In Gernsbach werden Meteoriten beobachtet

Gernsbach (stj) – Auf dem Dach des Albert-Schweitzer-Gymnasiums verrichtet eine Meteoriten-Ortungskamera ihren Dienst.

Ein gegen den Himmel gewölbter Spiegel ermöglicht die Beobachtung des gesamten Firmaments. Foto: Stephan Juch

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Ein gegen den Himmel gewölbter Spiegel ermöglicht die Beobachtung des gesamten Firmaments. Foto: Stephan Juch

Viele Menschen in Deutschland haben am Abend des 28. November ein helles Objekt am Himmel gesehen. „Wir hatten innerhalb weniger Stunden etwa 90 Eingänge auf unserer Meldeadresse“, bestätigt Jürgen Oberst vom Feuerkugelnetz. Das ist ein Gemeinschaftsprojekt des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) und der Technischen Universität (TU) Berlin. Ein Standort dieses Netzes befindet sich in Gernsbach – auf dem Dach des Albert-Schweitzer-Gymnasiums (ASG).

Dort ist seit 1986 eine Meteoriten-Ortungskamera installiert. Sie macht jede Nacht eine Aufnahme mit langer Belichtungszeit – über mehrere Stunden, je nach Nachtdauer und Mondstand. Als Aufnahmeträger kommt eine analoge Leica-Kleinbildkamera mit einem Schwarz-Weiß-Film ISO 125 zum Einsatz. Sie muss jeden Tag neu gespannt werden.

Das macht seit Ende 1987 Thomas Felgner. Der Lautenbacher ist leidenschaftlicher Hobby-Astronom und Mitglied bei den Sternfreunden Durmersheim. Neben den täglich gut fünf Minuten, die er auf dem Dach des ASG nach der Kamera guckt, den Spiegel putzt und die Zeit einstellt, kommt er drei- bis viermal im Jahr für Wartungsarbeiten zur kleinen Anlage. Sie wurde als Kamera 87 des europäischen Feuerkugelnetzes 1986 durch den damaligen Rektor Klaus Imbach und den Schüler Bernhard Hahn auf das Schuldach gebracht. Dort befindet sich auch ein Minibüro für die Verwaltungsarbeit der Beobachtungsstation, die nun schon seit 34 Jahren durchweg zuverlässig ihre Dienste für das Europäische Feuerkugelnetz leistet.

Das wurde ursprünglich in den 1970er Jahren aufgebaut und besteht derzeit aus 25 Kamerastationen in Deutschland, der Tschechischen Republik, Belgien, Luxemburg und Österreich. Die Kameras sind im Abstand von etwa 100 Kilometern aufgestellt und decken eine Fläche von etwa einer Million Quadratkilometer ab, erläutert Felgner: Ein gegen den Himmel gerichteter gewölbter Spiegel wird abgelichtet, wodurch eine Beobachtung des ganzen Himmels gewährleistet wird (siehe linkes Foto). Vor der Kamera ist ein mit 12,5 Hertz rotierender „Propeller“ („Shutter“) montiert.

Kameras sichten mehr als 50 Meteore pro Jahr

Helle Objekte, die sich schnell bewegen – wie zum Beispiel Meteore –, erkennt man als unterbrochene Spur auf dem Film, erklärt der Hobby-Astronom weiter: „Daraus lassen sich dann die Leuchtdauer und die Winkelgeschwindigkeit des Objekts ermitteln.“

Wenn Beobachtungen eines Meteors von mehreren Stationen zur Verfügung stehen, kann zusätzlich die Flugbahn des Feuerballs bestimmt werden, dazu die Höhe, in der er verlöscht. Im Durchschnitt sichtet das Europäische Feuerkugelnetz laut Felgner mehr als 50 Meteore pro Jahr mit Magnituden (Lichtstärke, mag) heller als 6 mag. Kommt ein solcher hier in der Näher runter – wie zum Beispiel 2018 in Renchen – erhält Felgner einen Hinweis vom Augsburger Physiker, Astronom und Meteoritenspezialist Dieter Heinlein vom Institut für Planetenforschung. „Dann muss ich sofort den Film einschicken“, sagt der Lautenbacher: „Das kam in den letzten Jahren häufiger vor.“ Die Filme aus Gernsbach werden in Norddeutschland entwickelt und schließlich im Astronomischen Institut der Tschechischen Republik in der Sternwarte Ondrejov ausgewertet.

Beim jüngsten Feuerball über Deutschland am 28. November kam indes kein Hinweis an den Standort Gernsbach. Beobachtungen gab es gegen 18.40 Uhr insbesondere aus dem Raum Köln-Frankfurt-Stuttgart, aber auch aus dem Badischen und in der Kurpfalz. Wo genau die Meteoriten-Teile runtergegangen sind, und ob überhaupt Stücke auf der Erde landeten, wird aktuell von Experten berechnet. Genau das findet Felgner an seiner ehrenamtlichen Arbeit so spannend: „Es könnte ja immer mal was kommen“ – auch bei uns in Mittelbaden.

Zukunft der Kamera steht in den Sternen

Ein bissschen schade findet es der Rentner, der als Fluggerätemechaniker in Baden-Oos gearbeitet hat, dass die Meteoriten-Ortungskamera auf dem ASG im Unterricht keine Rolle mehr spiele. Die Kamera sei vom Gymnasium zwar gerne gesehen, Vorträge darüber, wie es sie früher gegeben habe, seien heute aber zu umständlich, weil immer eine Lehrkraft dabei sein müsse. Ein Physik-Lehrer hat einst am ASG eine Astro-AG angeboten, aber die Astronomie habe als Schulfach leider keine Lobby mehr, bedauert Felgner. Auf Wunsch könne er Beobachtungsabende über die Sternfreunde Durmersheim organisieren.

Wie lange er die Kamera auf dem Dach noch ehrenamtlich betreut, wisse er nicht. Zum einen ist er inzwischen 67 Jahre alt, zum anderen entwickelt das Institut für Planetenforschung derzeit ein digitales Kamerasystem zur automatisierten Beobachtung von Feuerkugeln. Ein Prototyp auf dem Dach des DLR-Hauptgebäudes am Standort Berlin-Adlershof wird momentan intensiven Tests unterzogen. Und wer weiß, wie lange es für die alte Leica auf dem ASG noch Filme und Ersatzteile gibt?

Ein gegen den Himmel gewölbter Spiegel ermöglicht die Beobachtung des gesamten Firmaments. Foto: Stephan Juch

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Ein gegen den Himmel gewölbter Spiegel ermöglicht die Beobachtung des gesamten Firmaments. Foto: Stephan Juch


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