„In einigen Wochen reißen weitere Lieferketten ab“

Stuttgart (BNN) – Chinas Führung geht mit drastischem Lockdown gegen die Ausbreitung der Omikron-Variante des Coronavirus vor. Das wird auch Auswirkungen bei uns haben:

Tim Wenniges (Südwestmetall) kann die Lage auch darum besonders gut einschätzen, da er selbst einige Jahre in Shanghai gelebt hat. Foto: Frank Eppler/Südwestmetall

Tim Wenniges (Südwestmetall) kann die Lage auch darum besonders gut einschätzen, da er selbst einige Jahre in Shanghai gelebt hat. Foto: Frank Eppler/Südwestmetall

China war im vergangenen Jahr wichtigster Importeur in den Südwesten Deutschlands, bei unseren Ausfuhren lag China hinter den USA auf Rang zwei. Unsere Abhängigkeit ist also hoch, viele schätzen die damit verbundenen Risiken sogar als gravierender ein als den aktuellen Krieg. Durch den Lockdown sind Transporte innerhalb Chinas zum Erliegen gekommen, vor Shanghai liegen Schiffe fest. Die eingeschlossenen Menschen haben offenbar Schwierigkeiten, sich mit genügend Lebensmitteln zu versorgen. BNN-Redakteurin Erika Becker sprach mit dem Geschäftsführer von Südwestmetall, Tim Wenniges. Er war von 2015 bis 2018 Leiter der Konrad-Adenauer-Stiftung in China in Shanghai.

BNN: Herr Wenniges, Sie lebten selbst noch vor wenigen Jahren in Shanghai – was hören Sie von dort, wie ist die Lage?
Timm Wenniges: Es sind teilweise dramatische Schilderungen. 31 Städte sind im Voll- oder Teil-Lockdown. Viele, nicht nur Ausländer, wollen jetzt aus China raus. Shanghai war die Perle Chinas, die Vorzeigestadt schlechthin, und die schwierige Lebensmittelversorgung bedeutet auch einen großen Imageschaden. Es wird noch schwieriger werden, auswärtige Mitarbeiter für die vielen Unternehmen in China zu bekommen. In den vergangenen beiden Jahren haben schon 50 Prozent der Ausländer China verlassen, das wird sich wohl noch einmal verstärken. Das ist dramatisch für die vielen Unternehmen vor Ort. Die Unsicherheit, wie geht es weiter, das ist das größte Problem. Jetzt heißt es zwar, es soll gelockert werden, im Juni herrsche wieder Normalität in Shanghai, aber das Vertrauen in solche Aussagen ist sehr überschaubar. Die Zero-Covid-Politik schädigt die internationale Zusammenarbeit und das Vertrauen der Menschen sehr massiv.

„Schwer, sich ein konkretes Bild zu verschaffen“

BNN: Drei Prozent aller weltweiten Schiffe stecken gerade vor Shanghai fest. Was bedeutet das für uns?
Wenniges: Die Abhängigkeiten von bestimmten Produkten sind schwer einzuschätzen. Man weiß nicht, welcher Stein in der Dominokette unserer hoch globalen Lieferketten als erster fällt. Bei bestimmten Vor-, aber auch Fertigprodukten, vor allem im Bereich der Elektronik, und auch bei Rohstoffen werden Lieferengpässe bestehen, die dann zu Produktionsbehinderungen oder sogar -ausfällen führen. Es ist aber schwer, sich ein konkretes Bild zu verschaffen, es gibt beispielsweise bei Halbleitern widersprüchliche Meldungen, wie beeinträchtigt die Produktion ist. Aber auch Produkte wie Gussteile fehlen etwa in der ganzen Kette. Bei Automobil- und Haushaltswaren gehe ich davon aus, dass es zu erheblichen Lieferengpässen kommt und bestehende Probleme noch verstärkt werden.

BNN: Wie lange müssen wir durch diese Durststrecke gehen?
Wenniges: Das wird uns sicherlich noch einige Monate, bis Ende des Jahres beschäftigen. Und wir müssen leider davon ausgehen, dass wir hier konkrete Auswirkungen spüren. Eine dauerhafte Beeinträchtigung der Produktion wird nicht ohne Beschäftigungseffekte bleiben. Aktuell sind da aber noch viele Unsicherheiten, wir wissen noch nicht, wie die Zweit- und Drittrundeneffekte zum Beispiel beim Konsumverhalten in China aussehen. Die große Frage ist, gibt es Nachholeffekte, wie entwickelt sich die Arbeitslosigkeit. Aktuell stehen dort wieder viele auf der Straße, die werden sich jetzt keinen neuen Kühlschrank kaufen.

Die Lage in Shanghai ist teilweise dramatisch für die Menschen. Sie sind in einem strikten Lockdown und dürfen ihre Wohnungen nicht verlassen. Foto: Chen Si/AP/dpa

© dpa

Die Lage in Shanghai ist teilweise dramatisch für die Menschen. Sie sind in einem strikten Lockdown und dürfen ihre Wohnungen nicht verlassen. Foto: Chen Si/AP/dpa

BNN: Müssen wir die Abhängigkeit nicht reduzieren und unser Geld woanders investieren?
Wenniges: Viele erkennen, dass eine stärkere Diversifizierung notwendig ist. Investitionen gehen jetzt auch in andere Regionen der Welt. Das ist ja auch sinnvoll. Aber beim Thema Auto beispielsweise kommen wir an China nicht vorbei. In den vergangenen zehn Jahren ist die weltweite Nachfrage nach Autos jedes Jahr um fünf Millionen gesunken, in China aber jedes Jahr um acht Millionen gestiegen. Und dann ist das Land auch hocheffizient bei technischen Neuerungen, gerade auch bei Digitalisierung. Es geht für uns also nicht nur um Exporte, sondern auch darum, dass wir die sehr fortschrittlichen Entwicklungen dort aufnehmen, die auch für uns wichtig sind. Wir sehen zum Beispiel im Maschinenbau: Die Chinesen sind ernsthafte Konkurrenten geworden. Sie sind zum Teil sehr weit und haben nicht wie wir den Ansatz, mit einem hundertprozentigen Produkt rauszugehen, sondern mit 80 Prozent. Sie gehen mit den Kunden ein Risiko ein, passen dann am Markt an, das ist ein anderer Ansatz, und davon können wir auch lernen. Es wird am Ende nicht ohne China gehen.

BNN: Also sind auf lange Sicht die Chancen größer als die Risiken?
Wenniges: Eindeutig: ja.

Eigene Produktion für bestimmte Kernprodukte

BNN: Die neue Tendenz, unabhängiger zu werden, steht dem aber entgegen, oder?
Wenniges: Man muss bei zu starker Abhängigkeit gegensteuern, das wird seitens der Politik auch getan, um Firmen beispielsweise aus wichtigen Medizin-Bereichen wieder in Europa anzusiedeln. Wir haben uns in den vergangenen 30 Jahren im Zielkonflikt zwischen Effizienz und Resilienz immer für die Effizienz entschieden. 100 Prozent Resilienz, das wäre Planwirtschaft, das will niemand. Aber es gibt bestimmte Kernprodukte, bei denen wir wieder eine eigene Produktion brauchen. Aber wir sollten auch die Erfolge der Globalisierung sehen und nicht das Kind mit dem Bade ausschütten. Nicht nur wir waren damit erfolgreich, auch viele Schwellenländer sind so aus der Armut gekommen. Ich habe ein bisschen die Sorge, dass wir zu einer Provinzialisierung zurückkommen. Wir haben seit zwei Jahren keinen internationalen Austausch von Studenten oder Mitarbeitern. Das wird sich auswirken auf das gegenseitige Verständnis, auf die Sicht auf die Welt, und das ist nicht gut. Wir sollten die Errungenschaften auch in sozialer und kultureller Hinsicht nicht alle über den Haufen werfen. Das wäre ein großer Rückschritt.

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Ihr Autor

BNN-Redakteurin Erika Becker

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Erstellt:
17. Mai 2022, 10:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 56sec

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