In den Reben ist der Zustand kritisch

Baden-Baden/Sinzheim (cn) – Es sieht schlimm aus um die Weinernte bei vielen Betrieben im Baden-Badener Rebland und in Sinzheim. Der regenreiche Sommer hat vielen Beeren den Garaus gemacht.

So sehen die abgestorbenen Beeren aus, wenn diese von Peronospora befallen sind. Foto: Christina Nickweiler

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So sehen die abgestorbenen Beeren aus, wenn diese von Peronospora befallen sind. Foto: Christina Nickweiler

Abgestorbene Blätter an den Rebstöcken, eingeschrumpelte schwarze Beeren zwischen den Trauben oder teilweise gar keine Trauben an den Stöcken – der Winzer Sascha Pfaff ist frustriert. Der Zustand der Trauben rund fünf Wochen vor der Weinlese ist nach den vergangenen regenreichen Wochen kritisch. So wie dem Steinbacher Winzer geht es derzeit vielen seiner Kollegen aus Sinzheim und dem Rebland. Die Bandbreite beinhaltet von „alles in Ordnung bis 50 Prozent hinüber“, resümiert Bio-Winzerin Astrid Liebich die aktuelle Lage bei der Weinbergbegehung mit dem BT im Gewann „Am Altenberg“ südlich der Ebenung.

Mit dem Pilz sterben die Blätter ab und er geht auch auf die Trauben über. Foto: Christina Nickweiler

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Mit dem Pilz sterben die Blätter ab und er geht auch auf die Trauben über. Foto: Christina Nickweiler

Die biologisch wirtschaftenden, aber auch die konventionell arbeitenden Weinbauern mussten mehr als die Jahre zuvor Pflanzenschutzmittel ausbringen, um gegen den gefürchteten Peronospora-Pilz (Falscher Mehltau) vorzugehen, und trotzdem müssen sie mit erheblichen Ernteeinbußen rechnen. Sascha Pfaff rechnet mit einem Ausfall von mindestens 20 Prozent alleine durch den Pilzbefall. Schon während der Rebenblüte im Frühjahr mussten die Winzer einen herben Rückschlag durch Frostschäden verkraften. „Das ist besonders bitter, wenn man ohnehin frostgeschädigte Anlagen hat“, berichtet Sascha Pfaff.

Erst sterben die Blätter, dann die Beeren

Die Frostschäden hätten sowieso einen höheren Arbeitsaufwand verursacht. Die Triebe seien in verschiedene Richtungen gewachsen und mussten erneut angeheftet werden. Die Frostschäden haben auch dazu geführt, dass das Rebenwachstum zuerst gar nicht stattfand. „Die Rebe befand sich in einer Art Schockstarre. Darauf folgte eine Wachstumsexplosion. Das Laub ist schneller und üppiger gewachsen als sonst. Viele Kollegen haben diesen explosiven Blätterwuchs verkannt und haben wie üblich nach Schema F, nur alle zehn Tage die Reben gespritzt“, hat Bio-Winzer Johannes Kopp aus der Ebenung beobachtet.

„Die Ernte wird kleiner ausfallen, über alle Sorten und alle Lagen“, erwartet indes Sascha Pfaff. Erschwerend sei hinzugekommen, dass es an vier von sieben Tagen in der Woche geregnet habe, sodass keine Schutzmittel für die Reben ausgebracht werden konnten und sich der Pilz bestens habe entwickeln können. Der Pilz lässt die Blätter absterben. „Zuerst war die Laubwand befallen. Dann plötzlich, ging der Pilz auf die Trauben über“, schildert der Winzer die Entwicklung, die er seit Juni nicht nur im Sinzheimer Gewann feststellen konnte. Die befallenen Trauben sterben ebenfalls ab. Durch den letzten Befall haben sich nun so genannte „Lederbeeren“ gebildet.

„Du kämpfst täglich um deine Ernte, die ja dein Einkommen ist. Du bist zeitweise machtlos gewesen. Ich habe etliche Tage und Nächte in den Reben verbracht, um Pflanzenschutzmittel auszubringen, weil es tagsüber zu windig und zu regnerisch war“, erzählt Sascha Pfaff. Denn ist der Boden zwischen den Rebenzeilen zu nass, birgt das ein zusätzliches Risiko, dass der Traktor abrutschen könnte, wenn die Gassen mit einem Schlepper befahren werden.

Erst jetzt kann Winzer Sascha Pfaff mit seinem Traktor in den Rebgassen fahren, um das hohe Gras zu mähen, vorher war es zu nass und daher gefährlich. Foto: Christina Nickweiler

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Erst jetzt kann Winzer Sascha Pfaff mit seinem Traktor in den Rebgassen fahren, um das hohe Gras zu mähen, vorher war es zu nass und daher gefährlich. Foto: Christina Nickweiler

„Man konnte nur fahren, wenn es trocken war. Die Böden waren so nass, dass die Räder des Traktors das Wasser aus dem Boden gedrückt haben“, erinnert sich Astrid Liebich. Beim biologischen Weinbau werden die Reben mit Kupfer behandelt. Aber auch hier ist die Kupfermenge, die ein Biobetrieb maximal auf die Rebstöcke aufbringen darf, begrenzt.

Beim Anblick ihrer Rebstöcke erzählt Astrid Liebich: „Ich habe x-mal die Wetterberichte gecheckt, bin wöchentlich vor jedem Regen rausgefahren, bin gerannt. Es ist hammerhart, da kommt man an die Grenzen. Es ist schon dramatisch.“ Nur hier und da wachsen gesunde grüne Rebenblätter in ihrer Anlage. „Ich freue mich über jedes neue Blatt“, sagt sie. Einziger Lichtblick: Astrid Liebichs pilzresistente Sorten (Piwis). Die Trauben der Piwi-Burgundersorten entwickeln sich ohne Schäden. Zwar sei der eine oder andere Rebstock leicht befallen, aber die Piwis seien mit einem „blauen Auge“ davongekommen, fasst die Winzerin zusammen.

Astrid Liebichs Trauben der pilzresistenten Burgundersorte haben sich als einzige gut entwickelt. Foto: Christina Nickweiler

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Astrid Liebichs Trauben der pilzresistenten Burgundersorte haben sich als einzige gut entwickelt. Foto: Christina Nickweiler

Letzte Hoffnung: Warmer Spätsommer

Für Johannes Kopp war der richtige Zeitpunkt Schutzmittel auszubringen, aber auch ständige Hygienemaßnahmen wie Entblättern der Traubenzone und eine lockere Laubwand für das schnelle Abtrocknen im Weinberg entscheidend für den Erfolg oder Misserfolg. Die Einbußen durch den Pilzbefall innerhalb seines Betriebs seien „nicht nennenswert“ und würden in einem normalen Jahr überhaupt nicht auffallen. „Die größte Minderung der 2021er Ernte geht mit dem Frostschaden des Frühjahrs einher“, äußert er sich gegenüber dem BT.

An manchen Rebstöcken von Astrid Liebich haben sich gar keine Traubenansätze entwickelt. Foto: Christina Nickweiler

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An manchen Rebstöcken von Astrid Liebich haben sich gar keine Traubenansätze entwickelt. Foto: Christina Nickweiler

„Ich war jeden Tag in den Reben, nicht nur an trockenen Tagen, auch bei Regenwetter. Bei Regen sieht man den Pilz besser“, erzählt er. Außerdem dürfe man sich beim Ausbringen keine Fehler erlauben. Es dürfe keine Lücken geben. 13 Mal haben Kopp und seine Mitarbeiter Kupfer in kleinen Dosen als vorbeugende Maßnahme ausgebracht. Für eine zusätzliche Pflanzenstärkung wurden Brennnessel und Ackerschachtelhalm gespritzt.

Vor jedem größeren Regen oder bei Morgentau reagierte er sofort. „Wir haben eine hohe Schlagkraft. Innerhalb von einem Tag konnten wir mit vier Traktoren rausfahren und Pflanzen behandeln. Zwischen acht und zehn Stunden waren alle Felder geschützt. Wir haben auf unsere Spritztechnik geachtet. Wir waren alle am Limit, auch mental, wenn man den drohenden Ertragsverlust vor Augen hatte. Wir haben viel gelernt“, blickt er auf die vergangenen beiden Monaten zurück. Die einzige Hoffnung für die Winzer ist nun ein warmer Spätsommer.

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15. August 2021, 12:00 Uhr
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