Impfpass-Fälschungen auch in der Region

Ottersweier/Gaggenau (BNN) – Die Unterschrift eines Internisten aus Ottersweier wurde gefälscht, um illegal ein Impfzertifikat zu erlangen.

„In Bühl und Umgebung kennen die Apotheker meinen Stempel und meine Unterschrift“: Dr. Martin Jutz.  Foto: Ulrich Coenen

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„In Bühl und Umgebung kennen die Apotheker meinen Stempel und meine Unterschrift“: Dr. Martin Jutz. Foto: Ulrich Coenen

Hausarzt Martin Jutz kann es kaum glauben. Ein Mann, den er nicht kennt und der nie seine Praxis im Weinbrennerbau der Hub betreten hat, hat Stempel und Unterschrift des Internisten aus Ottersweier gefälscht. Damit hat er seinen gelben Impfausweis manipuliert und in der Gaggenauer Vital-Apotheke vorgelegt, um sich auf illegalem Weg das digitale Impfzertifikat zu erschleichen.
Jutz, der seine Patienten seit fast einem Jahr gegen Corona impft, ist entsetzt. „Das ist eindeutig nicht mein Stempel und erst recht nicht meine Unterschrift“, stellt er mit einem Blick auf die Fotokopie des Impfausweises fest. „Stempel zum Selbstgestalten bekommt man heute für wenig Geld an jeder Ecke.“

Jutz vermutet, dass sich der Mann bewusst nicht an eine Apotheke im Raum Bühl, sondern in Gaggenau gewandt hat. „In Bühl und Umgebung kennen die Apotheker meinen Stempel und meine Unterschrift“, sagt er. Im 30 Kilometer entfernten Gaggenau werden Rezepte des Arztes aus Ottersweier wohl nur in Ausnahmefällen eingelöst.

Tatjana Zambo, Inhaberin der Vital-Apotheke, will sich auf Anfrage dieser Zeitung zu diesem konkreten Fall nicht äußern. Gegenüber der Gaggenauer Redaktion dieser Zeitung hat sie vor zwei Wochen berichtet, dass ihre Apotheke regelmäßig mit Impfpassfälschung konfrontiert ist. Im Schnitt fliege täglich ein Kunde mit einem ungültigen Impfpass auf. Zambo verständigt in solchen Fällen regelmäßig die Polizei.

Wolfgang Kramer von der Stabsstelle Öffentlichkeitsarbeit des Polizeipräsidiums Offenburg berichtet von Fallzahlen im unteren dreistelligen Bereich im Einzugsgebiet seiner Behörde, die neben dem Ortenaukreis auch für den Landkreis Rastatt und Baden-Baden zuständig ist. „Mit aufsteigender Tendenz“, sagt Kramer. Lokale Schwerpunkte gebe es nicht.

Der Pressesprecher erklärt, dass die Apotheken die vorgelegten Impfausweise erfahrungsgemäß sehr genau anschauen. „Von den Apotheken bekommen wir daher auch viele Hinweise zu gefälschten Impfausweisen“, stellt er fest. „Wir gehen davon aus, dass eine entsprechende Dunkelziffer in diesem noch recht neuen Deliktsfeld vorhanden ist.“

Das Polizeipräsidium Offenburg hat gefälschte Impfzertifikate unter die Lupe genommen. „Dabei fallen Ungereimtheiten auf“, konstatiert Kramer. So seien beispielsweise die Chargen-Nummern, die auf den falschen Aufklebern im Impfausweis erscheinen, gar nicht vergeben. Damit fliegen die Betrüger schnell auf. Weiterführende Recherchen erhärten dann den Verdacht.

Keine Hinweise auforganisierten Betrug

„Eine Anfrage bei den im Impfausweis genannten Arztpraxen durch die Apotheke oder die Polizei ergibt, dass die Personen dort nicht geimpft wurden“, sagt der Pressesprecher. Es gibt weitere Hinweise, die die Betrüger entlarven. Kramer nennt das Druckdatum des Dokumentes. Wenn das mit den eingetragenen Impfdaten nicht vereinbar ist, ist der Betrug offensichtlich. Kramer nennt ein Beispiel: „Im Druck steht 09/2021, das Impfdatum ist aber bereits zeitlich davor.“ Und noch etwas macht die ermittelnden Beamten und auch die Apotheker stutzig. „In fast allen Fällen sind nur die Covid-Impfungen in dem meist neuen Impfdokument eingetragen.“ Mit anderen Worten: Die Impfausweise sind brandneu und wurden nur für den einen speziellen Betrugszweck angelegt. Ältere Impfungen zu Polio oder Tetanus finden sich in diesen Ausweisen nicht.

Die organisierte Kriminalität hat das Geschäft mit den falschen Impfzertifikaten offensichtlich noch nicht entdeckt. „Mit derzeitigem Stand liegen der Polizei Baden-Württemberg keine Hinweise auf einen organisierten Betrug in diesem Phänomenbereich vor“, berichtet Wolfgang Kramer.

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Ihr Autor

unserem Mitarbeiter Ulrich Coenen

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Erstellt:
10. Dezember 2021, 06:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 49sec

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