In Baden-Baden fehlen 160 Pflegeplätze

Baden-Baden (nof) – Sieben Interessenten haben ihre Konzepte für den Bau eines Pflegeheims in der Hubertusstraße eingereicht. Rechnerisch gibt es in der Kurstadt 160 fehlende Pflegeplätze.

Das umzäunte Grundstück zwischen dem Wohnmobilhafen und den Wohnhäusern in der Hubertusstraße ist für den Neubau eines Pflegeheims vorgesehen.  Foto: Harald Holzmann

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Das umzäunte Grundstück zwischen dem Wohnmobilhafen und den Wohnhäusern in der Hubertusstraße ist für den Neubau eines Pflegeheims vorgesehen. Foto: Harald Holzmann

Für den Neubau eines Pflegeheims in der Hubertusstraße gibt es sieben Interessenten. Darüber informierte Sozialplaner Dr. Matthias Voigt vom Fachbereich Bildung und Soziales die Mitglieder des Sozialausschusses in der Sitzung am Mittwochabend.

Zum Monatswechsel war die Bewerbungsfrist abgelaufen. „Wir haben die optimistische Einschätzung, dass sich qualifizierte und viel versprechende Konzepte darunter befinden.“ Auch Bürgermeister Roland Kaiser teilte diese Auffassung: „Wir haben eine Liegenschaft, die nicht an den meistbietenden verkauft werden soll, sondern mit inhaltlichen Anforderungen verbunden ist.“

Die Stadt könne nicht direkt in den Markt hineinsteuern, erläuterte Voigt. Ein unmittelbarer Planungs- und Steuerungszugriff sei für die Sozialverwaltung nicht möglich. Doch könne man die Rahmenbedingungen gestalten und über den Austausch mit relevanten Akteuren auf den Pflegemarkt einwirken. Dies sieht die Verwaltung als wesentlichen Auftrag im Rahmen der Daseinsvorsorge für die Bürgerschaft, heißt es im „Bericht zu aktuellen Entwicklungen in der Altenhilfeplanung“. Zielsetzung ist demnach eine wohnortnahe und finanzierbare Versorgung mit Pflegeplätzen in Baden-Baden. Das neue Verfahren bei Planung und Steuerung sei nun mit der Ausschreibung des Neubaus eines Pflegeheimes in der Hubertusstraße praktiziert worden. Dabei sei die Ausschreibung erstmalig mit dem Hauptaugenmerk auf sozialen und pflegerischen Kriterien (Konzeptausschreibung) erfolgt. Damit versucht die Sozialverwaltung, frühzeitig Einfluss auf die be- und entstehende Angebotsstruktur zu nehmen.

Ursprünglich hatte das DRK die Absicht geäußert, in der Hubertusstraße eine Pflegeeinrichtung zu errichten, als klar wurde, dass es den Ludwig-Wilhelm-Stift schließen wird. Doch die Pläne haben sich zerschlagen, der Stift wurde im Sommer 2019 geschlossen.

Anzahl der Pflegeplätze ist zurückgegangen

Wie groß ist der Pflegebedarf?

Wie wichtig der Neubau weiterer Pflegeeinrichtungen in der Kurstadt ist, zeigte Voigt anhand einiger Zahlen auf, die einen steigenden Pflegebedarf prognostizieren. Lebten im Jahr 2015 noch 14.234 Senioren in Baden-Baden, werden es im Jahr 2030 schätzungsweise 16.707 sein, ein Plus um 17,4 Prozent. Somit werde auch die Zahl der Pflegebedürftigen steigen. Berechnungen gehen von einer Steigerung von bis zu 37 Prozent auf rund 2.796 pflegebedürftige Personen aus. Diese Entwicklung werde in den kommenden zehn Jahren zu einer stärkeren Nachfrage nach stationären Pflegeplätzen (plus 15 Prozent) und ambulanten Pflegeangeboten (plus 20 Prozent) führen.

Wie hat sich das Pflegeplatzangebot entwickelt?

Das Pflegeplatzangebot hat sich laut Voigt zwischen den Jahren 2018 und 2020 in den Bereichen stationäre Pflegeeinrichtungen sowie im Betreuten Wohnen aber um 160 Plätze (minus zwölf Prozent) reduziert. Die Zahl stationärer Pflegeplätze ging um 133 Plätze (minus 17 Prozent) zurück, im Bereich des Betreuten Wohnens um 27 Plätze (minus vier Prozent). Aktuell werden rund 649 stationäre Pflegeplätze sowie 614 Plätze im Bereich des Betreuten Wohnens vorgehalten.

Neue Standards als Herausforderung

Warum ging die Anzahl der Pflegeplätze zurück?

Als Gründe für die Reduzierung der Pflegeplätze nannte Voigt vor allem die Landesheimbauverordnung. Mit ihr seien vor allem bauliche Standards für Pflegeheime festgelegt worden, die sich an den Zielen der Erhaltung von Würde, Selbstbestimmung und Lebensqualität der Bewohner orientiere.

Das beinhaltet aber auch die Vorgabe, dass allen Bewohnern künftig Einzelzimmer zur Verfügung stehen. Zudem habe sich in Baden-Baden die Angebotslandschaft verändert. Mit der Umsetzung der Landesheimbauverordnung sind laut Bericht „Verschiebungen“ festzustellen, vor allem eine Reduktion stationärer Pflegeplätze zugunsten Betreuter Wohnformen (Christlicher Hilfsdienst, Pflegeheim in Steinbach, Klinikum Mittelbaden/Schafberg). Durch eine Umwandlung bestehender Mehrbettzimmer in Einzelzimmer habe sich die Zahl der vorgehaltenen Pflegeplätze um 46 reduziert.

Wie ist Prognose für die kommenden Jahre?

In Folge der skizzierten Entwicklungen weist Baden-Baden bereits im Jahr 2020 ein rechnerisches Defizit bei stationären Pflegeplätzen auf. Den vorgehaltenen 649 stationären Pflegeplätzen steht ein Bedarf von rund 818 Plätzen gegenüber. Das rechnerische Versorgungsdefizit liegt damit bei 26 Prozent (160 Plätze).

Ab dem Jahr 2025 ist laut Sozialplaner Voigt von einem weiteren Anstieg des Versorgungsdefizits auszugehen. Hochrechnungen gehen davon aus, dass dann die Nachfrage an stationären Pflegeplätzen das Angebot um 21 Prozent übersteigt. Bis in das Jahr 2030 soll das rechnerische Defizit auf bis zu 45 Prozent (294 Pflegeplätze) zunehmen.

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Erstellt:
4. Dezember 2020, 14:00 Uhr
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