„In der Türkei bin ich jetzt der Ausländer“

Rastatt (mak) – Vor 60 Jahren wurde das deutsch-türkische Anwerbeabkommen ratifiziert. In dessen Rahmen kam Ali Sahan 1972 als Gastarbeiter nach Rastatt. Heute fühlt er sich im Badischen zu Hause.

Ali Sahan hat sich gut im Badischen eingelebt, er fühlt sich mittlerweile hier zu Hause. Foto: Markus Koch

© mak

Ali Sahan hat sich gut im Badischen eingelebt, er fühlt sich mittlerweile hier zu Hause. Foto: Markus Koch

„Ich wollte 50.000 Mark verdienen und mir damit in der Türkei ein Haus kaufen, etwas Land und einen Traktor“, erklärt Ali Sahan, warum er 1972 nach Rastatt gekommen ist. Er ist geblieben, wie die meisten seiner Landsleute, die als dringend benötigte „Gastarbeiter“ ins Land geholt wurden. Grundlage war das deutsch-türkische Anwerbeabkommen, das vor 60 Jahren besiegelt wurde. Ali Sahan wurde in der Stadt Sandikli im Südwesten der Türkei geboren. Nach seinem Schulabschluss arbeitete er in der Landwirtschaft, wo er vorwiegend Schafe hütete, berichtet er im Gespräch mit unserer Zeitung.

Mustafa Alkan vom Zentrum für Bildung, Kultur und Integration in der Lützowerstraße hatte Ali Sahan als Gesprächspartner ausfindig gemacht und übersetzt einen Großteil des Pressegesprächs. Deutschkurse gab es in den 1960er und 70er Jahren so gut wie nicht – es war ja auch geplant, dass die ausländischen Arbeitskräfte nach ein paar Jahren wieder in ihre Heimat zurückkehren. Ali Sahan hat im Austausch mit seinen Arbeitskollegen Deutsch gelernt, wie er berichtet. Er fand gleich einen Job als Gabelstaplerfahrer in der Metallhütte Fahlbusch. Dort habe man damals unter anderem Stromkabel eingeschmolzen, um Kupfer zu gewinnen. Es sei staubig gewesen, die Luft war schlecht, jeder Arbeiter habe eine Schutzmaske getragen. „Viele Kollegen sind krank geworden, ich aber nicht. Bis heute nehme ich keine einzige Tablette“, betont der 74-Jährige.

Bis zu 400 Stunden im Monat gearbeitet

Er habe rund 300 Stunden im Monat gearbeitet, in manchen sogar bis zu 400 Stunden. Wenn der Meister gesagt habe, dass er an die Frühschicht noch eine Spätschicht anhängen sollte, dann habe er das gemacht. Durch die zahlreichen Überstunden stieg zwar sein Gehalt deutlich, aber auch die Lohnsteuer. Als er bemerkt habe, wie viel ihm von seinem hart verdienten Lohn abgezogen worden war, habe er im Büro seines Arbeitgebers protestiert. Dort wurde ihm dann erklärt, dass alles seine Richtigkeit hat. Fahlbusch hatte damals zwischen 150 und 200 Mitarbeiter, die Hälfte davon waren laut Sahan Türken, die andere Hälfte bestand aus Deutschen, Italienern und Jugoslawen. Das Miteinander in der Belegschaft sei gut gewesen. Wenn der Meister mal nicht geschaut habe, dann habe man sich gegenseitig Streiche gespielt und Spaß gehabt, berichtet der Wahl-Rastatter. Weil die Arbeiter damals laut Sahan nichts zu sagen hatten, habe er beschlossen, einen Betriebsrat zu gründen. Die meisten wollten zuerst nicht unterschreiben, weil sie Angst davor hatten, deswegen gekündigt zu werden. Doch Ali Sahan konnte sie überzeugen und schließlich einen Betriebsrat gründen. Er wurde zum stellvertretenden Vorsitzenden gewählt. Insgesamt 15 Jahre arbeitete Sahan bei Fahlbusch, dann wurde der Betrieb, der einen der größten (Dioxin-)Umweltskandale Deutschlands verursachte, 1986 geschlossen. Er fand eine neue Arbeitsstelle bei der Firma Wolf in Haueneberstein. Dort stand er 19 Jahre lang (mit Helm und Ohrenschutz) an der Stanzmaschine, bis 2006.

Im Jahr 2000 eröffnete Ali Pasa gemeinsam mit seiner Frau Zülfiye in der Bahnhofstraße den Döner-Imbiss „Ali Pasa“. Nach Feierabend bei Wolf habe er dann dort noch mitgeholfen, berichtet er.

Als Ali Sahan 1972 bei Fahlbusch begann, war er in einem Zwei-Bett-Zimmer im benachbarten Mehrfamilienhaus für die Arbeiter untergebracht. Als ein Jahr später seine Frau Zülfiye nachkam, die er 1967 geheiratet hatte, bezogen sie dort eine Drei-Zimmer-Wohnung, die sie später kauften. Das Ehepaar hat drei Söhne, die alle eine intellektuell-kognitive Beeinträchtigung haben. Bei den Urlaubsaufenthalten in der Türkei mussten die Sahans erleben, wie andere Eltern den Kindern untersagten, mit ihren Jungs zu spielen oder wie andere Kinder mit dem Finger auf sie zeigten. In Deutschland hatten sie solche Erfahrungen nicht gemacht. „Meine Heimat ist hier“, betont Ali Sahan, der mittlerweile ein Haus in Niederbühl gekauft hat. Ein Sohn wohnt mit ihnen zusammen, ein weiterer hat mit seiner Frau eine Wohnung im Obergeschoss. Der dritte lebt in einem Heim am Bodensee.

Ali Sahan schätzt an den Deutschen, dass es rund ums Haus meist sauber ist und dass sich die Leute an Regeln halten, sei es im Straßenverkehr, sei es im Hinblick auf Lärm im nachbarschaftlichen Nebeneinander. „Früher waren wir Türken Außenseiter, jetzt sind wir in der Gesellschaft integriert. Das Miteinander von Deutschen und Türken ist heute viel besser als früher“, findet der 74-Jährige. In Sandikli hat Ali Sahan zwar ein Haus gebaut – aber nur, um dort Urlaub zu machen. Für ihn ist Deutschland nach fast fünf Jahrzehnten zu einer neuen Heimat geworden. „In der Türkei bin ich jetzt der Ausländer“, meint er abschließend mit einem Schmunzeln.

Zum Artikel

Erstellt:
22. Dezember 2021, 10:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 21sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.