Immer mehr Diabetiker in Deutschland

Karlsruhe (nad) – Der Verein „Diabetiker Baden-Württemberg“ fordert anlässlich des Welt-Diabetes-Tags am Sonntag (14. November) eine bessere Prävention und Versorungslage.

Immer mehr Menschen sind aufgrund ihrer Diabetes-Erkrankung auf Insulin angewiesen. Doch die Versorgungslage ist ausbaufähig. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa

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Immer mehr Menschen sind aufgrund ihrer Diabetes-Erkrankung auf Insulin angewiesen. Doch die Versorgungslage ist ausbaufähig. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa

100 Jahre Insulin: Der medizinische Durchbruch wird beim Welt-Diabetes-Tag am Sonntag (14. November) gefeiert. Frederick Banting und Charles Best legten im Jahr 1921 den Grundstein für eine wirksame Diabetesbehandlung, als es ihnen erstmals gelang, das lebenswichtige Hormon Insulin zu isolieren.

Dank dieser Entdeckung wird seither tagtäglich vielen Menschen das Leben erleichtert und gerettet. Denn die Stoffwechselerkrankung ist weit verbreitet: In Deutschland gibt es aktuell über acht Millionen Diabetiker, eine knappe Million davon lebt in Baden-Württemberg. Die Dunkelziffer derer, die nichts von ihrer Erkrankung wissen, wird auf zwei Millionen geschätzt. „Wir haben zehn Millionen Diabetiker, das sind über zehn Prozent der Bevölkerung – das ist viel“, betont Helene Klein. Sie ist seit 2019 Vorsitzende des Vereins „Diabetiker Baden-Württemberg“ mit über 5.000 Mitgliedern, lebt selbst auch mit der Diagnose und arbeitet als Diabetes-Beraterin.

„Früher hatten wir weniger Patienten und mehr Personal“

Dementsprechend nah ist sie am Geschehen rund um die Zuckerkrankheit dran. Klein beobachtet einen eindeutigen Anstieg der Fälle in den vergangenen Jahren, vor allem bei Kindern. Immer häufiger wird bei ihnen Diabetes Typ 1 diagnostiziert, oft von Viruserkrankungen wie Masern ausgelöst. Auch eine Corona-Infektion könne zum Auslöser werden. Teilweise würden die erkrankten Kinder sogar aus Kindergärten und Schulen ausgeschlossen, weil sich die Erzieher und Lehrer weder mit der Erkrankung noch mit den benötigten Hilfsmitteln auskennen und sich die komplexe Thematik „nicht zutrauen“, erklärt Klein. Früher übernahm Klinikpersonal die Aufklärung, aber: „Früher hatten wir weniger Patienten und mehr Personal“, verdeutlicht die Vorsitzende. Mittlerweile schult der Verein Mitarbeiter an Schulen und Kindergärten, und zwar aus eigener Tasche.

Und da wird auch schon das große Problem deutlich: „Es ist nicht geregelt, welches Amt dafür zuständig ist, welches Amt bezahlt denn diese Berater“, sagt Klein. „Da wird nichts gemacht“, kritisiert sie die Diabetespolitik in Deutschland. Vieles sei nicht klar geregelt, etwa auch die Schulung von Pflegekräften in Altenheimen, von denen sich die wenigsten mit Diabetes Typ 1 und den neuen Therapie-Technologien, von Sensoren bis Pumpen, auskennen. Auch diese Aufgabe übernimmt momentan der Verein. Vieles werde vom Land oder den Krankenkassen nicht unterstützt.

Im Landtag auf schlechte Versorgungslage aufmerksam machen

Anlässlich des Welt-Diabetes-Tags am Sonntag und der vorangehenden Aktionswoche waren Vertreter von „Diabetiker Baden-Württemberg“ im Landtag in Stuttgart, um auf die schlechte Versorgungslage aufmerksam zu machen. „Wir konnten sagen, was wir wollen“, freut sich Klein. Das Interesse sei groß gewesen. „Das war den Politikern nicht klar, dass so vieles nicht gedeckt ist.“

Eine weitere Baustelle: Die Prävention. Wenn es rechtzeitig entdeckt wird, „kann der Mensch super viel selber machen“, beispielsweise die Ernährung umstellen und mehr Bewegung in den Alltag einbauen. „Und schon läuft er jahrelang nur damit – ohne Tabletten, ohne Insulin.“ Aber in der Praxis erfahren die meisten Menschen erst spät von ihrer Erkrankung, denn die Messung des Durchschnittszuckerwerts ist kein Bestandteil der Gesundheitschecks beim Hausarzt, etwa ab 35 Jahren. Und das obwohl sie eigentlich „so einfach“ und kein großer Kostenpunkt wäre, erklärt Klein. Der Wert zeigt an, ob man „an der Grenze zu Diabetes“ steht oder nicht. Klein ist der Meinung, dass man die Patienten zumindest auf die Möglichkeit der Messung hinweisen sollte – entscheiden, ob man sie durchführen lassen und bezahlen möchte, könne dann jeder selbst. „Den Menschen nimmt man die Chance, was zu tun, damit es nicht gleich zu einer Spritze kommt, damit es nicht gleich zum Insulin kommt.“ Sie könne nicht verstehen, warum man es „den Menschen nicht einfacher macht, indem man ihnen schon frühzeitig sagt, was Sache ist“.

„Eine Hürde, diese Krankheit mit sich zu tragen“

Laut der Fachfrau mangelt es in vielen Arztpraxen allgemein daran, die Patienten auf die Krankheit aufmerksam zu machen. Beispielsweise auf das erhöhte Risiko, wenn ein Elternteil davon betroffen ist. „Das ist in meinen Augen eine ganz schlechte Prävention.“

Neben dem Besuch im Landtag standen in der Aktionswoche unter anderem eine Radiosendung bei SWR2 und Informationsstände in Apotheken auf dem Plan. Klein liegt es sehr am Herzen, die Menschen aufzuklären, wie Diabetiker mit ihrer Krankheit leben, „wie es uns eigentlich geht“. Sie möchte mit Vorurteilen aufräumen und ein Bewusstsein in der Bevölkerung schaffen. „Obwohl man es nicht sieht, obwohl wir gesund aussehen, ist es schon eine Hürde, diese Krankheit mit sich zu tragen.“

Ihr Autor

BT-Volontärin Natalie Dresler

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Erstellt:
13. November 2021, 13:47 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 15sec

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