Im Zeichen hervorragender Solisten

Baden-Baden (wer) – „Lars Vogt und Freunde“ bilden den würdigen Abschluss der Baden-Badener Brahmstage im Festspielhaus.

Das Festspielhaus in Baden-Baden. Foto: Uli Deck/dpa

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Das Festspielhaus in Baden-Baden. Foto: Uli Deck/dpa

Bei der umfangreichen Zugabe aus Ludwig van Beethovens Tripelkonzert stehen sie endlich gemeinsam mit dem Pianisten Lars Vogt auf dem Podium des Festspielhauses, seine dem Abend den Titel gebenden Freunde, die Geigerin Veronika Eberle und der Cellist Alban Gerhardt. Beim „Polacca“-Finale des ungewöhnlich besetzten Tripelkonzerts werfen sie sich gekonnt die musikalischen Bälle zu, wobei, wie von Beethoven vorgegeben, die beiden Streicher dominieren.

Und freundschaftlich geht es auch den weiteren Abend mit den Würth-Philharmonikern unter der Leitung von Claudio Vandelli zu. Dass dieser sein Orchester beim Doppelkonzert für Violine und Cello von Brahms allzu streicher-massiv die motivisch wichtigen Holzbläsereinwürfe übertönen lässt, bleibt einer der sehr wenigen Minuspunkte.

Von Beethovens Konzert für Klaviertrio und Orchester zum ebenfalls von seiner Besetzung solitären Doppelkonzert gibt es nur wenig Verbindungen, auch wenn Brahms selbst sich am Flügel für dieses im 19. Jahrhundert wenig beliebte Konzert Beethovens einsetzte.

Das a-Moll-Konzert von Brahms wird aus zwei Quellen gespeist: Dem Wunsch für Robert Hausmann, dem Cellisten im Berliner Joachim-Quartett, ein Konzert zu schreiben und einer Versöhnungsgeste gegenüber dem Geigenstar und langjährigen Freund Joseph Joachim. Denn bei der Scheidung von Joachim und seiner Frau, der erfolgreichen Altistin Amalie Weiß, hatte Brahms für die nach seiner Meinung verleumdete Ehefrau Partei ergriffen, was zum Bruch mit Joachim führte.

Typisch für den späten Brahms

Geprobt und mit Orchester vor geladenen Gästen durchgespielt, wurde Brahms Opus 102 in Baden-Baden, die offizielle Uraufführung folgte in Köln 18. Oktober 1887.

Das a-Moll-Konzert ist trotz seiner ungewohnten Besetzung, die eher an die barocken-Gruppenkonzerte oder die Sinfonia concertante der Klassik denn romantischen Gepflogenheiten anzuknüpfen scheint, typisch für den späten Brahms. Musikalisch sehr anspruchsvoll, bietet es den Solisten kaum Raum zur virtuosen Selbstdarstellung.

Das Mit- und Gegeneinander von Cello und Geige, das Wechselspiel der Solisten bildet die Basis des komplexen musikalischen Geschehens. Die motivisch-thematische Entwicklung steht im Vordergrund, Virtuosität wird nur wohldosiert im Finale den beiden Soloinstrumenten zugestanden. Fast knorrig klingt Alban Gerhards Cello in seinen ersten Takten, während ihm die Geigerin mit versöhnlicheren Tönen antwortet.

Nicht, dass Gerhardt seine Instrumente nicht ebenso singen lassen könnte, wenn Brahms ihm dazu Raum gibt. Die Fülle der teils fein differenzierten, teils im Sinne der Partitur kräftigen Klangfarben ist im Festspielhaus prägend, das Wechselspiel trägt das von melancholische Grundstimmung bestimmte Konzert, die immer wieder von Humor und Aufschwüngen durchbrochen wird.

Dass das Doppelkonzert immer im Schatten der drei weiteren Solokonzerte von Brahms stand, mag am Mangel der Selbstdarstellungsmöglichkeiten der Solisten ebenso wie an seiner sinfonischen Struktur liegen, was indes nur selten wie beim Bläserbeginn des zweiten Satzes von den von Claudio Vandelli recht pauschal geleiteten Würth-Philharmonikern realisiert wird. Was hörbar im Spiel von Gerhardt und Eberle zum Tragen kommt, ist die Verbindung zur späten Kammermusik von Brahms, die bei diesen Solisten, die zugleich hervorragende Kammermusiker sind, in besten Händen ist. Das klanglich immer mehr differenzierte Wechselspiel, die Feinheiten im Detail, das Mit- und wo vorgesehen auch Gegeneinander von Geigerin und Cellist prägt dieses Konzert.

Begeisterter Kammermusiker

Der Pianist Lars Vogt, der spiritus rector des Konzertabends, ist nicht nur ein souveräner Solist, ebenso ist er ein begeisterter Kammermusiker, der schon 1998 sein eigenes Kammermusikfestival „Spannungen“ in Heimbach gründete. Dass Vogt, der nun im Festspielhaus mit Beethovens Es-Dur-Konzert zu erleben ist, erst jetzt den Weg in den Musentempel an der Oos gefunden hat, mag überraschen. Klavierspiel von dieser nicht nur manuellen hervorragenden Qualität ist selbst im Festspielhaus nicht die Regel.

Dass das 5. Beethovenkonzert im englischsprachigen Kulturraum als „Emperor“-Konzert bezeichnet wird, macht durchaus Sinn, hat es durchaus imperiale und militärisch-martialische Züge. Vogt spielt denn auch, wo gefordert mit großer Kraft und fast metallischem, aber nie verhärteten Ton. Selbst im wuchtigsten Fortissimo bleibt der Ton noch geschmeidig, klingt der Flügel nie knallig.

Vogt überrascht indes noch mehr in vielen zurückgenommen Passagen, den souveränen Läufen und luftigen Trillern, der feinen Lyrik, nicht nur im wunderbar ausgesungenen Adagio. Selbst im Pianissimo verliert sein Ton nicht an Strahlkraft und Wärme. Und Lars Vogts ungezügelte Spielfreude, seine Liebe zu musikalischen Überraschungen kann auch den Dirigenten des Abends inspirieren, der bei Beethoven das Potenzial seines Orchesters im Sinne eines klingenden Dialogs nicht nur der Solobläser mit dem Pianisten befeuert.


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