Infizierte sollen ihr Umfeld selbst informieren

Karlsruhe (BNN) – Weil die Zahl der Infektionen so stark steigt, kommen die Gesundheitsämter nicht mehr nach. Das Sozialministerium vollzieht darum einen Strategiewechsel.

Die Gesundheitsämter sind durch die vierte Corona-Welle überlastet. Foto: Marijan Murat/dpa

© dpa

Die Gesundheitsämter sind durch die vierte Corona-Welle überlastet. Foto: Marijan Murat/dpa

Am späten Donnerstagabend ging die Pressemitteilung raus: Das Sozialministerium in Stuttgart vollzieht einen Strategiewechsel, um die Gesundheitsämter zu entlasten. Mit dem Coronavirus infizierte Menschen und deren Kontaktpersonen werden in der Regel nun nicht mehr informiert. Das sollen die Infizierten künftig selber tun.

Was muss ich tun, wenn mein Schnelltest positiv ausfällt?
Erstmal bleibt alles beim Alten. Wer Symptome wie stärkeren Husten, Fieber, Unwohlsein und Müdigkeit verspürt, sollte sich auf eine Infektion mit dem Coronavirus testen lassen, das war bislang ja auch schon so. Für diese Tests gibt es besondere Praxen oder Stationen. Fällt der Antigen-Schnelltest oder PCR-Test positiv aus, ist die zweiwöchige Quarantäne verpflichtend. Geimpfte oder Genesene ohne Symptome können sich aber nach fünf Tagen auf eigene Kosten per PCR-Test frei testen und bei einem negativen Ergebnis die Absonderung beenden. Das Testergebnis muss man bis zum Ablauf der 14 Tage aufbewahren.

Was müssen die Menschen in meinem Haushalt tun?
Sie müssen sich, sobald im Haushalt jemand positiv getestet ist, ebenfalls in Quarantäne begeben. Wer einen vollständigen Impfschutz hat oder als genesen gilt, muss nicht in die sogenannte Absonderung. Ungeimpfte dagegen schon.

Und was ist im Falle eines Falles mit anderen engen Kontaktpersonen?
Enge Kontaktpersonen müssen sich nur dann in Absonderung begeben, wenn die zuständige Behörde das anordnet. Diese Regelung galt bereits vorher. Aufgrund der zunehmenden Durchimpfung der Bevölkerung sei davon auszugehen, dass der überwiegende Anteil der Kontaktpersonen geimpft ist, heißt es. Diese Kontaktpersonen müssen nicht mehr in die Absonderung.

Wie erfahren Freunde, Kollegen oder andere Kontakte von meiner Infektion?
Da baut das Land künftig auf Verständnis und Eigenverantwortung. Denn in den meisten Fällen müssen Erkrankte das Informieren jetzt selbst und freiwillig übernehmen. Das Gesundheitsamt kümmert sich nur noch in einzelnen Fällen, den vulnerablen Gruppen, darum oder ruft an, wenn es größere Ausbrüche gibt oder diese befürchtet werden.

Aber woher weiß ich, wer im Kino oder Restaurant in meiner Nähe saß?
In vielen Kinos oder Restaurants gilt für Besucher bereits die 2G-Regel. Sollte demnächst die Alarmstufe in Kraft treten, wäre das dann sogar vorgeschrieben. Besucher und Kontakte von dort sind also geimpft oder genesen. Das Sozialministerium verlässt sich zudem darauf, dass man seine Kontakte an gemeinsamen Abenden meist besser kennt. Ungeklärt bleibt aber, was bei Fremden zu tun ist, die einen Tisch mit einer infizierten Person teilen oder im Zug nebenan sitzen.

Was ist, wenn ich das nicht tue?
„Eine Strafbarkeit bei unterlassener Information besteht nicht“, so das Sozialministerium. Allerdings empfiehlt es, Kontaktpersonen zu informieren, damit diese sich testen lassen beziehungsweise eigenständig ihre sozialen Kontakte einschränken können. Wird die Quarantäne hingegen nicht eingehalten, drohen Strafen.

Warum die Änderung jetzt, wo die Zahlen steigen?
Mit der Zahl der Erkrankten schnellte auch die Masse der Kontakte nach oben. Die Gesundheitsämter erhielten Unterstützung, auch die Bundeswehr half aus. Aber zum einen stießen die Ämter zunehmend auf Geimpfte oder Genesene, die sie gar nicht mehr in Quarantäne schicken können. Zum anderen war das Ermitteln eines Kontakts ungemein zeitraubend. Kontakte konnten nicht mehr zeitnah gefunden und informiert werden, teilweise dauerte es mehrere Tage, bis das Telefon klingelte, in vielen Fällen blieb es ganz still.

Wie finden das die Landkreise?
Bei vielen ist Erleichterung zu spüren. Der Landkreistag begrüßt die Weiterentwicklung des Fall- und Kontaktpersonenmanagements. „In der aktuellen Situation ist es gut und richtig“, heißt es in einer Pressemitteilung. Brigitte Joggerst, die Chefin des Gesundheitsamtes beim Landratsamt Enzkreis, zeigt Verständnis: „Die Nachverfolgung bindet sehr viel Zeit und Personal und verliert, je später sie erfolgt, zunehmend ihre Wirksamkeit im Kampf gegen die Pandemie.“ Joggerst appelliert „dringend an die Eigenverantwortlichkeit der Betroffenen“, sich nach einem positiven Test auch zurückzuziehen.

In eigener Sache

Das Badische Tagblatt und die Badischen Neuesten Nachrichten bündeln ihre journalistischen Kräfte und erweitern damit das umfangreiche Leseangebot in Mittelbaden. Noch arbeiten die beiden Redaktionen getrennt, tauschen jedoch schon gegenseitig Inhalte aus. Davon sollen vor allem die Leser profitieren – durch mehr Hintergründe, Reportagen und mehr Service. Deshalb werden auf badisches-tagblatt.de auch Artikel von BNN-Redaktionsmitgliedern veröffentlicht.

Ihr Autor

Von unserer Mitarbeiterin Sibylle Kranich

Zum Artikel

Erstellt:
6. November 2021, 09:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 06sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.