In Ottersdorf heißt es wohl bald „Au revoir“

Rastatt (BT) – Wenn es in Rastatt weiter einen bilingualen Grundschulzug geben sollte, dann wohl in der Kernstadt, und nicht mehr in Ottersdorf. Gespräche laufen.

Auf der Kippe: An der Grundschule Ottersdorf unterrichten Lehrer Kinder seit 17 Jahren auf Deutsch und Französisch. Foto: Archiv

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Auf der Kippe: An der Grundschule Ottersdorf unterrichten Lehrer Kinder seit 17 Jahren auf Deutsch und Französisch. Foto: Archiv

Es geht um weit mehr als nur „Bonjour“ und „Merci“: An der Grundschule Ottersdorf unterrichten Lehrer die Kinder auch in Fächern wie Kunst, Sachkunde und Musik auf Französisch. Den bilingualen Zug gibt es seit 17 Jahren. Jetzt steht das Angebot auf der Kippe. Marlis Camboni, die der Schule bei der Einführung als Expertin zur Seite stand, warnt: „Es ist so schwer, diesen Status vom Kultusministerium zu erhalten, da ist es schade, diesen aufzugeben.“
Die Mehrheit des Gemeinderats sprach sich Ende Januar dafür aus, in der ehemaligen Hauptschule in Wintersdorf ab dem Herbst 2023 eine Außenstelle der Grundschule Ottersdorf zu eröffnen. Dies entspreche der Leitlinie des Kultusministeriums: „Kurze Beine, kurze Wege“. Allerdings hat dieser Beschluss zur Folge, dass der bilinguale Zug in Ottersdorf wackelt.

Als jetzt in der jüngsten Gemeinderatssitzung Barbara Dürr (Grüne) wissen wollte, ob die Verwaltung bereits für eine Standortverlegung aktiv geworden sei, erklärten OB Hans Jürgen Pütsch und sein Stellvertreter Arne Pfirrmann, dass derzeit „vertrauensvolle“ Gespräche mit Schulen liefen. Man brauche eine Einrichtung, die den zweisprachigen Zug in ihr pädagogisches Konzept aufnehmen könne. Pütsch zeigte sich „zuversichtlich“, dass dies gelinge.

„Sprachangebot ist eine Besonderheit“

In der Grundschule Ottersdorf gibt es aktuell zwei Züge: einen normalen und den bilingualen. Wenn die Außenstelle in Wintersdorf eröffnet, wird es jeweils nur noch eine Klasse an beiden Standorten geben. Wolfgang Held, Leiter des Schulamts Rastatt, sagt, dass die Schule das zweisprachige Angebot theoretisch weiterführen könnte. Kinder aus Ottersdorf, die den normalen Zug besuchen wollen, müssten dann nach Wintersdorf fahren. Held spricht von einer „gegenläufigen Fahrtentwicklung“, die man vermeiden wolle. Dass die Entwicklung auf Kosten des Angebots gehen könnte, sieht Marlis Camboni kritisch. Sie war bis 2008 Rektorin der Grundschule Iffezheim, der damals ersten bilingualen Grundschule im Regierungsbezirk Karlsruhe. Sie stand den Ottersdorfern bei der Einführung ihres Modells als Beraterin zur Seite.

Camboni sagt, dass die zunehmend international vernetzte Welt den Umgang mit mehreren Sprachen erfordere. Der zweisprachige Unterricht biete Vorteile und Möglichkeiten: „Die bilinguale Erziehung wirkt sich positiv auf den Umgang mit der Muttersprache und verschiedenen Lerntechniken aus“, interkulturelles Lernen werde dadurch ebenfalls wichtiger.

Auch Nelly Lichtenberg sagt: „Das Sprachangebot ist eine Besonderheit.“ Sie leitet die Grundschule seit vergangenem Jahr kommissarisch. Das Bildungsprogramm stehe unter dem Motto „Unsere Zukunft liegt in Europa“, einem Zitat des ehemaligen Bundespräsidenten Roman Herzog.

Die Schüler haben in der ersten Klasse drei Stunden Französisch in der Woche, hinzu kommen die Stunden in anderen Fächern, die die Lehrer ebenfalls in der Fremdsprache halten. Die bilinguale Erziehung beginnt häufig schon im angrenzenden Kindergarten. Nach der Grundschule können die Kinder und Jugendlichen den Zug in Rastatt am Tulla-Gymnasium bis zum deutsch-französischen Abi-Bac als Schulabschluss fortführen.

An der Grundschule Ottersdorf unterrichten sechs dafür ausgebildete Lehrer die Kinder, drei von ihnen sind französische Muttersprachler. Die Schüler legen in der vierten Klasse eine Sprachprüfung mit schriftlichen und mündlichen Tests ab. Lichtenberg sagt stolz: „Bisher haben alle Schüler das Diplom erhalten.“

Camboni hat im vergangenen Herbst bereits ein Schreiben an OB Pütsch verfasst. Darin spricht sie sich gegen die Auflösung des bilingualen Zuges aus. Die Grundschule sei aktuell eine von nur drei bilingualen Schulen in Mittelbaden, schreibt sie: „Dieses Angebot wurde hart erkämpft durch die damalige Schulleitung, den damaligen OB Klaus-Eckhard Walker und den Ortsvorsteher Karl Gress.“ Das mögliche Ende des bilingualen Unterrichts in Ottersdorf müsste aber nicht zwangsläufig das Aus für das Angebot im gesamten Stadtgebiet sein. Die drei Landtagsabgeordneten Alexander Becker (CDU), Thomas Hentschel (Grüne) und Jonas Weber (SPD) haben sich dafür starkgemacht, den zweisprachigen Unterricht an einer anderen Schule fortzuführen.

Mittlerweile hat die Stadtverwaltung laut Held einen Antrag beim Schulamt gestellt. „Diese Schule sollte zentraler gelegen sein und drei bis vier parallele Züge anbieten“, sagt er. Aktuell laufe die Anhörungsphase. Auch die Schule in Ottersdorf könne eine Stellungnahme abgeben. Wenn dieser Vorgang abgeschlossen ist, muss der Antrag an das Kultusministerium gehen, wo die letzte Entscheidung fällt. Wann damit zu rechnen ist, sei aktuell nicht absehbar, sagt der Leiter des Schulamts.


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