Im Strudel von Corona untergegangen

Gernsbach (ham) – Die Corona-Krise fordert ihr erstes Opfer in der Gernsbacher Geschäftswelt: Das beliebte „Café am Markt“ öffnet nicht mehr.

Von der Corona-Krise in die Knie gezwungen: Konditormeisterin Barbara Radspieler macht das „Café am Markt“ in der Gernsbacher Altstadt nicht mehr auf. Foto: Metz

© ham

Von der Corona-Krise in die Knie gezwungen: Konditormeisterin Barbara Radspieler macht das „Café am Markt“ in der Gernsbacher Altstadt nicht mehr auf. Foto: Metz

Zwei weiße DIN-A4-Blätter an den Eingangstüren verheißen nichts Gutes: „Ab sofort zu vermieten“ steht in schwarzen Lettern darauf. Barbara Radspieler hat sie schweren Herzens an die Glasscheiben geklebt. Vor viereinhalb Jahren war die Konditormeisterin aus der Nähe von München nach Gernsbach gezogen und verwöhnte die Murgtäler mit ihren Kuchen im „Café am Markt“ – bis die Corona-Pandemie kam.

Am 17. März schloss Radspieler ihr Café und wird es auch nicht mehr öffnen. „Das war eine der letzten Bastionen gepflegter Café-Atmosphäre im Murgtal mit großer Auswahl an feinem Kuchen“, klagt eine Stammkundin und dürfte vor allem die Apfel-, Rhabarber- und Topfenstrudel vermissen, die die Chefin ganz nach oberbayerischer Tradition mit Strudel- statt dem in Baden bevorzugten Blätterteig herstellt. Eine einzige Alternative bleibt „Kaffeetanten“ nun noch am Fuße der Altstadt: Das „Café Felix“ an der Hofstätte. Die Konkurrenz verfüge jedoch nicht über so große Räumlichkeiten, betont Radspieler.

Die ersten Monate des Jahres hatten vielversprechend für die 50-Jährige begonnen. Die gelernte Hauswirtschaftsmeisterin verzeichnete ihren „bisher besten Winter. Wir hatten Reservierungen wie nie“, berichtet sie von zahlreichen geplanten Treffen und Oster-Vorbestellungen. Selbst die beliebte Trauerverarbeitung mit süßen Torten nach Beerdigungen in den zwei nahen Kirchen brach nun weg. Dabei herrschte „im April gigantisches Wetter“, um draußen die 13 Tische und zwei Bänke zu füllen – doch da war das Café bereits zu.

Natürlich überlegte die Unternehmerin wie jeder in der Branche, ob sich wenigstens etwas Umsatz generieren ließe mit Außer-Haus-Verkauf und Lieferungen. „Das reicht aber nicht, eine Torte zu verkaufen“, ermittelte die Konditormeisterin schnell angesichts der hohen Energiekosten. Ihr Backofen mit drei großen Öfen, von denen jeder fünf Kuchen fassen kann, „braucht allein 45 Minuten, um aufgeheizt zu werden, und ist danach noch drei Stunden lang warm“.

An den Verkaufserfolg vor der Corona-Schließung anzuknüpfen, als an Spitzentagen insgesamt „20 bis 30 Kuchen“ über die rund sechs Meter lange Theke gingen, hätte sich Radspieler durchaus zugetraut. Doch den Glauben an ihr Café hat sie aus gleich mehreren Gründen verloren: „Ich lebe von den Beerdigungen und den großen Touristengruppen“, sieht sie Letztere nicht nur ausbleiben. Vor allem darf sie nur halb so viele Tische und Stühle im Außenbereich aufstellen, dazu explodierten die Kosten. „Das rechnet sich nicht“, fürchtet Radspieler mit Blick auf all die behördlichen „Auflagen wie Plexiglas für die fünf Meter lange Kuchentheke bis zum Datensammeln mit Listen, wer da war“.

Zudem müsse sie jemand vor der Toilette postieren, damit immer nur ein Gast aufs WC gehe. Die Personalkosten kletterten so zusätzlich zu den bisherigen sechs Servicekräften auf 450-Euro-Basis.

Die Konditormeisterin will nach dem Aus ihres Betriebs im Murgtal bleiben und sucht nun eine Festanstellung – und einen Nachmieter. „Der Eigentümer ist offen für alles“, erzählt Radspieler und beweist gestern noch einmal Herzblut und Leidenschaft für ihr Gewerbe: „Es wäre schön, wenn es ein Café bliebe!“

Zum Artikel

Erstellt:
15. Mai 2020, 13:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 31sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Orte


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.