In tiefer Sorge vor Putins Gas-Stopp

Stuttgart/Karlsruhe (BNN) – Herausfordernde Zeiten warten auf die EnBW und den Konzernchef Frank Mastiaux. Das liegt vor allem am Despoten aus Moskau.

Spricht per Kamera zu den Aktionären: Wegen der Pandemie fand die letzte Hauptversammlung von Frank Mastiaux als EnBW-Chef erneut online statt.Foto: Marijan Murat/dpa

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Spricht per Kamera zu den Aktionären: Wegen der Pandemie fand die letzte Hauptversammlung von Frank Mastiaux als EnBW-Chef erneut online statt.Foto: Marijan Murat/dpa

Es ist eine friedliche Stimmung, die der Karlsruher Energiekonzern EnBW seinen Aktionären vor Beginn der Hauptversammlung per Videoclip zeigt: Das Meer ist ruhig, die Sonne geht in sanften Rottönen unter, viele Windmühlen drehen sich synchron. Doch so friedlich sind die Zeiten bekanntlich seit Putins Angriffskrieg auf die Ukraine nicht mehr.

Steinkohle und Erdgas aus Russland

EnBW-Chef Frank Mastiaux kann seine im September endende Amtszeit nicht gelassen auslaufen lassen. Er ist mit seiner Mannschaft nochmals voll gefordert. „Der Krieg in der Ukraine hat nicht nur fürchterliches Leid für viele Menschen gebracht. Er wird auch unsere Energieversorgung tiefgreifend verändern“, sagt Mastiaux in seiner 30-minütigen Rede auf der Hauptversammlung, die an diesem Donnerstag wegen der Pandemie einmal mehr aus Stuttgart übertragen wurde.

Die EnBW hat bislang viel Steinkohle und Erdgas aus Russland bezogen. Das wird von Kleinaktionären mit ihren Fragen immer wieder kritisiert. Auch in Sachen Energiewende wird nachgehakt. 126 Fragen wurden zuvor schriftlich eingereicht – und werden auf der Hauptversammlung nun abgearbeitet. Es gibt keine energischen Auftritte von Anteilseignern, die für Gesprächsstoff sorgen. Der Karlsruher Umweltaktivist Harry Block lässt unter anderem mit den Naturschützern vom BUND eine alternative Hauptversammlung abhalten – aus Protest gegen die Online-Version der EnBW. Dort hagelt es Kritik, auch wegen einer „Abhängigkeit von Russland“. Eine andere Aktionärsvereinigung lobt hingegen den Umbau des Konzerns unter Mastiaux, der viele Jahre vor der Politik die Bedeutung von Flüssiggas (LNG) erkannt habe.

Mastiaux sagt, dass die EnBW bereits im vergangenen Jahr – also vor Putins Attacke – über ein Dutzend LNG-Schiffsladungen eingekauft hat. Neu ist die Partnerschaft mit der Betreiberin des geplanten LNG-Terminals in Stade. Kooperationen mit weiteren LNG-Standorten hält der EnBW-Chef für denkbar – um an (flüssiges) Erdgas auch von außerhalb Europas heranzukommen. „Allerdings ist eine kurzfristige vollständige Ersatzbeschaffung bei einem theoretischen Entfall von russischem Gas auch für uns nicht zu machen“, räumt der 58-Jährige in seiner nüchtern vorgetragenen Rede ein.

Versorgungssicherheit rückt in den Vordergrund

Bislang ging es bei der Energiewende vor allem um Klimaschutz. Jetzt rückt die Versorgungssicherheit mehr als bisher in den Vordergrund. „Wichtig ist es, nun darauf zu achten, ersteres im Blick zu halten, wenn wir mehr bei letzterem tun“, verdeutlicht Mastiaux.

Einer Aktionärsvereinigung gibt er zu Protokoll: Die Bundesregierung hält einen vorgezogenen Kohleausstieg bis 2030 nach wie vor für machbar – er sieht das genauso. Klimafreundlichen Wasserstoff wolle der EnBW-Konzern ins Erdgasverteilnetz einspeisen. Auch bisherige Kohlekraftwerke sollen nur temporär auf Gasbetrieb umgerüstet werden. Letztlich sollen die Turbinen einmal mit Wasserstoff auf Touren kommen.

Bei den Erneuerbaren Energien werden die Badener ein noch größerer Player auf dem europäischen Markt. Mastiaux erinnert hier an die geplanten Mega-Windparks in der Irischen und in der Schottischen See, und zwar zusammen mit dem Partner BP. Dieser Konzern stand bislang vor allem für Benzin und Erdgas, so wie man die EnBW vor Mastiaux mit Atomstrom in Verbindung brachte.

950 Schnellladestandorten

Rund wird das Thema für die EnBW, da sie auch auf den Trend zum E-Auto setzt: Sie ist mit 950 Schnellladestandorten hierzulande der Branchenprimus – und lässt dafür mit dem früheren Formel-1-Weltmeister Nico Rosberg für sich werben, so wie es früher Manier von Sprit-Konzernen wie Aral und Shell war.

Wirtschaftlich läuft es bei der EnBW rund. Die 26.000 Mitarbeiter haben Ende April eine Erfolgsbeteiligung von 114 Prozent eines Monatsgehalts erhalten. Für die Aktionäre lautet der Dividendenvorschlag 1,10 Euro (zuvor 1,00 Euro) pro Aktie. Es ist eine Formsache, dass diesem zugestimmt wird: 93,5 Prozent der EnBW gehören dem kommunalen Zweckverband OEW und dem Land Baden-Württemberg. Die sind friedlich gestimmt – passend zum Videoclip.


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