In der Rheinau kehrt wieder Ruhe ein

Rastatt (BNN) – Der Dauerton aus dem benachbarten Benz-Werk ist nach Wartungsarbeiten verschwunden.

Der Parkplatz vor Tor 1: Dort war der Dauerton besonders gut zu hören. Nach Wartungsarbeiten an einem Ofen in der Härterei ist das Geräusch jetzt verschwunden. Foto: Hans-Jürgen Collet

© Hans-Jürgen Collet

Der Parkplatz vor Tor 1: Dort war der Dauerton besonders gut zu hören. Nach Wartungsarbeiten an einem Ofen in der Härterei ist das Geräusch jetzt verschwunden. Foto: Hans-Jürgen Collet

Sybille Kirchner hat ihn den vergangenen Tagen die Ohren gespitzt. Immer wieder hörte sie genau hin, bei sich zuhause in der Rheinau und auch am Tor des Rastatter Mercedes-Benz-Werks. Wahrgenommen hat sie: nichts – abgesehen von den normalen Umgebungs- und Betriebsgeräuschen. Der hohe Dauerton, der monatelang an ihren und den Nerven anderer Anwohner zehrte, ist verschwunden.

Nicht nur Rheinauer kannten das Geräusch. Je nach Windrichtung nahmen es auch Bewohner anderer Stadtteile war, zum Beispiel am Röttererberg. Auch bei Jutta Eckert-Schirmer, die im Dichterviertel in der Goethestraße wohnt, brummte es. „Insbesondere am Wochenende und nachts sind die Geräusche vor allem bei Westwind deutlich vernehmbar“, schilderte sie ihre Eindrücke gegenüber unserer Redaktion.

Anwohner misst Spitzenwerte von bis zu 60 Dezibel am offenen Fenster

Als SPD-Stadträtin hatte Kirchner das Thema im Januar im Gemeinderat öffentlich aufs Tapet gebracht. Zu diesem Zeitpunkt ging ihr das Geräusch schon lange auf den Zeiger. Sie zog den Vergleich mit einer Lüftungsanlage heran: „Es ist ein relativ hohes und monotones Geräusch.“

Ein Bewohner des Erlenwegs bestätigte das Phänomen: „Es ist ein leichter Dauerton zu hören.“ Eckert-Schirmer berichtete, dass ihr Mann am offenen Fenster 43 bis hin zu Spitzenwerten von 60 Dezibel gemessen. Die Schlafqualität leide.

Ton auf Parkplatz vor Tor 1 besonders gut zu hören

Ein weiterer Bürger hatte bei der Stadtverwaltung einen Hinweis eingereicht, bei dem er auch einen Verdacht auf die Quelle des Geräuschs formulierte: „Sehr störend sind auch die Brummgeräusche, welche durch irgendwelche Geräte oder Generatoren im Daimler-Werk entstehen und nachts und am Wochenende sehr störend sind.“

Kirchner teilte die Vermutung, dass die Quelle des Tons im Werk sitzen muss. Ein Indiz: Auf dem Parkplatz vor Tor 1 war das Geräusch besonders gut zu hören. Ein Sprecher der Daimler Truck AG, zu welcher der betroffene Werksteil gehört, bestätigte Mitte Februar: „Wir konnten bei Messungen ein Geräusch ausfindig machen, das wahrscheinlich zu dem beschriebenen Ton passt.“

Nachdem unsere Redaktion über den Fall berichtet hatte, war das Unternehmen offenbar um eine Lösung bemüht. Der Konzern lud Kirchner zu einem Vor-Ort-Termin ein. Noch bevor dieser stattfand, kehrte Ruhe ein. Ende Februar meldete sich Kirchner mit guten Nachrichten in der Redaktion: „Gestern und auch heute Nacht habe ich den hohen Ton nicht vernommen. Möge es so bleiben!“

Beim Treffen zwei Wochen später erzählte ihr eine Vertreterin des Werkschutzes, dass Mitarbeiter am letzten Februar-Wochenende ein Gerät in der Härterei für eine Inspektion abgeschaltet hätten. Am 14. März sei es wieder in Betrieb genommen worden – ohne, dass das Geräusch wieder auftauchte.

Unternehmen identifiziert Ofen in der Härterei als Quelle

Der Daimler-Truck-Sprecher präzisiert gegenüber unserer Redaktion die Aussage: „·Inzwischen konnten wir die Geräuschquelle bei einem Ofen in der Härterei identifizieren.“ Das Unternehmen hoffe, dass das Geräusch dauerhaft abgestellt worden sei. Der Sprecher bleibt aber vorsichtig: „Wir können das aber noch nicht mit Gewissheit sagen.“

Er verspricht den Anwohnern: „Wir führen kontinuierliche Messungen durch und stehen in Kontakt mit Anwohnern und Behörde, um – falls notwendig – weitere Schritte zu unternehmen.“

Mit dabei beim Vor-Ort-Termin mit Kirchner war auch ein Vertreter der Gewerbeaufsicht des Landratsamts. Die Behörde beurteilt die Entwicklung positiv, will die Sache aber weiter im Blick behalten: „Wir werden nachfassen und bleiben dran“, heißt es in einer Stellungnahme. Wichtig sei jetzt erst einmal, dass es wieder so ruhig sei, wie vor dem Auftreten des ominösen Geräuschs.

Auch Kirchner ist vorerst zufrieden. Sie lobt das Vorgehen von Daimler Truck: „In meinen Augen wurde konsequent gehandelt und auch mit mir kommuniziert, so dass ich mit dem Ergebnis sehr zufrieden bin.“ Mit der Vertreterin des Werkschutzes habe sie jetzt außerdem eine Ansprechpartnerin an der Hand, an die sie sich bei künftigen Störungen wenden könne.

Kommentar von Holger Siebnich

Daimler Truck hat Wort gehalten: Nach Beschwerden von Anwohnern über einen nervigen Dauerton aus dem Werk hatte der Konzern angekündigt, sich um das Problem zu kümmern. Die Ankündigung kam wie immer in der Welt der Großunternehmen im besten PR-Sprech daher. Daimler Truck nehme die Beschwerden „sehr ernst“. In der Praxis ist auf solche Aussagen oft wenig zu geben. Die suggerierte Empathie dient nur als Beruhigungspille, handfeste Konsequenzen bleiben aus. In diesem Fall war es glücklicherweise anders. Auf dem Weg zur Lösung hat der Konzern auch Anwohner, Behörden und die Presse mitgenommen und Transparenz gezeigt. Das ist ein vorbildliches Beispiel guter Nachbarschaft auf Augenhöhe.

Dass der Konzern keine Garantie gibt, den Ton dauerhaft eliminiert zu haben, ist nur seriös. Das Versprechen, die Angelegenheit mit Messungen weiter zu verfolgen, stimmt optimistisch. Der beste Gradmesser sind aber immer noch die betroffenen Anwohner, die nun wissen, dass sich jemand um ihre Belange kümmert. Sollte es in der Rheinau wieder anfangen zu brummen, werden es die Ansprechpartner bei Daimler Truck erfahren, bevor sie irgendwelche Messungen auswerten.

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Ihr Autor

BNN-Redakteur Holger Siebnich

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Erstellt:
22. März 2022, 16:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 43sec

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