Im Spiel des Lebens schwingt der Tod mit

Baden-Baden (cl) – Das Französisch-belgische Regieduo Leiser/Caurier äußert sich im BT über den tragischen Tschaikowsky und seine Oper „Pique Dame“. Diese steht im Zentrum der Osterfestspiele.

Es kann losgehen: Die Fahnen, die für die Osterfestspiele werben, flattern schon längst im Wind. Foto: Uli Deck/dpa

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Es kann losgehen: Die Fahnen, die für die Osterfestspiele werben, flattern schon längst im Wind. Foto: Uli Deck/dpa

Alles dreht sich in Tschaikowskys dämonischer Oper „Pique Dame“ um das Geheimnis eines Kartenspiels und um destruktiven Wahn – eine hochemotionale Schauergeschichte nach einer Kurzgeschichte von Alexander Puschkin, russisch, schwermütig und dunkel. In Baden-Baden wird sie von dem französisch-belgischen Regieduo Moshe Leiser und Patrice Caurier inszeniert – zwei Spezialisten für schlüssige Opernerzählungen und psychologische Charakterdeutungen, die seit über 40 Jahren ein Teamwork mit vertrauten Bühnen-, Kostümbildnern und Lichtdesignern pflegen und von sich als „Kontrollfreaks“ sprechen.

Das Regiekonzept entstand 2020 noch unter dem Eindruck der Pandemie und dem Wunsch der Berliner Philharmoniker sowie des Festspielhauses, „russische Festspiele“ für Baden-Baden über zwei Osterfestspiel-Perioden aufzulegen – das war noch vor „Putins Krieg gegen die Ukraine“, betont der Belgier Leiser. Das hatte auch Besetzungsänderungen zur Folge: Drei russische Sänger mussten passen, seit Kriegsbeginn ist das Reisen für sie problematisch. Die ursprünglich für die weibliche Hauptrolle vorgesehene Sopranistin Asmik Grigorian aus Litauen sagte aus gesundheitlichen Gründen ab. Mehrfach gab es Corona-Alarm während der Proben.

Teamwork: Patrice Caurier (links) und Moshe Leiser arbeiten seit über 40 Jahren eng zusammen. Foto: Monika Rittershaus/Berliner Philharmoniker

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Teamwork: Patrice Caurier (links) und Moshe Leiser arbeiten seit über 40 Jahren eng zusammen. Foto: Monika Rittershaus/Berliner Philharmoniker

Doch hinter dem russischen Programm der Osterfestspiele stehen die Regisseure: Das Festival habe einen klaren Standpunkt, der sei richtig, überhaupt würden an der Inszenierung auf der Festspielhausbühne sowohl Russen als auch Ukrainer „mit positiver Energie“ zusammenarbeiten. Es handelt sich dem Vernehmen nach um einen ukrainischen Assistenten der musikalischen Leitung um Kirill Petrenko, den in Vorarlberg aufgewachsenen, russischstämmigen Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker, sowie eine Reihe russischer Sänger. „Die russische Kultur ist absoluter Teil der europäischen Zivilisation, es wäre lächerlich, sie aus unserem Repertoire zu streichen, weder Tschechow, Dostojewski noch Tschaikowsky“, betonen Caurier und Leiser.

Das allzu Grausige ist abgemildert

Auch Puschkin wird hochgehalten. Das allzu Grausige der Vorlage wurde bereits bei der Uraufführung in Moskau abgemildert. Das Russisch-Kaiserliche Theater 1890 hatte genaue Vorstellungen davon, wie eine Grand Opéra auszusehen habe, mit grandiosen Chören, Ballunterhaltung samt Gänsehautmoment. Tschaikowskys Musik empfanden die Russen damals schon als europäisch, manche als „überströmende Gefühlsmusik“. Die „Pique Dame“, komponiert etwa in der Entstehungszeit der beiden berühmten letzten Sinfonien Tschaikowskys mit ihren Bekenntnissen zur Schicksalsgewalt, ist sehr lebendiges Musiktheater, wenngleich auf den europäischen Bühnen weit weniger gespielt als die Opernversion des Puschkin-Versromans „Eugen Onegin“, von dem es auch eine Ballettadaption zu Tschaikowskys Musik gibt.

Aber in dem von russischen Aspekten grundierten Baden-Baden findet die „Pique Dame“ nun unter der musikalischen Interpretation der Berliner Philharmoniker und Dirigent Petrenko eine exzellente Plattform, genauso wie ein Jahr zuvor Tschaikowskys „Mazeppa“, das aber pandemiebedingt zu Ostern 2021 ausfiel und im November nur konzertant aufgeführt werden konnte.

Für das Regieduo ist „die extrem dunkle Geschichte“ der „Pique Dame“ eng mit der Biografie des schwermütigen Komponisten verbunden. „In seiner ,Pique Dame‘ geht es um den Tod und Menschen, die verlieren“, so Caurier. Tschaikowskys Schwermut wird in vielen Biografien verbunden mit dem Unterdrücken, dem nicht Ausleben können seiner homosexuellen Neigung, worunter er sehr gelitten hat und worauf seine Todessehnsucht zurückzuführen sei. Das Offenbaren dieses Geheimnisses bedeutete vor den damaligen gesellschaftlichen Konventionen mindestens das Ende einer bürgerlichen Existenz.

Teilen ein dunkles Geheimnis um die Glücksspiel-Karten: Doris Soffel (Gräfin, links) und Elena Stikhina (Enkelin Lisa). Foto: Monika Rittershaus/Berliner Philharmoniker

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Teilen ein dunkles Geheimnis um die Glücksspiel-Karten: Doris Soffel (Gräfin, links) und Elena Stikhina (Enkelin Lisa). Foto: Monika Rittershaus/Berliner Philharmoniker

Im Mittelpunkt der Oper „Pique Dame“ steht der Spieler Hermann, besessen vom Geheimnis dreier Karten, die ihm Glück im Spiel versprechen. Um an die Hüterin des Geheimnisses, eine altersschwache Gräfin, heranzukommen, umwirbt er ihre Enkelin Lisa. Doch erst nachdem er die Gräfin zu Tode erschreckt hat, verrät ihr Geist das Geheimnis, und Hermann, dem Sieg ganz nah, verfällt dem Wahnsinn. Lisa begeht Selbstmord.

„Es geht uns nicht ums Spielen“, wehrt Moshe Leiser ab, das Spielcasino Baden-Baden und die viel beschriebene Spielleidenschaft großer russischer Literaten, die bekanntlich hier viel Geld verloren haben, hätten sie nicht inspiriert.

Oper soll menschliche Wahrheiten aufzeigen

Für die beiden gefragten Regisseure geht es in der Oper derzeit leider zu oft nur um schöne Musik, Stars und tolle Optik – für sie muss Oper aber in erster Linie zutiefst menschliche Wahrheiten auf die Bühne bringen und emotional mitreißen, sonst habe sie keine Relevanz. Ihre „Pique Dame“ soll die „condition humaine“ darstellen, davon erzählen, wer wir sind und wie unsere Gesellschaft funktioniert.

„Diese Oper ist voller Menschen, die die falsche Karte ausgespielt haben und in der Konsequenz auch ihr Leben verloren haben, nicht nur Hermann“, betonen sie. Gerade die letzte Arie von Hermann, wenn alles verloren ist, sei der Schlüssel zur zentralen Wahrheit der „Pique Dame“: Der letzte gesungene Monolog Hermanns sei so kraftvoll in seinem nihilistischen Statement, sinngemäß: Das Leben ist nur ein Spiel, einmal gewinnt man, einmal verliert man, und das Einzige, was sicher ist, ist der Tod. Die Metapher des Spielens sei eine Metapher für das Leben. Aus diesem letzten Statement spreche Tschaikowsky, nicht Puschkin.

Eine Sonderseite und weitere Berichte zu den Osterfestspielen lesen Sie in der Donnerstagsausgabe des Badischen Tagblatts und im E-Paper.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Christiane Lenhardt

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Erstellt:
7. April 2022, 08:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 29sec

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