leide sehr an dem Krieg. „Ich weine jeden Tag, aber ich kann Putin nicht anrufen“, sagt er. Er bekomme viele SMS und E-Mails, auch von Freunden aus der Ukraine. Erst vor zwei Wochen habe er noch Bekannte in Kiew besucht. Er hat auch Freunde in Sankt Petersburg, wo er studiert hat. „Ich habe Putin nicht gewählt, aber man verflucht mich hier“, bedauert er.

Alle Ukrainer seien in seiner Gemeinde willkommen. Man habe Geld und Sachspenden für ukrainische Flüchtlinge und für Menschen in der Ukraine gesammelt, arbeite auch eng mit der jüdischen Gemeinde zusammen. In der Gemeinde werde auch für den Moskauer Patriarchen Kyrill gebetet, solange sein Erzbischof Tichon in Berlin ihm nichts anderes anweise. Er persönlich ist aber nicht einverstanden mit dem, was Kyrill sagt und wie er handelt. „Aber was soll ich machen? Ich bin nur ein einfacher Priester“, sagt er.

Lieber nicht anzünden

In der Gemeinde und in den Gottesdiensten will er nicht über den Krieg diskutieren, denn das sei ein schreckliches Thema. „Wie Streichhölzer“ empfindet er das – die man besser nicht anzündet. Was man stattdessen tun könne? Beten, helfen und hoffen, dass alle rasch zur Vernunft kommen. Abt Andrei wünscht sich, dass der Krieg so schnell wie möglich endet. Ukrainer und Russen seien doch schließlich Brüder. „Hier führt ein Bruder gegen den anderen Krieg“, bedauert er. Stolz berichtet der Geistliche, dass er in seiner Gemeinde drei geflohene ukrainische Jungs als Messdiener aufgenommen hat. Einer von ihnen sei anfangs schüchtern und ängstlich gewesen. Am vergangenen Sonntag habe er beim Altardienst gelächelt. „Für mich war das ein großes Geschenk“, so Andrei.

Die russisch-orthodoxe Kirche in Deutschland verurteilt den Krieg offiziell. Für diesen gebe es keine Rechtfertigung, sagt Metropolit Mark in einer Videobotschaft. Er ist der russisch-orthodoxe Erzbischof von Berlin und Deutschland (russische orthodoxe Kirche im Ausland). Die orthodoxe Bischofskonferenz in Deutschland verurteilt den Krieg ebenso wie der Arbeitskreis orthodoxer Theologen im deutschsprachigen Raum. Die klare Positionierung hält der katholische Militärbischof Franz-Josef Overbeck für glaubwürdig. „Die orthodoxe Kirche in Deutschland schaut mit Abscheu auf diesen Krieg“, sagt er.

Die viel bekanntere orthodoxe Kirche mit dem vergoldeten Zwiebelturm in der Baden-Badener Lichtenthaler Straße versucht ebenfalls, den Krieg draußen zu halten. „Wir sprechen nicht über den Krieg, wir beten für die Opfer, und zwar auf beiden Seiten“, sagt ein Gemeindemitglied, das anonym bleiben möchte. Viele Gottesdienstbesucher kämen aus der Ukraine. Man wolle in der Kirche nicht streiten. „Im Christentum geht es um die Rettung der Seele“, sagt er ganz grundsätzlich. Ob er einverstanden ist mit der Position Kyrills? Das Gemeindemitglied wiegelt ab: „Fragen Sie bitte Kyrill!“


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