In seiner Freizeit operiert der Chirurg minutiös Schwarzwalduhren

Rastatt (sb) – Norbert Neugebauer sind alte Schwarzwalduhren ans Herz gewachsen. Der Chirurg haucht ihnen mit großer Leidenschaft neues Leben ein.

Norbert Neugebauer achtet auf kleinste Details, wenn er Schwarzwalduhren restauriert. Sein Traum: Einmal ein entsprechendes Museum eröffnen. Foto: Stephan Friedrich

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Norbert Neugebauer achtet auf kleinste Details, wenn er Schwarzwalduhren restauriert. Sein Traum: Einmal ein entsprechendes Museum eröffnen. Foto: Stephan Friedrich

Stundenlang sitzt Norbert Neugebauer hoch konzentriert über einer alten Schwarzwalduhr und haucht dieser Schritt für Schritt neues Leben ein. Denn oftmals sind die meist mehr als 100 Jahre alten Uhren gar nicht als solche zu erkennen, wenn sie auf seinen Arbeitstisch kommen. „Aber gerade das ist das Faszinierende“, sagt der promovierte Chirurg, dem die Freude ins Gesicht geschrieben steht, wenn eine Uhr wieder so läuft, als wäre sie gerade erst gebaut worden.

Vor rund 40 Jahren hat er seine Liebe zu den Schwarzwalduhren entdeckt. Sie haben oft eine lange Geschichte, wenn sie in seine Hände kommen. Denn bereits im 18. Jahrhundert wurden im Schwarzwald Uhren aus Holz gebaut. „Holz gab es in den Schwarzwaldtälern genug, und es wurde immer wichtiger, die Zeit angezeigt zu bekommen“, erläutert Neugebauer. Freilich waren die ersten Uhren recht einfach und zeigten oft nur die Stunde an. Aber sie waren dank des günstigen Rohstoffs Holz und der Geschicklichkeit der Holzhandwerker deutlich preiswerter als die bereits vorhandenen Metalluhren. So wurden Schreiner, Dreher, Zimmerleute oder Mühlenbauer die ersten Verfertiger von Holzuhren aus dem Schwarzwald. Dass diese eine Erfolgsgeschichte schrieben, lag nicht nur am Preis, sondern am cleveren Vertriebssystem, das bald aufgebaut wurde. Über die bekannten Wege der Glasträger wurden die Uhren in der ganzen Welt vertrieben und damit die Arbeit in den Schwarzwald gebracht.

Kuckucksuhr kommt nicht aus dem Schwarzwald

Schon früh machten sich die Schwarzwälder daran, Arbeitsteilung zu betreiben. „So konnten bereits Ende des 18. Jahrhunderts große Auflagen produziert werden“, betont Norbert Neugebauer und fügt hinzu, dass die Uhren bald technisch auch deutlich aufwendiger wurden. Denn jetzt war es nicht mehr genug, dass die genaue Stunde angezeigt wurde. Nun waren die Uhren oftmals bis auf die Viertelstunde genau, erhielten Glockenspiele und andere Erweiterungen. Heute am bekanntesten ist wohl die Kuckucksuhr. Hier räumt der Hobbybastler mit einem Missverständnis auf: „Die Kuckucksuhr wurde mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nicht im Schwarzwald erfunden.“ Trotzdem steht sie heute als Symbol für eine Region, die nicht erst seit Beginn der Corona-Pandemie boomt.

Norbert Neugebauer hat der Schwarzwald schon zu Studienzeiten fasziniert. Ein alter Holzschrank war sein erstes Möbelstück. Natürlich hat er den Schrank selbst restauriert. Zudem hat er gerne mit der Laubsäge gearbeitet und war von den klaren Vorgaben der Uhrmacher im Schwarzwald fasziniert. Um heute die Geheimnisse einer meist aus gutem Obstholz gefertigten Schwarzwalduhr zu lüften, baut der Mediziner diese komplett auseinander. „Mein Bestreben ist eine fachgerechte Restaurierung“, sagt er. Nicht nur das Uhrwerk samt der hölzernen Zahnräder, sondern auch das Deckblatt werden detailgetreu wieder bestmöglich an den Originalzustand angeglichen.

Dabei sind die meisten Schwarzwalduhren Uhren, die an die Wand gehängt werden. Auch an Taschenuhren aus Holz haben sich die findigen Handwerker im Schwarzwald versucht, allerdings nicht mit einem durchschlagenden Erfolg. Dafür wussten sie ganz genau, wie Holz so gut konserviert werden kann, dass eine Uhr auch nach Jahrhunderten noch in einem guten Zustand sein kann. „Es wurde hochwertiges Holz verwendet, das lange gelagert, in Jauche getunkt und anschließend geräuchert wurde“, berichtet der Bastler.

Mit Gleichgesinnten tauscht sich der Rastatter im ganzen Schwarzwald gerne aus, denn die meisten gut erhaltenen Uhren befinden sich heute im Privatbesitz und sind nur selten zu sehen. Eine aktuelle Möglichkeit gibt es noch bis Ende 2021 in St. Märgen. Im dortigen Klostermuseum findet eine Ausstellung zu Holzräderuhren statt, bei der auch Exemplare von Norbert Neugebauer gezeigt werden.

Sein Traum ist es, seine mit viel Liebe zum Detail restaurierten Schwarzwalduhren einmal an ein Museum übergeben zu können. Denn: „Die Uhren sollen vielen Menschen Freude machen und die spannenden Geschichten erzählen, die sich damals im Schwarzwald zugetragen haben.“

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Erstellt:
22. Oktober 2020, 14:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 56sec

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