Internet: Chancen und Gefahren für Kinder

Karlsruhe (ml) – Das Internet bietet Chancen und Gefahren – auch für Kinder. Ines Langemeyer, Professorin für Lehr-Lernforschung am Karlsruher KIT, rät Eltern, es gemeinsam zu entdecken.

Kinder und das Internet: „Man kann sich dem Thema nicht entziehen“, meint die Psychologin Ines Langemeyer. Foto: Florian Schuh/dpa

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Kinder und das Internet: „Man kann sich dem Thema nicht entziehen“, meint die Psychologin Ines Langemeyer. Foto: Florian Schuh/dpa

Das Internet hat das Leben in vielen Bereichen verändert; auch das von Kindern. Es bietet zahlreiche Chancen, etwa beim Lernen oder in der Kommunikation, birgt aber auch Gefahren. Wie sollten Kinder und Jugendliche auf den Umgang mit dem Medium vorbereitet werden? BT-Redakteur Markus Langer sprach darüber mit Ines Langemeyer, Professorin für Lehr-Lernforschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT).

BT: Frau Langemeyer, gibt es Erkenntnisse darüber, wie verbreitet das Internet in deutschen Haushalten ist und damit auch den darin lebenden Kindern zur Verfügung steht?

Ines Langemeyer: Die Versorgung ist fast flächendeckend. In Deutschland sind die Haushalte zu 95 Prozent mit Internet versorgt. Das ist im internationalen Vergleich ein hohes Niveau. Der Ausbau wurde ja auch gefördert. Allerdings weist der Breitband-Ausbau in den ländlichen Gebieten noch Lücken auf. Der Wert lässt sich deshalb sicherlich auch mit dem hohen Anteil der mobilen Internetnutzung erklären. Es gibt nur wenige Länder, die eine noch höhere Rate haben. Aber viele liegen über 85 Prozent. Nach einer im vergangenen Jahr erhobenen Umfrage unter 1.200 Jugendlichen im Alter von zwölf bis 19 Jahren nutzen 97 Prozent das Internet täglich oder zumindest mehrmals in der Woche. Das ist ein deutliches Zeichen dafür, dass wenn Internet im Haus ist, die Kinder es – zumindest als Jugendliche – auch kennen.

BT: Ab welchem Lebensalter ist es sinnvoll, Kinder mit dem Internet vertraut zu machen – und in welchen Dosen?

Langemeyer: Die Frage ist, was man unter Vertraut-Machen versteht. Zeige ich einem Kleinkind ein Bild oder ein kurzes Video, das im Internet verfügbar ist, oder erkläre ich einem Zehnjährigen, dass hinter dem Dienst des Internets eine Infrastruktur aus Servern und Software steht? Oder erkläre ich einem Kind, welche Gefahren für Nutzer dort lauern? All das sind unterschiedlich schwierige Themen, die sicherlich nicht nur einmal angeschnitten werden müssen, sondern über die man mit Kindern altersgerecht sprechen sollte. So kann man im Grundschulalter komplexe Themen wie den Aufbau und die Funktion einer Suchmaschine oder den Einsatz von künstlicher Intelligenz kaum sinnvoll behandeln. Wenn sie in der Sekundarstufe eins sind, können sie sich schon besser ein Bild von der Infrastruktur des Internets machen.

„Nicht nur die Technik erklären“

BT: Sie würden also sagen, dass es sinnvoll ist, Kinder ab dem Grundschulalter langsam an das Internet heranzuführen?

Langemeyer: Ja, es werden ja auch schon in der Grundschule die Gefahren des Internets thematisiert. Das ist richtig, denn wenn es in den Haushalten so präsent ist, dann würde es keinen Sinn machen, es zu ignorieren. Auch die Eltern sollten in jedem Fall mit ihren Kindern über das Internet sprechen, denn sie kommen auf jeden Fall damit in Kontakt – etwa auf dem Schulhof. Da kommen die Kinder mit ihren Smartphones an und gehen ins Internet, auch in der Grundschule.

BT: Wie sollten Eltern, abhängig vom Lebensalter der Kinder, diese bei der Nutzung des Internets begleiten?

Langemeyer: Man sollte ihnen nicht nur die Technik erklären. Die Kinder sehen ja nur die Oberfläche, die oftmals schön gestaltet ist. Dass aber dahinter viele technische und auch soziale Prozesse stehen, erschließt sich ihnen nicht. Sie können nicht einschätzen, wie Inhalte entstehen und dass sie auch schädlich für sie sein können. Es ist sehr wichtig, Kinder vor Rechnern, Tablets und Smartphones nicht sich selbst zu überlassen, sondern das Internet mit ihnen gemeinsam zu entdecken. Dabei sollte man ihnen zutrauen, etwas Vernünftiges zu machen, aber auch Grenzen ziehen. Dafür ist es auch nötig, dass sich Eltern über Möglichkeiten und Gefahren informieren.

KIT-Professorin Ines Langemeyer. Foto: Reinhard Wessling/KIT

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KIT-Professorin Ines Langemeyer. Foto: Reinhard Wessling/KIT

BT: Das Smartphone oder Computerspiele als Babysitter-Ersatz sind also gefährlich?

Langemeyer: Das Problem, mit diesen Geräten den Babysitter zu ersetzen, Kinder schnell mal ruhig zu stellen, ist weit verbreitet. Kinder verlieren dadurch wichtige Zeit zwischenmenschlicher Kommunikation und körperlicher Erfahrung. Kinder sind zudem neugierig und wollen Dinge entdecken. Es gibt aber leider zu viele Internetseiten, die für sie schädlich sind. Schon in der Grundschule werden Smartphones heimlich genutzt, um in den Pausen oder nach dem Unterricht Pornos zu konsumieren. So werden übrigens auch andere Kinder mit hineingezogen, deren Eltern dem Kind noch kein Smartphone gekauft haben. Man kann sich also dem Thema nicht entziehen. Die meisten Computerspiele sind so gemacht, dass der Konsument nachher mehr konsumieren will. In Schulbüchern wird deshalb schon das Thema Internet-Sucht aufgenommen. Ich finde es allerdings sehr problematisch, dass man Kinder und Jugendliche so behandelt, als könnten sie sich mit dem Wissen über die Risiken als Konsumenten selbst schützen. Die Gesellschaft hat eine große Verantwortung, die Kinder vor den Risiken im Internet zu schützen. Die nehmen wir nicht ausreichend wahr. Sie werden so nicht nur mit gefährdenden Medieninhalten konfrontiert, sondern auch mit einer Pathologisierung ihres Verhaltens. Das ist auch für die Beziehung zwischen Erwachsenen und Kindern nicht gut, weil Kinder möglicherweise Angst haben, mit Eltern über Sorgen und Erfahrungen offen zu sprechen. Auch ein generell vertrauensvolles Verhältnis von Kindern und Eltern ist wichtig. Wenn es in dieser Beziehung Probleme gibt, können Eltern auch in diesem Bereich ihrer Verantwortung kaum gerecht werden. Wenn es eine gute Beziehung ist, dann fragt das Kind – auch als Jugendlicher – nach, wenn es unsicher ist, etwa bei der Beschaffung von Informationen.

Rollenbild entwickelt Eigendynamik

BT: Verändert die Nutzung von sozialen Medien die Sozialisation von Kindern und Jugendlichen?

Langemeyer: Definitiv. Auch die Statistiken zeigen, dass über diese Medien ein großer Teil von Freundschaftsbeziehungen und anderen sozialen Kontakten gelebt wird. Auch am Selbstbild – „Wie möchte ich sein?“ – wird im Spiegel von Videos und Sozialen Medien gearbeitet. Das muss tiefere Spuren in der Sozialisation von Kindern und Jugendlichen hinterlassen. Es ist aber sicher nicht so einfach, diese wissenschaftlich zutage zu fördern, weil in der Entwicklung alles mit allem zusammenhängt. Man kann aber einzelne Entwicklungen beobachten. So gibt es etwa eine Untersuchung der Burda-Stiftung, die sich mit den Geschlechterunterschieden bei der Selbstdarstellung in You-Tube-Videos beschäftigt. Sie zeigt, dass Mädchen sehr auf klassische Frauenrollen beschränkt werden, aber kaum über Politik reden oder für komische Inhalte zuständig sind. Das ist bedenklich, weil dieses Rollenbild eine Eigendynamik entwickelt.

BT: Wie wichtig sind digitale Kompetenzen für das spätere Berufsleben – und gibt es dabei Schwerpunkte?

Langemeyer: Ich glaube, es ist sehr oft von digitalen Kompetenzen die Rede, dabei aber ist nicht ganz klar, um was es eigentlich geht. Manches ist rein technisches Wissen, wie man bestimmte Programme bedient, was sich auch laufend ändert. Das ist deshalb auch nicht nachhaltig. Wichtiger ist das, was man kritische Informationskompetenz nennt; dass man richtig einschätzen kann, was vertrauenswürdige Seiten und Darstellungen sind und wo etwa Verschwörungstheorien verbreitet werden. Allgemein würde ich sagen, dass Digitalisierung in der Berufswelt zu einem besseren Umgang mit Komplexität herausfordert. Deshalb sind Fähigkeiten in der Kommunikation und im Umgang mit anderen auch wichtiger als die rein technischen Aspekte. Wir sollten uns gesellschaftlich darauf konzentrieren, dass Kinder und Jugendliche einen Erfahrungsraum haben, in dem sie Willensstärke und Selbstbewusstsein entwickeln, worauf sie bei ihrer Lebensgestaltung und der Bewältigung von Krisen zurückgreifen können.

Zur Person:

Ines Langemeyer lehrt seit 2014 am KIT und verbindet Lehr-Lernforschung mit den Gebieten Allgemeine Pädagogik und Berufspädagogik. Zuvor war sie Professorin für Lebenslanges Lernen an der PH Ludwigsburg und dem Deutschen Institut für Erwachsenenbildung sowie an der Universität Tübingen. Sie studierte Psychologie an der Freien Universität Berlin.

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Erstellt:
18. September 2020, 21:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 52sec

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