In Lauf gibt es Betreutes Wohnen in Familien

Bühl (BT) – Das Betreute Wohnen in Familien (BWF) der Lebenshilfe Baden-Baden/Bühl/Achern gibt es seit zehn Jahren. Melanie Dinger und ihre Familie berichten aus ihrem Alltag in Lauf.

Melanie Dinger (Zweite von links) lebt mit Familie Stehle in Lauf. Foto: Lebenshilfe

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Melanie Dinger (Zweite von links) lebt mit Familie Stehle in Lauf. Foto: Lebenshilfe

Melanie Dinger, eine junge Frau mit Handicap, lebt seit zehn Jahren bei ihrer Schwester Petra Stehle in Lauf. Die Familie wird seither vom Team des Betreuten Wohnens in Familien (BWF) der Lebenshilfe Baden-Baden/Bühl/Achern begleitet.

Petra Stehle berichtet, wie es dazu kam: „Als unsere Mutter starb, kam meine Schwester Melanie zunächst zu uns. Ich lebte mit meinen Mann und unseren vier Kindern in Lauf. Ihre früheren Besuche bei uns hat Melanie immer sehr genossen. Als sie dann zu uns zog, mussten wir uns alle erst einmal aneinander gewöhnen.“ Es sei auch nicht klar gewesen, wie es weitergehen würde. Ein Wohnheimplatz bei der Lebenshilfe in Achern sei damals nicht frei gewesen, sagt Petra Stehle „und uns war allen klar, dass meine Schwester solange bei uns bleibt. Mittlerweile ist es gar kein Thema mehr, Melanie gehört zu unserer Familie. Sie bringt mit ihrer fröhlichen Art viel Leben in die Bude. Sie lebte sich schnell ein und ist gern bei uns.“

Das bestätigt auch Melanie: „Mir gefällt alles bei meiner Schwester. Als ich zu ihr kam, hatte ich meinen Teddy Melissa dabei, mit dem redete ich oft. Das war gut. Mittlerweile brauche ich meinen Teddy nicht mehr. Er ist jetzt im Schrank.“

Familienregeln und gewohnte Abläufe mussten verändert werden. „Ich konnte nicht mehr so arbeiten, wie bisher, da wir meine Schwester nicht allein lassen konnten“, erzählt Petra Stehle. „Auch müssen wir alles gut planen und sind in vielen Sachen nicht mehr so flexibel.“ Aber dennoch komme viel zurück. „Es wird viel mehr gelacht. Unser Sohn, der damals, als Melanie zu uns kam, vier Jahre alt war, ist mit meiner Schwester aufgewachsen. Er kennt keine Berührungsängste gegenüber Menschen mit Handicap.“

Melanie Dinger bringt Sport in die Familie

Das Familienleben werde mit Melanie Dinger bereichert. Begeistert zählt Petra Stehle auf: „Mit meiner Schwester wird es nie langweilig. Sie ist ein fröhlicher Mensch. Auch in unserem Freundeskreis ist Melanie stets dabei und sehr beliebt. Wir lachen viel zusammen.“ Über Melanie sei auch die ganze Familie zum Sport gekommen. Durch sie sei der Kontakt zur Sportgruppe der Behinderten- und Nichtbehinderten-Initiative in Achern entstanden. Später sei auch eine Walkinggruppe gegründet worden. „Ich machte daraufhin einen Trainerschein und leite seither eine Sportgruppe für Brustkrebspatientinnen“, berichtet Petra Stehle.

Melanie grätscht begeistert dazwischen: „Ich habe auch im letzten Jahr den Trainerschein als Assistenzübungsleiterin in der Sportschule in Steinbach gemacht.“ Die Teilhabe für Menschen mit Behinderung könne im BWF umgesetzt werden. „Da wir Melanie nicht allein lassen, ist sie auch immer dabei, wo wir sind“, sagt Petra Stehle. „Urlaube, Sportaktivitäten und Vereinsleben sind Bereiche, die wir gemeinsam mit Melanie bestreiten.“ Und sie habe wie alle Familienmitglieder feste Aufgaben im Haushalt. Melanie zählt stolz auf: „Ich richte selbstständig mein Vesper für die WDL, koche Kaffee und helfe beim Tischdecken und Spülmaschineausräumen. Einmal in der Woche ist es meine Aufgabe, mein Bad und Zimmer sauber zu machen. Ich habe ein Handy und einen Laptop, die ich mittlerweile gut bedienen kann.“

Das BWF-Projekt steht laut Pressemitteilung auch in Bezug zur UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK). Diese besage, dass Menschen mit Behinderung selbst bestimmen, überall dabei sein können und die gleichen Rechte haben sollen wie alle anderen. Auch sollen „Menschen mit Behinderungen gleichberechtigt die Möglichkeit haben, ihren Aufenthaltsort zu wählen und zu entscheiden, wo und mit wem sie leben, und nicht verpflichtet sind, in besonderen Wohnformen zu leben“, heißt es in der Mitteilung der Lebenshilfe weiter.

Die UN-BRK fordere ganz klar eine selbstverantwortliche Wahl durch den Menschen mit Behinderung. „Es gibt jedoch nicht nur Schwarz und Weiss. Neben den stationären und den ambulanten Wohnformen unserer Lebenshilfe entstand so aus diesem individuellen Bedarf von Melanie Dinger das Angebot des Betreuten Wohnen in Familien“ erklärt Markus Tolksdorf, Geschäftsführer der Lebenshilfe. Das sei ein „wunderbares Beispiel zur Umsetzung der UN-BRK, da es eine weitere individuelle Möglichkeit darstellt, wie Wohnen und Teilhabe mitten in der Gesellschaft auch umgesetzt werden können“.

Und was wünscht sich die Familie für die Zukunft? „Wir wünschen uns noch viele weitere, gemeinsame, fröhliche und unbeschwerte Jahre miteinander“, so Petra Stehle und Melanie Dinger ergänzt: „Ich möchte noch lange bei meiner Schwester und ihrer Familie in Lauf wohnen und zur Arbeit in die WDL gehen.“

Leben auch in Fremdfamilien möglich

Das Betreute Wohnen in Familien (BWF) richtet sich an erwachsene Menschen mit Behinderungen, die (noch) nicht alleine leben können und die gleichzeitig in familiärem Umfeld leben wollen. Für diesen Personenkreis wird eine Familie gesucht, die bereit ist, einen Mensch mit Behinderung langfristig bei sich aufzunehmen, heißt es in einer Pressemitteilung der Lebenshilfe. Dies kann eine Fremdfamilie sein oder aber auch die Familie eines Verwandten (Eltern sind hierbei ausgeschlossen). Sowohl der Mensch mit Behinderung als auch die Familie erhalten von der Lebenshilfe fachliche Unterstützung bei allen Fragen rund ums Wohnen, Behördenangelegenheiten, Entlastungsmöglichkeiten oder Krisensituationen. Die Familie erhält vom Kostenträger für ihre Betreuung ein Entgelt.

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Erstellt:
25. August 2021, 14:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 36sec

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