Impfende Praxen: „Wir können auch nicht zaubern“

Rastatt/Elchesheim-Illingen (yd) – Nicht ausreichend Impfstoff, hoher Verwaltungsaufwand und teilweise blank liegende Nerven bei Patienten: Das zeigt ein Blick in Hausarztpraxen der Region.

Es geht nicht nur um das Verabreichen der Vakzine: Die Corona-Impfungen bringen auch ein Mehr an bürokratischem Aufwand und Gesprächen mit sich. Foto: Yvonne Hauptmann

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Es geht nicht nur um das Verabreichen der Vakzine: Die Corona-Impfungen bringen auch ein Mehr an bürokratischem Aufwand und Gesprächen mit sich. Foto: Yvonne Hauptmann

Dass es in der Praxis von Dr. Martin Holzapfel in Ottersdorf derzeit zugeht wie in einem Taubenschlag, ist kein Wunder: Impftermine müssen vereinbart oder wieder abgesagt, Impfstoff bestellt und Überzeugungsarbeit geleistet werden – und nebenher gibt es noch die ganz normale Arbeit, die in einer Hausarztpraxis anfällt.

Auch bei Dr. Susanne Schmidt, Allgemeinmedizinerin in Elchesheim-Illingen, ist alles anders als sonst. Der gesamte Praxisbetrieb wurde umgestellt. Gab es vorher noch offene Sprechstunden, so wird jetzt nur auf Termin gearbeitet. Mittwochnachmittags bleibt die Praxis komplett zu, dann wird geimpft: Schmidt und ihre Kollegin Dr. Susanne Markant, die zweite Ärztin im Ort, haben dafür ein kleines lokales Impfzentrum im Bürgerhaus „Alte Kirche“ aufgebaut.

Reges Treiben herrscht dort, wie an jedem Mittwochnachmittag. Eingespannt ist die gesamte Familie: Schmidts Mann Norbert ist der „Torwächter“ und übernimmt die Einlasskontrolle, ein weiteres Familienmitglied hat die Aufgabe übernommen, die frisch Geimpften im Auge zu behalten, falls allergische Reaktionen auftreten.

„Der Verwaltungsaufwand ist immens“, sagt Holzapfel, der auch Sprecher des Ärzteverbands Medi Mittelbaden ist. Was die Arbeit derzeit besonders schwierig macht: „Wir erfahren immer erst am Donnerstag zuvor, wie viel Impfstoff wir für die kommende Woche bekommen – und es ist in der Regel dann nie so viel, wie wir bestellt haben“, sagt Susanne Schmidt.

Viele Diskussionen und neue Bestimmungen

Zeitweise können momentan nur Zweitimpfungen durchgeführt werden: Für andere, die zum ersten Mal dran wären, reicht die gelieferte Impfstoffmenge nicht aus.

Nicht jeder hat dafür Verständnis. Neben dem Mehr an bürokratischem Aufwand hat man es in den Arztpraxen der Region derzeit oft mit uneinsichtigen Patienten zu tun. „Viele unserer Patienten sind derzeit leider nicht sehr verständnisvoll und manche werden auch sehr unverschämt“, sagt Leah März, medizinische Fachangestellte in der Praxis von Dr. Holzapfel. Es gebe viele Diskussionen um die Art des Impfstoffs, der verabreicht werden soll, und viele Forderungen, doch möglichst schnell die zweite Impfung zu bekommen – der Sommerurlaub naht.

„Dabei können wir auch nicht zaubern. Wir müssen mit dem Impfstoff, den wir haben, auskommen. Die Nerven liegen bei vielen derzeit blank, das bekommen wir deutlich zu spüren“, sagt März, die zusammen mit ihren Kolleginnen derzeit viele Überstunden anhäuft: „Wir arbeiten von acht bis 20 Uhr.“

Auch bei Dr. Susanne Schmidt bestimmt Corona derzeit den Arbeitsalltag – eingehende Aufklärungsgespräche und viele Diskussionen seien an der Tagesordnung. „Corona konfus, sage ich immer“, scherzt die Hausärztin. Fast jede Woche gebe es neue Bestimmungen und Verordnungen, die es umzusetzen gelte. „Und dabei soll man nebenher noch den Überblick behalten.“

Kosten werden kaum gedeckt

Nur gut, dass Schmidt ihre Praxis auf dem Land betreibt: „Hier kann man doch einiges noch unkompliziert erledigen. Als wir am Anfang beispielsweise nicht wussten, wie viele Dosen wir aus einer Ampulle Astrazeneca-Impfstoff bekommen und am Schluss noch etwas übrig war, fuhr mein Mann einfach zu denjenigen, die als nächste auf unserer Priorisierungsliste standen und hat sie kurzerhand spontan zur Impfung gebeten.“ Dennoch ist die Liste noch gut gefüllt: Rund 200 impfwillige Patienten hat allein Schmidt noch abzuarbeiten – sie hofft, dass sie bald genug Impfstoff hat für alle. Rund 600 hat sie zusammen mit ihrer Kollegin Dr. Markant bereits geimpft – mit immensem Aufwand: „Bei uns konnten sich alle Impfwilligen in Listen eintragen lassen, die wir dann priorisiert haben. Schwierig wird es, wenn die Leute dann schon vorher einen Termin im Impfzentrum bekommen.“ Oder wenn doch nicht so viel Impfstoff geliefert werde wie erwartet, sagt Holzapfel: „Dann muss man vereinbarte Termine wieder absagen, was wieder erneute Anrufe und enttäuschte Patienten bedeutet.“

20 Euro bekommt ein Hausarzt für eine Impfung. Rechnet man die Organisation im Vorfeld sowie den Verwaltungsaufwand mit ein, dürfte das die Kosten kaum decken. „Sagen wir es mal so: Aus pekuniären Motiven darf man es nicht machen“, meint der Ottersdorfer Mediziner. Und auch Dr. Susanne Schmidt hofft, dass sich die Lage bald entspannt. „Ich bin froh, wenn es vorbei ist.“

Ihr Autor

BT-Redakteurin Yvonne Hauptmann

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Erstellt:
1. Juni 2021, 07:57 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 05sec

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