Im Mutterleib hört das Baby genau hin

Baden-Baden (BT) – Das Sprechenlernen beginnt schon ganz früh – bereits im Mutterleib. Das BT hat dazu in der Serie „Vier Fragen an“ eine Expertin befragt.

Ursula Günster-Schöning findet es wichtig, dass Eltern Sprache lustvoll weitergeben. Foto: Schöning Fotodesign

© pr

Ursula Günster-Schöning findet es wichtig, dass Eltern Sprache lustvoll weitergeben. Foto: Schöning Fotodesign

Bereits im Mutterleib hören Babys ihre zukünftige Sprache: Das Wort „Muttersprache“ kann also wörtlich genommen werden. Die Grundlage für das Sprechenlernen entsteht schon früh – und hängt stark von einer vertrauensvollen Beziehung zu den Eltern ab. Wie Kinder sprechen lernen, aber auch, wie Eltern ihre Kinder von Anfang an darin unterstützen können, schildert Ursula Günster-Schöning in ihrem neuen Buch „Jetzt lerne ich sprechen“. Sie gibt Eltern neben fachlichen Informationen zahlreiche Ideen für Spiele an die Hand. BT-Redakteurin Daniela Körner stellte ihr vier Fragen:

BT: Frau Günster-Schöning, wann setzt das Erlernen einer Sprache beim Menschen ein?
Ursula Günster-Schöning: Im Prinzip beginnt die Vorbereitung bereits im Mutterleib, wenn die Sprechwerkzeuge des Säuglings angelegt und trainiert werden. Dazu gehören das Lutschen am Daumen und das Schlucken von Fruchtwasser – auch werden der Kehlkopf, die Zunge, der Gaumen trainiert. Alles, was ein Baby braucht, um Sprache nutzen zu können, wird vorbereitet. Eine ganz wichtige Funktion haben dabei die Ohren. Von allen Sinnesorganen wird das Ohr als Erstes ausgebildet. Dies führt dazu, dass beim Neugeborenen die Stimme der Mutter von Anfang an besonders vertraut ist. Bereits im Mutterleib nimmt das Baby so die Sprache der Mutter als Erstes wahr. Deswegen sagt man auch Muttersprache, da sich die Schallwellen der Stimme über das Rückenskelett direkt zu den Beckenknochen übertragen. So hört das Kind den Rhythmus und andere typische Elemente der Sprache. Die erkennt das Baby dann nach der Geburt sehr gut wieder, da es diese am häufigsten und am deutlichsten gehört hat. Deswegen reagieren Babys auch nach der Geburt auf die Sprache der Mutter besonders stark. Die Voraussetzungen für den Spracherwerb werden somit schon während der Schwangerschaft gelegt, indem das Baby seine biologischen Anlagen entwickelt, um Sprache erwerben und anwenden zu können.

BT: Was passiert dann?
Günster-Schöning: Nach der Geburt geht es damit los, dass das Kind in das Sprachbad, das es umgibt, eintaucht und mitbekommt: Es gibt bestimmte Töne, Klänge, Laute, die immer wiederkehren – es erkennt ein sprachliches Muster. Beim Schreien übernimmt es dann sogar das Sprachmuster seiner Mutter. Dieses Phänomen konnte in zahlreichen Studien nachgewiesen werden. Und danach fangen die Babys dann beim Lallen und Juchzen an, die Muster zu reproduzieren. Mit den ersten Lauten stellt das Kind so seine „Sprechwerkzeuge“, den Mund und zum Beispiel seine Zungenbewegungen ein, immer im Zusammenspiel mit dem Ohr. Parallel fängt das Gehirn an, alles neuronal miteinander zu vernetzen.

BT: Was sind gute Voraussetzungen für das Sprechenlernen?
Günster-Schöning: Zum einen müssen die Organe gut angelegt sein: Das Gehör, der Mund, die Atmung usw. Des Weiteren ist es wichtig, dass das Kind nach der Geburt Menschen hat, die es liebevoll umsorgen und mit ihm sprechen, damit es die Sprache, in die es hineingeboren wird, auch hört. Und so hört und spürt es: Ich bin willkommen, ich bin ein kleiner Mensch, dem Aufmerksamkeit widerfährt. Eine gute Bindung ist wichtig, damit das Kind sich sicher fühlt. Dann beginnt ein wechselseitiges Aufeinander-Hören, und erste Lall- und Lächeldialoge entstehen, indem das Kind die Laute und Töne der Eltern imitiert. Die Kinder brauchen Erwachsene, um in Sprache zu kommen, da noch nichts auf der Welt eine Bedeutung hat. Erst durch die Sprache und die Begleitung der Erwachsenen, die die Dinge erklären, etwa mit Sätzen wie „Schau mal, ein Vogel“ oder „Jetzt ziehen wir dir die Hose an“ bekommen die Dinge eine Bedeutung. Das Kind bekommt so die Möglichkeit, Begriffe, also die Sprache, mit Handlungen und Bedeutung zu verquicken.

„Jedes Kind geht seinen individuellen Weg“

BT: Was, wenn mein Kind nicht so schnell sprechen lernt wie andere? Habe ich dann etwas falsch gemacht?
Günster-Schöning: Jedes Kind ist unterschiedlich. Deswegen rate ich dringend davon ab, Kinder miteinander zu vergleichen. Sprache ist etwas Individuelles, und jedes Kind geht seinen individuellen Entwicklungsweg – ähnlich wie beim Laufen lernen auch. Es gibt Kinder, die recht flott sind, andere brauchen etwas länger. Die Entwicklungsphasen der Kinder lassen sich nicht exakt einteilen oder abgrenzen. Die Übergänge verschwimmen. So kann beispielsweise ein dreijähriges Kind sprachlich schon sehr weit sein, sodass es schon sehr früh, vielleicht zu Beginn seines dritten Lebensjahres, in die „zweite Sprachwelt“ wechselt, in die der Drei- bis Fünfjährigen, während ein anderes Kind in der ersten Sprachwelt viel länger verweilt und erst zum Ende seines dritten Lebensjahres in der zweiten eintrifft. Beides ist richtig, beides ist „normal“ – weil Kinder nun mal Individuen sind. Wichtig ist, dass Eltern nicht dramatisieren oder bagatellisieren, wenn sich die Sprache nicht so recht entwickeln will. Wenn sie jedoch auf die wichtigen Meilensteine in der Sprachentwicklung achten, passt es meistens sehr gut. Zudem gibt es ja auch noch die U-Untersuchungen beim Kinderarzt bei denen man sich Unterstützung holen kann.

Ursula Günster-Schöning: Jetzt lerne ich sprechen. Die Sprachentwicklung von Kindern verstehen und fördern. Duden-Verlag, 288 Seiten, 18 Euro.

Eine lange Fassung des ganzen Interviews können Sie in der Samstagsausgabe des Badischen Tagblatts vom 20. März sowie im E-Paper nachlesen.

Vier Fragen an:“ ist eine Reihe der BT-Onlineredaktion. Die vier Fragen richten sich an Menschen, die gerade im Fokus stehen, etwas Interessantes erlebt oder zu erzählen haben oder aufgrund ihrer Tätigkeit interessant sind. Die Beiträge der Reihe werden sonntags auf der Homepage des Badischen Tagblatts veröffentlicht.

Zum Artikel

Erstellt:
28. März 2021, 06:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 47sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.