In Argentinien gestrandet

Rastatt/Buenos Aires (red) – Zehn Monate lang war der Rastatter Patrick Kobszyk mit dem Motorrad in Südamerika unterwegs. Jetzt sitzt er in einem Hostel in Argentinien fest. In dem Land gilt wegen der Corona-Pandemie eine Ausgangssperre bis 12. April.

Kuriose Perspektive: Die kleine 125-Kubikzentimeter-Maschine erscheint zwergenhaft winzig bei der Aufnahme in Salar de Uyuni, einer Salztonebene in den bolivianischen Anden. Foto: Kobszyk

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Kuriose Perspektive: Die kleine 125-Kubikzentimeter-Maschine erscheint zwergenhaft winzig bei der Aufnahme in Salar de Uyuni, einer Salztonebene in den bolivianischen Anden. Foto: Kobszyk

Ein zehnmonatiger Südamerika-Trip mit dem Motorrad hat für den 32-jährigen Patrick Kobszyk aus Rastatt ein vorläufig anderes Ende gefunden als geplant. Argentinien hat wegen der Corona-Pandemie eine Ausgangssperre bis 12. April verhängt. Anstatt nach Hause zu fliegen, sitzt er in einem Hostel an der Grenze zu Paraguay und Brasilien fest. In einer E-Mail an das Badische Tagblatt berichtet er über seine Reise und die aktuelle Situation.
„Ich wollte Ende März nach Hause fliegen oder mit dem Schiff den Atlantik überqueren, am besten mit dem Motorrad. Von wo aus, war ich mir nicht genau sicher. Zur Auswahl standen Buenos Aires in Argentinien, Montevideo in Uruguay und Rio de Janeiro in Brasilien. Da ich geplant hatte, das Motorrad nach Europa zu verschiffen, hing es teilweise auch davon ab, in welchem Hafen sich die Möglichkeit hierfür bieten würde“, schreibt Kobszyk.

Da sich dann allerdings die Situation in Europa hinsichtlich des Coronavirus’ anzuspannen begann, entschied er sich, gemeinsam mit Katarina aus Weißrussland, mit der er seit einem Monat unterwegs war, mit dem Bus nach Puerto Iguazu zu fahren, um die Wasserfälle zu besuchen. „Innerhalb weniger Tage änderte sich die Situation dann allerdings auch in Argentinien, erst mit Schließungen aller Nationalparks, dann der Grenzen bis hin zur Ausgangssperre“, so der Rastatter, der in einem Hostel an der Grenze zu Paraguay und Brasilien festsitzt und darauf wartet, wieder nach Buenos Aires zu kommen. „Es gibt aktuell keine Inlandsflüge und auch keine Reisebusse, die uns die 1 500 Kilometer bis nach Buenos Aires bringen könnten. Sobald wir eine Transportmöglichkeit finden, muss ich nur noch darauf warten, dass ich die Zusage für einen der von der Bundesregierung organisierten Rückholflüge bekomme“, so Kobszyk.

Er hat eine Whatsapp-Gruppe für gestrandete Deutsche in Argentinien gegründet und die Einladung in eine Facebook-Gruppe (Panamerican Travel Association) gestellt. Mittlerweile hat die Gruppe mehr als 100 Mitglieder. Ebenfalls wurde der Kontakt zu den Konsulaten in den unterschiedlichen Provinzen aufgenommen. „Wir haben meist relativ schnell unsere Antworten erhalten, allerdings waren einige sehr frustriert über die Qualität der Auskünfte“, so Kobsyzk. Die Hostelangestellten, ein Taxifahrer und weitere Einheimische haben sich für Einkäufe angeboten. Aktuell ist Kobszyk mit Katarina allein in der Hostelanlage, von den Mitarbeitern kommt nur einmal am Tag einer für zwei Stunden vorbei.

Mit kleinem Motorrad durch Südamerika

„Ich stehe im täglichen Kontakt mit meiner Familie, die unbedingt will, dass ich schnellstmöglich nach Hause komme“, so der Rastatter, der auch viel über Whatsapp und Skype mit seinen Freunden in Kontakt ist, die ihm ihre Hilfe angeboten haben. „Ich arbeite daran, eine Transportmöglichkeit nach Buenos Aires zu finden und dann ein Flugticket nach Deutschland zu bekommen“, schreibt er weiter. Allerdings müsse er nicht unbedingt so schnell wie möglich nach Deutschland, da die Situation entspannt und für alles gesorgt sei und weil die Situation in Deutschland eher kritischer zu sein scheint.

Eine Faszination für die lateinamerikanische Kultur entwickelte Kobszyk während seines Maschinenbaustudiums am KIT, in dessen Zusammenhang er ein sechsmonatiges Pflichtpraktikum bei VW de Mexico in Puebla absolvierte. Nach dem ersten Job als Konstruktionsingenieur in Würzburg ging es nach Affalterbach zur HWA AG, dem Rennsportunternehmen von Daimler und AMG, wo er vier Jahre lang als Konstruktionsingenieur in der Antriebsstrangentwicklung unter anderem in den Projekten DTM, GT 3 und GT 4 tätig war: „Da ich spürte, dass diese Tätigkeit mich auf Dauer nicht erfüllen wird, und aufgrund persönlicher Umstände entschied ich mich dazu, meinen Job zu kündigen, mir eine sechsmonatige Auszeit zu gönnen und Südamerika zu bereisen.“ Der Rastatter wollte eine Backpacker-Reise unternehmen und mit Bus, Inlandsflügen oder per Anhalter reisen. Allerdings fand er auf der Suche nach einem günstigen Flug ein unschlagbares Angebot: Paris – Montreal für 190 Euro. Am 5. Juni 2019 ging es mit dem TGV von Karlsruhe nach Paris. Der Plan war nun, einige Orte in Kanada und den USA zu besuchen und schnellstmöglich nach Südamerika zu kommen.

Nach der Ankunft in Montreal ging es mit dem Bus weiter nach New York, Washington DC, Miami, New Orleans und San Antonio, dann nach Monterrey in Mexiko. Dort besuchte Kobszyk einige Freunde und genoss „das Essen, die große Diversität des Landes, die großartige Kultur, die gastfreundlichsten Menschen und die farbenfrohen Städte“, wie er weiter schreibt.

Untertassengroße Tarantel

Nach zwei Monaten erreichte er Guatemala und traf in einem Hostel in Antigua Johnny, einen Backpacker aus England. Der 32-Jährige hatte bereits vor der Reise überlegt, einen Teil der Strecke mit dem Motorrad zurückzulegen, Johnny hatte Vietnam auf einem Motorrad bereist. „Da wir beide keine große Erfahrung mit langen Motorradreisen und ein schmales Budget hatten, entschieden wir uns für kleine 125-Kubikzentimer-Motorräder, von denen gefühlt jeder Guatemalteke eins besaß“, heißt es in dem Reisebericht.

Die Wege trennten sich allerdings vorerst, da Kobszyk nach Belize reiste, um in einem Hostel drei Wochen als Volunteer zu arbeiten. „Die Highlights waren definitiv die untertassengroße Tarantel und einige Skorpione, die in meinem Zimmer mit mir übernachtet haben“, schreibt der 32-Jährige.

Danach sollte es mit Johnny durch El Salvador, Honduras und Nicaragua gehen, die Länder gelten als die gefährlichsten in Mittelamerika. Es sei besser, mit zwei identischen Motorrädern zu reisen, falls es technische Probleme geben sollte. „Die Familie der Besitzerin des Hostels half uns bei der Suche, dem Kauf und den Formalitäten mit den Motorrädern“, berichtet der Rastatter, der für seine Honda CGL 125 (Baujahr 2015) 500 Dollar zahlte.

„Wir wussten, dass diese kleinen Motorräder für lange Strecken ungeeignet waren, und so planten wir, zunächst bis nach Panama zu kommen, wobei selbst das schon für die meisten, mit denen wir darüber sprachen, als zu ambitioniert galt“, verdeutlicht Patrick Kobszyk. „Jeder Tag auf dem Zweirad war unglaublich, und wir genossen es in vollen Zügen. Wir erkannten sehr schnell die Vorteile dieser Art zu reisen: Die 360 Grad-Rundum-Sicht, vor allem bei diesen atemberaubenden Landschaften und die Flexibilität. Allerdings spürten wir ab Nicaragua auch den großen Nachteil: Man ist Wind und Wetter ausgesetzt. Wir kamen pro Tag mindestens zwei- bis dreimal in einen tropischen Regenschauer, der jedes Sommergewitter in Deutschland wie einen harmlosen Nieselregen aussehen lässt“, schreibt der 32-Jährige.

Trip in den Regenwald

„Nachdem wir etliche Vulkane besucht hatten, mehrfach im Zickzack von der Atlantik- an die Pazifikseite gewechselt waren und die mittelamerikanische Kultur und kulinarische Seite kennengelernt hatten, erreichten wir nach 5 000 Kilometern Panama.“ Um den Dschungel zwischen Panama und Kolumbien zu umgehen, segelten sie mit ihren Motorrädern auf dem 115 Jahre alten deutschen Schiff „Stahlratte“ zur nächsten Station. Johnny fuhr eigene Wege, da er Weihnachten wieder zu Hause sein wollte, Kobszyk fuhr die komplette Andenkette bis Argentinien ab. „Es war teilweise sehr anstrengend, da ich mit dem Moped längere Zeit jenseits der 4000 Meter unterwegs war. In Ecuador besuchte ich zwei Wochen meinen Onkel in Quito, der dort seit 18 Jahren wohnt. Von dort aus startete ich einen einwöchigen Trip in den Regenwald. Höhepunkt war eine sieben Meter lange Anakonda, die sich auf einem Baum in einer Lagune aufhielt und das anschließende Schwimmen in dieser Lagune, nur wenige hundert Meter entfernt“, berichtet der Rastatter von einem weiteren Abenteuer.

Auch Pannen bleiben nicht aus

Ende Januar ging es nach Argentinien, wo Kobszyk auf die weißrussische Motorradfahrerin Katarina traf, mit der er gemeinsam unterwegs war. Mit ihr fuhr er bis nach Ushuaia in Feuerland, dem südlichen Ende der Panamerikana. „Ich war erschöpft, da Winde mit 100 Stundenkilometern an der Tagesordnung sind. Mit einem Elf-PS-Motorrad ist das kräftezehrend.“ Dann ging es rund 4 000 Kilometer zurück nach Buenos Aires.

Bei so vielen Kilometern bleibt die eine oder andere Panne nicht aus. So war Kobszyk alleine unterwegs von Perito Moreno Stadt nach Governador Gregores – 350 Kilometer durch karge Wüstenlandschaften, „als ziemlich genau auf der Hälfte der Strecke mein Motor während der Fahrt ausging. So stand ich nun in der prallen Sonne am Straßenrand und wartete. Nach fünf Stunden, es waren nur ein paar Autos vorbeigekommen, die mir außer mit Wasser nicht weiterhelfen konnten, stand die Sonne bereits am Horizont. Dann kam der Argentinier Hanno mit seinem Sohn im Pick-Up vorbei, hielt an und fragte, ob er mir helfen könne. Wir räumten die Ladefläche frei und hievten mein Moped drauf. Dann nahmen sie mich die restlichen 180 Kilometer mit.“ In der nächsten Stadt konnte das Moped repariert werden.

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Erstellt:
6. April 2020, 11:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 5min 26sec

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