In Ottersweier haben jetzt die Bürger das Sagen

Ottersweier (mf) – Der Beteiligungsprozess zum Ottersweierer Sonnenplatz ist mit einer Bürgerversammlung gestartet. Nach Jahrzehnten der Diskussionen könnte sich nun bald etwas tun – so die Hoffnung.

Der attraktivste Bereich am Sonnenplatz entlang des idyllisch plätschernden Bachlaufs kann nicht bebaut werden. Im Hintergrund hier die ehemalige Sonnenapotheke, deren Nutzung ebenfalls zur Diskussion steht. Foto: Martina Fuß

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Der attraktivste Bereich am Sonnenplatz entlang des idyllisch plätschernden Bachlaufs kann nicht bebaut werden. Im Hintergrund hier die ehemalige Sonnenapotheke, deren Nutzung ebenfalls zur Diskussion steht. Foto: Martina Fuß

Die schier unendliche Frage um die Nutzung des Ottersweierer Sonnenplatzes steht vor einer entscheidenden Wende. Nach Jahrzehnten der Überlegungen, Diskussionen und Gesprächen mit Investoren und Projektentwicklern in nichtöffentlichen Sitzungen geht man jetzt einen anderen Weg: Die Bürger von Ottersweier sind eingeladen, sich am Entscheidungsprozess zu beteiligen. „Wir drücken den Reset-Knopf und befragen die Bürger, was sie dort, auf dem Filetstück mitten im Ort haben wollen“, erklärte Bürgermeister Jürgen Pfetzer bei der ersten Informationsveranstaltung am Dienstagabend im Gemeindezentrum. Eine zweite folgt am Donnerstag, 23. September, um 18.30 Uhr.

Zunächst sollen die Ottersweierer umfassend informiert werden. In einem zweiten Schritt sind sie eingeladen, in Bürgerwerkstätten Ideen zu entwickeln und dem Gemeinderat Vorschläge zu präsentieren. Als Moderatorin des Beteiligungsformates konnte die Gemeinde Charlotte Schulze gewinnen, die als ehemalige Führungskraft in der kommunalen Verwaltung und als Professorin an der Verwaltungshochschule viel Erfahrung mitbringt.

Hochgekocht war das Thema Sonnenplatz in den vergangenen zwei Jahren, nachdem sich das Klinikum Mittelbaden für die Bebauung mit einem Pflegeheim interessierte. Ein Pressegespräch, mit dem Bürgermeister Pfetzer an die Öffentlichkeit ging, um kursierenden Gerüchten zu begegnen, machte deutlich, wie weit die Planungen fortgeschritten waren. Das wiederum schreckte die Grünen im Gemeinderat und auch Teile der Bevölkerung auf.

Heftige Diskussionen geführt

Die Diskussion um den Sonnenplatz flammte heftig auf, die Gerüchteküche brodelte mehr denn je. Nachdem das Klinikum aber keine weiteren Pläne vorlegte und ein Vorschlag für eine Wohnbebauung abgelehnt wurde, entschied sich der Gemeinderat, einen radikalen Stopp einzulegen: Eine breit angelegte Bürgerbeteiligung sollte her.

„An dieser Stelle stehen wir jetzt“, sagte Jürgen Pfetzer zum Abschluss seiner einstündigen Präsentation, in der er die wechselvolle Geschichte des Sonnenplatzes darstellte. Seit er vor 22 Jahren das Amt als Ottersweierer Verwaltungschef angetreten habe, sei einiges geschehen rund um den Sonnenplatz mit alter Turnhalle und ehemaliger Sonnenapotheke im Haus Hubstraße 2. Nutzungskonzepte wurden auch damals schon in einer Bürgerwerkstatt entwickelt, Variantenuntersuchungen folgten. Eine Grünanlage, ein Mehrgenerationenhaus, ein Wohnheim für gehandicapte Menschen, dann eine Festhalle oder gar ein Supermarkt wurden zeitweise vorgeschlagen, verschiedene Projektentwickler kamen und gingen, städtebauliche Studien wurden beauftragt. Realisiert wurde indes nichts, außer dass die ehemalige Turnhalle im Jahr 2009 abgerissen wurde. Heute ist das ehemalige Festgelände der Lindengemeinde ein toter Platz.

Viele Vorgänge hätten das Licht der Öffentlichkeit nicht erreicht, erklärte Pfetzer. Mit der Informationsveranstaltung wolle man nun eine gemeinsame Plattform schaffen, um den Bürgern alle Möglichkeiten der Mitwirkung zu geben. Gerade die Nicht-Öffentlichkeit der Planungen wurde in den Diskussionen in den vergangenen Jahren und auch jetzt in der Infoveranstaltung immer wieder beklagt.

Viele Begrenzungen bei der Entwicklung

Der Prozess sei rückblickend nicht optimal gewesen, gestand der Bürgermeister unumwunden ein. Er betonte aber auch mehrfach, dass Gespräche mit Investoren und Projektentwicklern nicht öffentlich geführt werden müssten, da es sich immer um einen Prozess der Annäherung handle. Schließlich gebe es eine „große Gemengelage und viele, teilweise divergierende und auch schützenswerte Interessen“ bei der Entwicklung des Sonnenplatzes. Und auch viele Begrenzungen, wie sich am Ende der Präsentation herausstellte: Bauleitplanung, Hochwasserschutz und Altlasten durch einst militärische Nutzung schränken die Nutzungsmöglichkeiten ein. Die Teilnehmer in den Bürgerwerkstätten seien dennoch völlig frei, Ideen zu entwickeln.

Gleichwohl, die Vorschläge der Bürger haben keine bindende Wirkung für den Gemeinderat. Allerdings kann sich der Bürgermeister auch nicht vorstellen, dass sich der Gemeinderat über die Vorschläge hinwegsetze. „Dann bräuchten wir diesen Beteiligungsprozess nicht zu starten“, betonte er auf die Anfrage eines Bürgers, ob die Beteiligung nicht doch Feigenblatt-Charakter habe. Charlotte Schulze ergänzte, dass sie die Moderationsaufgabe nicht übernommen hätte, wenn es sich um einen „Closed Job“ gehandelt hätte. „Nein, im Gegenteil, der Gemeinderat will ganz klar einen offenen Prozess starten.“

In der Diskussion betonten alle Bürger, dass es nicht nur eine einzige „Bomben-Idee“ (Pfetzer) brauche, sondern einen Strauß von Ideen, der mehrere Interessen und Bestrebungen bündele. Während einige für einen Start in kleinen Schritten plädierten, wünschten sich andere einen größeren Blick auf das umgebende Areal bis hinauf zum Pflegedorf in der Hub.

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Erstellt:
23. September 2021, 08:00 Uhr
Lesedauer:
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