„Impfaktion sehr positiv“

Brighton/Bühl (fk) – Julia Lindert aus Bühl arbeitet als Ärztin im südenglischen Brighton and Hove. Im BT spricht sie über ihre Erfahrungen mit den Impfaktionen und dem Kampf gegen die Pandemie.

Die 90-jährige Margaret Keenan bekommt in Coventry Anfang Dezember als erster Mensch eine Corona-Impfung mit dem auch in Deutschland verwendeten Impfstoff von Biontech und Pfizer. Foto: King/PA Wire/dpa

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Die 90-jährige Margaret Keenan bekommt in Coventry Anfang Dezember als erster Mensch eine Corona-Impfung mit dem auch in Deutschland verwendeten Impfstoff von Biontech und Pfizer. Foto: King/PA Wire/dpa

Margaret Keenan hat Geschichte geschrieben. Am 8. Dezember um 6.31 Uhr Ortszeit war die 90-Jährige aus dem englischen Coventry der erste Mensch, der mit dem damals in der EU noch nicht zugelassen Impfstoff des Mainzer Pharma-Unternehmens Biontech und seinem US-Partner Pfizer geimpft wurde. Inzwischen sind nach britischen Regierungsangaben rund 800.000 Menschen im Königreich geimpft. „Zumeist ohne Probleme und ohne größere Nebenwirkungen“, sagt Julia Lindert. Die Bühlerin arbeitet im südenglischen Seebad Brighton and Hove als Ärztin. Im BT-Gespräch berichtet sie von ihren Erfahrungen.

Im Vergleich mit Deutschland, wo die Impfungen gerade erst im kleinen Rahmen gestartet sind, sieht sie einen essenziellen Vorteil beim Thema Organisation. Das liegt ihrer Meinung nach vor allem am britischen Gesundheitsdienst National Health Service (NHS). Er ersetzt im Inselkönigreich die Krankenversicherung und ist steuerfinanziert. „Dadurch fallen eine Menge an Organisationshürden und Zuständigkeitsfragen weg, und es war leichter, schnell genügend Ärzte zur Verfügung zu stellen“, sagt Lindert.

Einfach sind die Massenimpfungen trotzdem nicht. Das liegt der Bühlerin zufolge nicht zuletzt an der Fragilität des Impfstoffes selbst. Neben dem Problem der Kühlung bereitet auch die Tatsache Schwierigkeiten, dass der Impfstoff erst in langwierigen Verfahren angemischt wird. „Er muss mit Wasser verdünnt und dann immer wieder vorsichtig gewendet und langsam in Spritzen abgefüllt werden. Das ist zeitraubend, und ein Mitarbeiter schafft nicht mehr als fünf Spritzen in 30 Minuten.“ Hinzu kommt, dass der Impfstoff nach seiner Entnahme aus dem Kühlschrank innerhalb von zwei Stunden angemischt und spätestens nach sechs Stunden aufgebraucht sein muss.

All das habe bei den Impfungen, bei denen Lindert beteiligt war, mitunter zu Schlangen vor den Impfstationen geführt und die Koordinierung zunächst etwas erschwert. Dennoch sieht sie den Anlauf der Impfaktion in Großbritannien sehr positiv. Aktuell würden dort – wie auch in Deutschland seit wenigen Tagen – nur über 80-Jährige geimpft sowie Pflegekräfte und gefährdetes medizinisches Personal. Die Bereitschaft der Senioren für die Impfung sei in England sehr hoch. „Die meisten sind sehr froh, dass sie die Impfung bekommen.“

Bislang kaum Nebenwirkungen

Nebenwirkungen haben Lindert und ihre Kollegen bei den Impfaktionen nur selten beobachtet – und wenn, dann seien die nicht unüblich gewesen. Dazu hätten etwa vereinzelt allergische Reaktionen gehört – „eine für jede bekannte Impfung mögliche Nebenwirkung“. Symptome sind etwa Reaktionen wie Hautausschlag und eine leichte Schwellung der Atemwege. „Das war alles gut mit antiallergischer Medikation zu behandeln“, unterstreicht Lindert. Dennoch habe das dazu geführt, dass starke Allergiker in Großbritannien aktuell nicht geimpft würden. Im schlimmsten Fall könne eine allergische Reaktion bis zum anaphylaktischen Schock mit Zuschwellen der Atemwege führen. Sie selbst sei aber bereits auch geimpft, so Lindert.

Julia Lindert aus Bühl arbeitet als Ärztin im südenglischen Brighton and Hove. Foto: privat

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Julia Lindert aus Bühl arbeitet als Ärztin im südenglischen Brighton and Hove. Foto: privat

Bei der Corona-Situation an sich und im Hinblick auf die Behandlung sieht die 37-jährige ebenfalls deutliche Unterschiede zwischen Deutschland und dem Vereinigten Königreich. Besonders deutlich werden die im Bereich der ambulanten Behandlung. In den sogenannten GP-Praxen, vergleichbar mit den deutschen Hausärzten, „machen wir seit der Pandemie so gut wie nur noch Telefonkonsultationen“, erzählt Lindert. Das laufe zum Teil über Video, oder die Patienten könnten auch Bilder schicken. „Wir sehen nur im äußersten Notfall Patienten oder schicken sie wenn nötig in sogenannte hot hubs, wenn sie irgendwelche Corona-
Symptome haben.“ Das funktioniere sehr gut – auch deshalb, weil das IT-System des NHS schnell mit entsprechenden Features ausgestattet worden sei.

In Kliniken ist teilweise die Hölle los

Anders sieht es hingegen in den Krankenhäusern aus. So sei in britischen Kliniken teilweise die Hölle los. „Patienten liegen in Sechs-Bett-Zimmern, so dass kein Abstand gehalten werden kann, die Notaufnahmen sind wieder rappelvoll, alle sind überlastet, und ich habe nicht das Gefühl, dass Abstands-und Hygieneregeln besonders gut eingehalten werden können“, berichtet Lindert.

Deutlich spürbar in ihrer neuen Heimatregion um Brighton seien zudem die Auswirkungen durch die wohl wesentlich ansteckendere Virusmutation, die zuletzt im Raum London und in Südengland aufgetreten war. Die Zahl an Infizierten, die in der Klinik behandelt werden müssten, sei aktuell wieder ähnlich hoch wie in der Hochphase der ersten Welle Ende März/Anfang April.

Damals seien im Brighton and Sussex University Hospital Trust, für den sie arbeite (bestehend aus zwei großen Krankenhäusern und einem Kinderkrankenhaus, Anm. d. Red), an einem Tag rund 130 Menschen mit einer Covid-19-Infektion behandelt worden. „Das war sehr hart, und ich habe viele Menschen sterben sehen“, erinnert sie sich. Der Klinikkomplex versorgt eine Bevölkerung von knapp 540000 Menschen und verfügt über rund 1170 Betten. Zum Vergleich: Das Klinikum Mittelbaden hatte in der gesamten ersten Corona-Welle etwas mehr als 150 Menschen stationär behandelt, mit Spitzenwerten von 16 Patienten an einem Tag.

Der Anstieg rund um Brighton jetzt sei zwar auch auf die zweite Welle zurückzuführen, aber die Zunahme an Patienten in dem Klinikkomplex in Brighton and Hove gerade in den letzten Tagen hat nach Linderts Einschätzung mit Sicherheit auch mit der neuen Virusvariante zu tun: „Ich bekomme gerade wieder täglich E-Mails, in denen händeringend Ärzte für Extraschichten gesucht werden.

Im Sommer war die Lage in England indes vergleichbar mit der in Deutschland. „Da gab es Tage mit zwei bis fünf Patienten.“

Zunächst nur eine Impfdosis?


Britische Experten fordern unterdessen, zunächst auf die zweite Impfung zum Schutz gegen Corona zu verzichten. So berichtet unter anderem der Bayrische Rundfunk, dass etwa der frühere Chef des Bereichs Immunisierung im britischen Gesundheitsministerium, Prof. David Salisbury, dafür plädiert, die zweite Dosis aufzuschieben. Sie bringe demnach verhältnismäßig wenig, und es nutze mehr, wenn man die Dosis einem noch nicht Geimpften zukommen lasse. Auch Ex-Premierminister Tony Blair sei dafür, zunächst einmal nur eine Dosis zu verabreichen.


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