In 80 Klicks um die Welt

Baden-Baden (marv) – Urlaub auf den Philippinen? „Gerade keine gute Idee“ denken Sie sich jetzt wahrscheinlich. BT-Redakteur Marvin Lauser hat den Selbstversuch gewagt und war trotz Corona auf Reisen.

Postkartenkulisse und Ausgangspunkt der Reise: Blick auf die Bucht von Kotor in Montenegro.  Copyright: Google

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Postkartenkulisse und Ausgangspunkt der Reise: Blick auf die Bucht von Kotor in Montenegro. Copyright: Google

Eine angenehme Brise weht über die Uferpromenade. Ohne diese wäre die Sonne wohl kaum auszuhalten. Schon am Vormittag hat es fast 30 Grad. Vor mir erstreckt sich die wunderschöne Bucht von Kotor. Eine Postkartenidylle. Das Wasser ist kristallklar. Hinter ein paar Büschen liegen eine Nussschale und ein Sportboot vor Anker. Etwas entfernt gleitet eine Jacht durchs Wasser. Ein paar Jugendliche in Bikini und Badeshorts halten sich unter einem großen blühenden Jasminbusch auf. Daneben steht ein etwas in die Jahre gekommenes Haus. Überall blüht es, die felsige Küste ist von grünen Farnen, Sträuchern und Bäumen gesäumt. Im Hintergrund die massiven, dem Land ihren Namen gebenden Berge. Das pittoreske, montenegrinische Adriaörtchen Morinj ist ein echter Geheimtipp. Der Ausblick erinnert mich an einen Urlaub am Gardasee vor ein paar Jahren.

Dort wäre ich jetzt auch gerne, denken Sie nun vielleicht. Oder „unverantwortlich“, 1.441 Kilometer weit zu verreisen inmitten der Pandemie. Ich kann Sie beruhigen. Ich bin nur virtuell auf Reisen. Habe weder Reisestress, noch bin ich einer Infektionsgefahr ausgesetzt. Lediglich Fernweh bekomme ich, wenn ich solch malerische Kulissen betrachte.

Alles, was ich oben beschrieben habe, sehe ich wirklich. Ich stehe aber nicht an einem Ufer in Montenegro, sondern an meinem Arbeitsplatz in der BT-Redaktion in der Flugstraße 11 in Baden-Baden. Ich mache mit MapcrunchUrlaub daheim“ für die gleichnamige BT-Serie. Mapcrunch ist eine Internetseite, die per Zufallsgenerator und mithilfe von Google Street View virtuelle Reisen um die ganze Welt ermöglicht. 62 Länder sowie die Antarktis sind verfügbar. Entweder lässt man sich ganz zufällig an einen Ort versetzen, oder man trifft eine Auswahl und kann so einen Städtetrip machen oder sich verschiedene Gebäude von innen ansehen. Auch indoor ist die Auswahl beachtlich: Man kann – ohne einen Mund-Nasen-Schutz aufziehen zu müssen – Cafés, Restaurants und Geschäfte betreten. Window(s)-Shopping mal anders. Wer möchte, kann einen Blick in ein Atelier in einer belgischen Kleinstadt werfen, sich in einer Pizzeria in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul umschauen oder ohne Termin einen Friseurladen in Dubai betreten. Leider muss man ihn aber auch ohne Haarschnitt verlassen.
Ich reise aber nicht nur virtuell um die Welt, sondern auch durch die Zeit. Die Foto-Aufnahmen aus Montenegro wurden beispielsweise bereits vor vier Jahren aufgenommen.

BT-Onlineredakteur Marvin Lauser reist von seinem Schreibtisch aus virtuell um den Globus.  Foto: Nadine Fissl

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BT-Onlineredakteur Marvin Lauser reist von seinem Schreibtisch aus virtuell um den Globus. Foto: Nadine Fissl

Wohin geht die Reise als Nächstes?

Ich spüre ein leichtes Kribbeln im Bauch. Nachdem die Freude über den mir vorher noch völlig unbekannten Urlaubsort zu Beginn groß war, steigt nun die Anspannung. Wohin verschlägt es mich als Nächstes? Ich klicke auf „Go!“ Dann baut sich die Seite auf ... Ich muss zugeben, ein bisschen enttäuscht bin ich schon, obwohl ich auf einem Kontinent gelandet bin, den ich noch nicht bereist habe. Ich befinde mich mitten im australischen Outback (zumindest glaube ich das zu diesem Zeitpunkt). Unmittelbar vor mir ein windschiefer, hüfthoher Weidezaun. Am Horizont sieht man einige Bäume. Blauer Himmel. Ansonsten? Nichts.

Da die Aussicht relativ karg ist, spiele ich ein bisschen mit der Perspektive. Drehe mich um mich selbst. Ein bisschen bereue ich es, in Montenegro nicht von den Möglichkeiten Gebrauch gemacht zu haben, die die 360-Grad-Rundumsicht bietet. Ich war einfach zu gebannt, von dem traumhaften Ausblick. Also, zurück nach Down Under. Genauer auf die Top Beverley-York Road im Westen Australiens. Sie verbindet, wie man sich denken kann, die Kleinstädte Beverley und York. Liegt aber, anders als ich vorher angenommen hatte, nicht tief im Landesinnern, sondern fast an der Westküste, etwa eineinhalb bis zwei Autostunden von Perth entfernt. Laut Wikipedia ist York die älteste europäische Binnenland-Siedlung Westaustraliens. Zu gerne würde ich einen kurzen Abstecher zum York-Motor-Museum machen und einen Blick auf die dort ausgestellten Oldtimer werfen. Das geht jedoch leider nicht. Ein Nachteil der virtuellen Reiserei.

Dafür hat sich das Umschauen aber definitiv gelohnt und passt nicht ganz zu dem Bild, das ich von Australien im Kopf hatte. Die andere Seite ist grün, Bäume säumen die Verbindungsstraße.

Ein Tag, drei Kontinente

Bisher ist mein Kurztrip um die halbe Welt ein voller Erfolg. War ich in der realen Welt bisher doch „nur“ auf zwei Kontinenten. Laut der Smartphone-App been, mit der ich meine Reisen tracke, habe ich vor meinem Mapcrunch-Abenteuer sechs Prozent der Welt und 26 Prozent Europas bereist. Schade nur, dass die Länderpunkte, die ich heute virtuell sammle, nicht dazuzählen.

Im Gegensatz zu diesem Wellenreiter surft unser Autor nicht vor der Westküste Australiens, sondern nur im Internet.  Symbolfoto: Richard Wainwright/AAP/dpa

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Im Gegensatz zu diesem Wellenreiter surft unser Autor nicht vor der Westküste Australiens, sondern nur im Internet. Symbolfoto: Richard Wainwright/AAP/dpa

Unheimlich gerne würde ich jetzt die zwei Stunden weiter bis an die Küste fahren, mir ein Surfboard leihen und versuchen, meine erste Welle zu stehen. Daraus wird nichts, nicht nur, weil ich nicht surfen kann, sondern auch, weil ich mehr als 20 Flugstunden von Perth entfernt bin.

Wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich jetzt am liebsten nach Afrika oder Asien weiterreisen. Botswana, Ghana, Lesotho, Madagaskar, Senegal, Südafrika, Swasiland, Tunesien und Uganda stehen auf dem afrikanischen Kontinent zur Wahl. Bangladesch, Bhutan, Kambodscha, Hong Kong, Indonesien, Laos, Macao, Malaysia, die Mongolei, die Philippinen, Singapur, Südkorea, Sri Lanka, Taiwan und Thailand in Asien. Aber ich widerstehe dem Impuls, die Suche auf diese Länder einzugrenzen und lasse wieder den Zufall entscheiden. Auf die Plätze, fertig ... Und los!

Ein dunkles Waldstück und ein legendäres Motorradrennen

Ich lande im Wald. „Könnte auch Deutschland sein“, kommentiert meine Kollegin Nadine Fissl, die zwischenzeitlich Wind von meinem Reisevorhaben bekommen hat. Auf den ersten Blick, der Fauna nach zu urteilen, stimme ich ihr zu. Nur die oben links eingeblendete Ortsangabe „Woiwodschaft Ermland-Masuren“ gibt einen Hinweis, um welches deutsche Nachbarland es sich handeln könnte. Wieder ein Land, das ich noch nicht bereist habe. Ich befinde mich in Polen. Genauer irgendwo in einem Waldstück im Nordosten des Landes. Die Woiwodschaft Ermland-Masuren ist einer von 16 Verwaltungsbezirken. Er grenzt an die russische Exklave Kaliningrad. Mit Ausnahme des schmalen geteerten Waldwegs – für Gegenverkehr ist die Fahrbahn nicht breit genug – Bäume so weit das Auge reicht. Das ändert sich auch nicht, wenn man die Straße weiterfährt, ich mich also durch den masurischen Wald klicke. Zeit für einen Ortswechsel.

Ich blicke auf zwei Reihenhäuser. Erster Gedanke: Großbritannien. Die Adresse bestätigt diese Vermutung, lässt mich aber dennoch etwas ratlos zurück. 7 Hillberry Heights, Douglas gibt Mapcrunch als Standort an. Ein Detail am Nachbarhaus sticht ins Auge: Das schmale Garagentor ist königsblau gestrichen. Ob sich dahinter eine liebevoll gehegte und gepflegte Rennmaschine verbirgt? Wie ich darauf komme? Ich befinde mich in Douglas, der Hauptstadt der 572 Quadratkilometer großen Isle of Man. Weltberühmt für sein umstrittenes Straßenmotorradrennen „Isle of Man TT“, das seit 1907 einmal im Jahr auf der Insel ausgetragen wird. Seit 1911 sind laut Wikipedia 259 Rennfahrer auf dem Snaefell Mountain Course ums Leben gekommen. Coronabedingt wurde das Straßenrennen in diesem Jahr abgesagt. Der Besuch des Rennens kommt auf meine Bucket-List – für die Zeit nach Corona. Kurz vor Abflug – bei britischem Schmuddelwetter will sich Urlaubsstimmung nicht so recht einstellen – entdecke ich ein paar Häuser weiter ein sportliches Motorrad in gelb-blauer Metallic-Lackierung. Ob sein Besitzer wohl schon am Mad Sunday, dem „verrückten Sonntag“, bei dem auch Amateure auf die Strecke dürfen, mitgefahren ist?

In Belfast wurden die Pints während des Lockdowns nach Hause geliefert, damit die Fässer aus den geschlossenen Pubs nicht weggeschüttet werden müssen. Foto: Niall Carson/PA Wire/dpa

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In Belfast wurden die Pints während des Lockdowns nach Hause geliefert, damit die Fässer aus den geschlossenen Pubs nicht weggeschüttet werden müssen. Foto: Niall Carson/PA Wire/dpa

Am liebsten würde ich jetzt einen Bus zum Hafen und dann die Fähre nach Belfast nehmen. Ein deftiges Essen und ein Pint bei Livemusik in einem der zahlreichen Pubs der Stadt klingen sehr verlockend. Ist aber nicht möglich, da manche Pubs derzeit noch geschlossen sind, oder den wieder eröffneten Pubs wegen des Sicherheitsabstands und der Maskenpflicht das Flair fehlt. Auch das kommt auf meine Liste für die Zeit nach den Reiseeinschränkungen.

Vom Senegal in die Slowakei

Einen Klick später ist die Amtssprache Französisch. Ich bin aber nicht über den Ärmelkanal in Le Havre, sondern in der Nähe der senegalesischen Großstadt Thiès (unweit der Hauptstadt Dakar) gelandet. Auf einer echten Dirt Road, wie man sie von der berühmt-berüchtigten Rallye Dakar kennt. Ein Gefühl von Abenteuer oder Urlaubsfeeling kommt dennoch nicht auf, da die Straßenränder erkennbar zugemüllt sind. Dort liegen Plastikflaschen, Plastiktüten und anderer Unrat, den die Menschen einfach achtlos zurückgelassen haben. Ich fahre ein paar Meter weiter und sehe – zum ersten Mal seit meinem Start in Montenegro – einen Menschen. Ein junger Mann in Sportkleidung und Fußballschuhen – er trägt das Heimtrikot des FC Barcelona aus der Saison 2011/12 – läuft entlang der Regionalstraße 32, die die Städte Meckhe und Bambey verbindet.

Einen Mausklick später, befinde ich mich wieder im Grünen. In der Slowakei, unweit des Nationalparks Niedere Tatra. Ich sehe viel flaches Land, am Horizont sind, egal in welche Richtung man blickt, Berge und Hügel zu erkennen. Die Karpaten sind nicht weit. Die Gegend scheint agrarisch geprägt zu sein. Am Himmel sind Schäfchenwolken. Menschen und Tiere sind keine zu sehen, dafür zahlreiche Strommasten und eine katholische Kirche mit Zwiebelturm – sie gehört zum 80-Einwohner-Nest Ivancina. Wäre ich vor Ort, könnte ich mich auf mein Rad schwingen und ein wenig durch die schöne Landschaft touren. Hier, am Fuß der Karpaten, ist ein schöner Ort, um meine virtuelle Reise zu beenden.

Mein Fernweh konnte ich zwar nicht lindern, dafür habe ich aber – ohne Jetlag – viele interessante Orte besuchen und spannende Dinge erfahren können. Diese Form der Alltagsflucht kann ich jedem wärmstens empfehlen. Probieren Sie es doch einfach mal aus. Vielleicht ja sogar mit landestypischen Gerichten, die sie mit der ganzen Familie kochen. Was man in Guatemala wohl isst?


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