Im Schweinemuseum ist die Welt rosa

Stuttgart (ela) – Plüschschweine, ein Waggon mit Schweinekopf und ein Promi samt Rüssel: Das Lieblingstier von Erika Wilhelmer wird im alten Schlachthof Stuttgart in all seinen Facetten präsentiert.

Das goldene Schwein ist ein beliebtes Fotomotiv. Foto: Daniela Jörger

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Das goldene Schwein ist ein beliebtes Fotomotiv. Foto: Daniela Jörger

Der alte Stuttgarter Schlachthof ist ein Schweinestall – und zwar einer, in dem sich Mensch und Tier sauwohl fühlen. Rund 35000 Schweine-Objekte aller Materialien, Farben, Größen und Gestaltung bevölkern seit zehn Jahren das Verwaltungsgebäude der früheren Einrichtung.

Die umfangreiche wie skurrile Sammlung, die die Stuttgarter Gastwirtin Erika Wilhelmer in rund 30 Jahren zusammengetragen hat, reicht von Skulpturen, großen und Miniatur-Figuren, Spardosen, Blechspielzeug und Werbeschildern über Nadelkissen, Bilder, Frühstücksbrettchen, Haken, Uhren, Gläser bis hin zu Plüschtieren, Feuerzeugen, Metzgerei-Puppenstuben, Krügen, Schirmständern und sogar Bügeleisen, Krawattennadeln und Korkenziehern. Manche Säue baden, andere spielen Karten oder Roulette, rauchen, rennen oder zeigen ihre Reize. Kitsch und Kunst aus aller Welt – es gibt nichts, was es nicht gibt.

Erika Wilhelmer mit „Annabelle“, die bei Fastnachtsumzügen gezeigt wird. Foto: Daniela Jörger

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Erika Wilhelmer mit „Annabelle“, die bei Fastnachtsumzügen gezeigt wird. Foto: Daniela Jörger

„Es ist das größte Schweinemuseum der Welt“, betont Erika Wilhelmer, die zudem im Erdgeschoss ein Restaurant betreibt und auch mit ihren 80 Jahren täglich vor Ort ist. Belegt ist das durch einen Eintrag im Guinness-Buch der Rekorde von 1992. Jährlich empfängt Wilhelmer rund 40000 Besucher aus aller Welt, die an der rosa Glückswelt ihre Freude haben. „Ich finde Schweine einfach schön – sie stehen eigentlich für alles und kommen fast überall vor“, erklärt die Gastronomin ihr Faible für das oft verkannte Tier, für das sie vor dem Umzug nach Stuttgart bereits in Bad Wimpfen ein Museum eingerichtet hatte. Nicht immer stieß sie mit ihrer Sau-Sammelleidenschaft auf Verständnis. Doch Geschenke von Freunden und Gästen, Flohmarktfunde, Urlaubsmitbringsel und geschenkte kleinere Sammlungen haben den Fundus auf rund 50.000 Schweine anwachsen lassen. Was nicht in der Dauer- und den Wechselausstellungen gezeigt werden kann, schlummert im Depot unterm Dach.

Prunkstück vor der Tür: Die Basler Säu’li Tram ist das größte Objekt der Sammlung. Foto: Daniela Jörger

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Prunkstück vor der Tür: Die Basler Säu’li Tram ist das größte Objekt der Sammlung. Foto: Daniela Jörger

Gezeigt werden alle Facetten des Tiers. Schon vor der Eingangstür stehen zwei Highlights der Ausstellung: Erstens die zehn Tonnen schwere und mehr als 13 Meter lange Basler Säu’li Tram, ein rosafarbener Eisenbahnwaggon mit Schweinekopf, die einst in Basel sogar fuhr. Und zweitens die überdimensionale, freundlich grinsende Figur „Annabelle“, die das Unternehmen regelmäßig auf Fastnachtsumzügen repräsentiert.

„Ahnengalerie“ mit goldenem Schwein

In den 29 übervollen Themenräumen (und auf den Gängen) werden Plüschtiere, Spardosen, Figuren und mehr dann thematisch sortiert präsentiert. Passend zum Ausstellungsort beginnt der Rundgang mit einer Metzgerei inklusive Erklärungen über Erzeugnisse und Entwicklung des Fleischkonsums. Dem Wildschwein und der Jagd darauf sind weitere Räume gewidmet, bevor es um die Domestizierung und in der „Ahnengalerie“ mit dem goldenen Schwein im Mittelpunkt um alte, ausgestorbene Rassen geht. Die Besucher können so auch eine Menge lernen, zum Beispiel, dass auf der Suche nach fettärmerem Fleisch etliche alte Zuchtrassen seit den 1950er Jahren verschwunden sind und in den 70er Jahren das Deutsche Weideschwein ausstarb. Es war die letzte Rasse ohne Gene asiatischer Herkunft, heißt es auf einer der Tafeln.

Nicht nur für Kinder ein Hingucker im Museum: Der Weihnachtsbaum der Kuscheltiere. Foto: Daniela Jörger

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Nicht nur für Kinder ein Hingucker im Museum: Der Weihnachtsbaum der Kuscheltiere. Foto: Daniela Jörger

Ein Raum voller Miniaturschweinchen in Setzkästen, eine Wand voller Magnete, ein riesiger Plüschtier-Weihnachtsbaum, Vitrinen voller Glastiere und Blechspielzeug, ein schweinischer Staubsauger, ein Föhn – der Fundus ist schier unerschöpflich. Ein Zimmer ist den Promis unter den rosafarbenen Tieren gewidmet: Dort kommen Film- und Fernsehstars wie Miss Piggy, Rudi Rüssel, Babe, Wilbur oder Piggeldy und Frederick zu Ehren. Nebenan wird menschlichen Promis „gehuldigt“. Unter ihnen: Udo Lindenberg – schweinemäßig verfremdet neben dem Roulettetisch. Kinder finden in einem Spielzimmer Plüschtiere zum Kuscheln. Die aktuelle Sonderausstellung ist dem chinesischen Jahr des Schweins 2019 gewidmet. Wegen der Corona-Pause ist sie noch bis Ende des Jahres zu sehen. Jeder kann dort entdecken, ob er im chinesischen Horoskop Hase, Affe, Hund oder eines der anderen Tiere ist.

Tierisch prominent: Auch Udo Lindenberg wurde verfremdet. Foto: Daniela Jörger

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Tierisch prominent: Auch Udo Lindenberg wurde verfremdet. Foto: Daniela Jörger

Und dann geht es auch noch um Schlag- und Sprichwörter rund ums Schwein, von denen mehr fest in unserem Alltag verankert sind, als man zunächst denkt. Das Tier selbst kommt dabei mal gut, mal schlecht weg. „Faule Sau“, „Drecksau“, „Sauhaufen“ und „Schweinehund“ sind oft gehörte Schimpfwörter. Auch Begriffe wie saukalt, Sauwetter, Sauklaue, Saustall, „Fressen wie ein...“, versaut, saudumm, Schweinefraß, oder das Phrasenschwein sind negativ belegt. Dem Tier tut man damit aber immer unrecht: Schweine gelten als sozial und sehr reinlich. Der Schlamm, in dem sie sich gerne wälzen, schützt vor Insekten und Sonnenbrand. Auf der Habenseite werden für die Tiere Begriffe wie Glücksschwein, sauwohl und Trüffelschwein verbucht. Auch als Sparschwein wird es gemocht. Denn Schweine sind seit jeher auch ein Symbol von Sicherheit, Glück und Wohlstand. Ein Bauer, der ein Schwein im Stall hatte, konnte sich glücklich schätzen. Mitleid äußern kann man mit dem Ausspruch „Du arme Sau“, bei Partys schon mal dieselbe rauslassen, einsam auf dem Sofa „Kein Schwein ruft mich an“ klagen oder schwitzen wie ein solches. Manchmal hat man Glück, sprich „Schwein gehabt“, oder muss den „inneren Schweinehund überwinden“. Ein leidenschaftlicher Künstler ist eine „Rampensau“, Ignoranten wirft man „Perlen vor die Säue“. Schweineigeln können die Besucher in der Peepshow des Museums, in der eben allerlei Schweinkram gezeigt wird. Der Wert der Sammlung ist nicht schätzbar. Aber auf Geldwerte kommt es auch gar nicht an, denn die Präsentation ist einfach saustark.

Skurril: Ein saumäßiger Heizkörper. Foto: Daniela Jörger

Skurril: Ein saumäßiger Heizkörper. Foto: Daniela Jörger

Schweinemuseum Stuttgart, Schlachthofstraße 2a, 70188 Stuttgart.

Öffnungszeiten: Montag bis Freitag von 11 bis 15 Uhr, letzter Einlass 14.15 Uhr. Wochenende und Feiertage von 11 bis 17 Uhr, letzter Einlass 16.15 Uhr.

Eintritt: Erwachsene 6,90 Euro, Kinder von vier bis sechs Jahren 1,50 Euro, von sieben bis 14 Jahren drei Euro. Gruppen ermäßigt.

www.schweinemuseum.de

Ein weiteres Museum in Stuttgart hat Fiona Herdrich vergangene Woche vorgestellt. Sie war im Museum der Illusionen.


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