In der Einsatzzentrale der DRF Luftrettung

Rheinmünster (sre) – 001 verlässt die Zentrale: Rainer Banzhaf, Mitarbeiter mit der Personalnummer 001 bei der DRF Luftrettung am Baden-Airpark, geht in Rente. Im BT erzählt er von seinen Erlebnissen.

In der Einsatzzentrale laufen die Fäden zusammen: Seit 1980 koordiniert Rainer Banzhaf für die DRF Luftrettung Flüge. Ende November verabschiedet er sich in den Ruhestand. Foto: Sarah Reith

© sre

In der Einsatzzentrale laufen die Fäden zusammen: Seit 1980 koordiniert Rainer Banzhaf für die DRF Luftrettung Flüge. Ende November verabschiedet er sich in den Ruhestand. Foto: Sarah Reith

Während Rainer Banzhaf telefoniert, behält er gleich mehrere Bildschirme im Blick. Auf einem beobachtet er den Landeanflug eines Rettungshubschraubers, auf einem anderen werden aktuelle Einsätze angezeigt. Langeweile hat man in diesem Job nicht: Banzhaf sitzt in der Einsatzzentrale der DRF Luftrettung in Söllingen und sorgt gemeinsam mit seinen Kollegen dafür, dass Menschen im medizinischen Notfall weltweit Hilfe bekommen.

Die Einsatzzentrale am Baden-Airpark ist 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche besetzt. „Es kann jederzeit etwas losgehen“, macht Banzhaf klar. Gerade steht auf seinem Bildschirm ein Flug von Timisoara (Rumänien) nach Regensburg. Und er bereitet einen Transport für den nächsten Tag vor: Rhodos nach Amsterdam. Banzhafs Schicht dauert 8 Stunden und 45 Minuten. In dieser Zeit kümmert er sich unter anderem um Einreise-, Lande- und Überfluggenehmigungen, verhandelt mit Behörden und Krankenhäusern im Ausland – und klärt ab, ob ein Patient überhaupt transportiert werden kann oder sollte.

Denn die Einsatzzentrale in Söllingen organisiert für die DRF-Luftrettung Transporte von Patienten zwischen Kliniken sowie sogenannte Repatriierungen, also die Rückführung von Verletzten ins Heimatland. „Für den Flieger geben wir den Startschuss“, bringt Rainer Banzhaf es auf den Punkt. Laut Stefanie Kapp, Pressereferentin der DRF Stiftung Luftrettung, waren es in diesem Jahr allein bis Mitte Oktober 182 Flüge, die von Söllingen aus koordiniert wurden. Lediglich für die zahllosen Hubschraubereinsätze direkt an Unfallorten ist die Einsatzzentrale nicht verantwortlich: Diese Notfallrettung wird über regionale Leitstellen koordiniert.

Zwei Learjets 35 gehören zur Flotte der Luftrettung. Die Einsätze gehen in die ganze Welt. Foto: Bert Spangemacher/DRF Luftrettung

© pr

Zwei Learjets 35 gehören zur Flotte der Luftrettung. Die Einsätze gehen in die ganze Welt. Foto: Bert Spangemacher/DRF Luftrettung

Dennoch ist genug zu tun: „Manche Kollegen schaffen es, nebenbei zu kochen“, erzählt Banzhaf mit einem Schmunzeln. Ihm sei das nie gelungen: „Entweder es wurde kalt oder es brannte an.“ Die Begeisterung für die Tätigkeit ist ihm trotz der stressigen Momente anzumerken – nicht nur, weil er schon in der Kindheit eine Schwäche für die Fliegerei hatte. „Ich konnte mit 18 Jahren einen Ford nicht von einem Opel unterscheiden, aber genau sagen, welcher Flieger vorbeifliegt“, erzählt Banzhaf, der in Metzingen aufgewachsen ist. Das sei ihm im Beruf ebenso zugutegekommen wie die Begeisterung für Geografie. Das medizinische Know-how habe er sich dann zusätzlich angeeignet. Man müsse schon auch gern Menschen helfen wollen, nennt er die Grundvoraussetzung für den Beruf. Banzhaf ist seit 1979 bei der DRF Luftrettung, davon war er die meiste Zeit in der Einsatzzentrale tätig. Ende November geht der Mitarbeiter mit der Personalnummer 001 in Rente.

In seinen 42 Jahren bei der Luftrettung hat Banzhaf auch eine enorme technische Entwicklung miterlebt. Zu Anfang habe es ganze Batterien von Telefonen gegeben, erinnert er sich: „Jeder Arbeitsplatz hatte sechs bis acht.“ Damals habe man noch nicht mehrere Anrufe auf einem Apparat in Empfang nehmen und hin- und herschalten können – aber dennoch den Anspruch gehabt, jeden Anruf so schnell wie möglich anzunehmen.

Noch wichtiger als die Telefone seien allerdings Fernschreiber gewesen: „Die haben meistens besser funktioniert.“ Über Lochstreifen seien Nachrichten mit dem Telegrafie-Gerät in alle Welt verschickt worden. So wurden Landegenehmigungen ebenso eingeholt wie medizinische Informationen. In den 1980er Jahren kam dann das Fax dazu: „Das war eine große Hilfe.“ Plötzlich konnten komplette medizinische Berichte rasch übermittelt werden. Bevor der Computer Einzug hielt, musste das Team in der Einsatzzentrale auch viel rechnen: In Luftfahrthandbüchern wurden die nautischen Meilen zwischen Zielen abgelesen, in Abhängigkeit von der Fluggeschwindigkeit wurde auf dieser Basis ein Flugplan erstellt, sodass Zollabfertigung und Ähnliches für bestimmte Zeiten organisiert werden konnten.

Trotz der Enge kann im Flieger die Intensivbehandlung lückenlos aufrechterhalten werden. Foto: Sarah Reith

© sre

Trotz der Enge kann im Flieger die Intensivbehandlung lückenlos aufrechterhalten werden. Foto: Sarah Reith

Rainer Banzhaf saß aber im Lauf seiner Karriere nicht nur am Schreibtisch, sondern begleitete auch immer wieder Ambulanzflüge als Rettungssanitäter. Die zwei Learjets 35 der DRF Luftrettung, in denen die Intensivbehandlung von Patienten lückenlos aufrechterhalten werden kann, kennt er deshalb ebenso gut wie die vielen Hubschrauber. Und er erinnert sich an denkwürdige Einsätze – zum Beispiel an einen Flug nach Kiew, das damals noch zur Sowjetunion gehörte: Hinterm „Eisernen Vorhang“ habe den Rettungsflieger ein halbes Dutzend Soldaten mit Kalaschnikows erwartet, erzählt Banzhaf. Er musste an der Maschine warten, bis der Krankenwagen kam und der Patient eingeladen werden konnte. Dann wurde direkt der Rückflug angetreten.

Aber auch, wenn manches schwierig war: Er habe es immer genossen, die Welt von oben zu betrachten, erzählt Banzhaf, der mit seiner Frau in Haueneberstein lebt. Das wird er sicher auch im baldigen Ruhestand machen – dann aber hoffentlich bei einer entspannten Urlaubsreise und ganz ohne an medizinische Hilfe denken zu müssen.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Sarah Reith

Zum Artikel

Erstellt:
30. Oktober 2021, 08:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 18sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.