Immobilienpreise klettern weiter

Rastatt (sie) – Für viele platzt angesichts hoher Immobilienpreise der Traum vom Eigenheim: Doch abzuwarten und zu hoffen, dass die Preise wieder sinken, ist aus Sicht von Experten keine Option.

Weitgehend ausverkauft: Von den 58 neuen Eigentumswohnungen im Hatz-Areal sind nur noch zwei auf dem Markt. Und das trotz Quadratmeterpreisen von bis zu 5.000 Euro. Foto: Hans-Jürgen Collet

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Weitgehend ausverkauft: Von den 58 neuen Eigentumswohnungen im Hatz-Areal sind nur noch zwei auf dem Markt. Und das trotz Quadratmeterpreisen von bis zu 5.000 Euro. Foto: Hans-Jürgen Collet

Ein neues Einfamilienhaus mit 180 Quadratmeter Wohnfläche für 945.000 Euro oder ein 18 Jahre altes Reihenmittelhaus auf einem Mini-Grundstück für 550.000 Euro: Wer sich 2022 den Traum von der eigenen Immobilie erfüllen möchte, dem verschlägt es angesichts solcher Angebote in Rastatt den Atem. Doch abzuwarten und darauf zu hoffen, dass die Preise wieder sinken, ist aus Sicht von Experten keine Option. Für Betroffene lautet eine bittere Erkenntnis: Für viele Familien ist der Traum vom Eigenheim auch in Mittelbaden mittlerweile unerreichbar.
Hans-Michael Gieske, Leiter des Immobiliencenters der Sparkasse Rastatt-Gernsbach, sagt: „Ich glaube nicht, dass die Preise wieder runterkommen.“ Auf der einen Seite verharrten die Zinsen stabil auf niedrigstem Niveau, auf der anderen Seite stiegen die Baukosten immer stärker. Gieske berichtet von Preissteigerungen um zehn Prozent innerhalb weniger Wochen wegen Lieferengpässen beim Baumaterial.

Björn Disse ist seit fast 25 Jahren im Immobiliengeschäft. 2019 hat er das Maklerbüro Jutt in Kuppenheim übernommen. „Die Branche hat schon immer floriert“, sagt er. Aber die Entwicklung der vergangenen Jahre sei noch mal eine andere Liga. Ein Ende der Preisspirale sieht auch er nicht: „Warum sollte es sich in die andere Richtung entwickeln?“

„Geldflut verdirbt die Preise“

Er hat noch eine andere Beobachtung gemacht, die das Niveau oben hält: sehr solvente, oft junge Kundschaft. Es gebe Klienten, die mit Anfang 30 mehrere Hunderttausend Euro mitbringen. „In der Regel ist das Geld geerbt“, schildert Disse seine Erfahrungen. Teilweise stemmten Interessenten den Hauskauf ohne Bankfinanzierung: „Diese Geldflut verdirbt die Preise.“ Hinzu komme, dass einer extrem hohen Nachfrage nur ein sehr kleines Angebot gegenüberstehe. Das merkt auch Jürgen Wagner, Berater bei der Volksbank-Immobilientochter Actionade. Ob kleine Eigentumswohnung oder großes Haus: „Der Mangel besteht in allen Bereichen.“

Besonderes Missverhältnis beim klassischen Eigenheim

Besonders extrem ist das Missverhältnis laut Disse aber beim klassischen Eigenheim mit Garten. Selbst ältere Häuser mit hohem Sanierungsbedarf würden zu Preisen verkauft, für die man auch neu bauen könnte. Doch praktisch sei auch das für viele unmöglich: „Sie finden ja kein Grundstück.“ Wagner berichtet von Grundstückseigentümern, die diese Situation ausnutzten und extrem hohe Preise aufriefen. Auch bei Bestandsimmobilien hofften viele Besitzer angesichts des aufgeheizten Markts auf unrealistische Erlöse. Dann gelte es, die Kunden auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen. „Das ist unser tägliches Brot“, sagt Wagner. Wenn der Eigentümer auf seinen überhöhten Vorstellungen beharre, lehne er die Vermittlung auch mal ab: „Man muss ja nicht alles mitmachen.“

Auch im Umland keine Schnäppchen

Kommen dann doch mal größere Neubauprojekte auf den Markt, gleicht das einem Tropfen auf den heißen Stein. Die 58 Eigentumswohnungen im Hatz-Areal hat die Sparkasse beispielsweise schon so gut wie verkauft. Laut Gieske sind nur noch zwei Einheiten übrig. Die Wohnungen gingen weg wie warme Semmel, trotz Quadratmeterpreisen zwischen 3.600 und knapp 5.000 Euro. „Für Rastatt ist das schon enorm“, sagt Gieske.

Auf ein Schnäppchen im Umland brauche auch niemand zu hoffen. In den gut erschlossenen Kommunen des nördlichen Landkreises sei die Situation überall ähnlich. Je näher es in Richtung Karlsruhe gehe, umso angespannter sei die Situation: „Die Karlsruher drängen massiv ins Umland.“

„Kopf nicht in den Sand stecken“

Trotz allem rät er denjenigen, die sich den Traum von der eigenen Immobilie verwirklichen wollen, den Kopf nicht in den Sand zu stecken: „Es ist wichtig, einfach mal loszulegen.“ Oft folge schnell die Ernüchterung, aber man müsse Geduld haben und weitersuchen: „Und man braucht natürlich auch Glück.“ Jürgen Wagner rät, sich auf keinen Fall unter Druck setzen zu lassen und sich bei Angeboten mit kühlem Kopf zu fragen: „Ist das die Immobilie wert?“ Wichtig sei eine vernünftige Finanzierung, die nicht Spitz auf Knopf gerechnet sei. Disse hat die Erfahrung gemacht, dass viele Interessenten die Sanierungskosten bei Bestandsimmobilien deutlich unterschätzen. Für Häuser aus den 60er oder 70er Jahren seien 150.000 bis 200.000 Euro allein für die Modernisierung realistisch. Wer sucht, müsse außerdem flexibel sein und einen möglichst großen Radius anlegen. Am Ende müssten aber auch viele Interessenten damit zurechtkommen, dass ihr Traum zumindest derzeit unerfüllt bleibt.

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Ihr Autor

Holger Siebnich

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Erstellt:
26. Januar 2022, 11:11 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 19sec

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