Interpretationssache

Baden-Baden/Stuttgart (fk) – Baden-Baden bleibt in Sachen Durchschnittsalter einsamer Spitzenreiter, die Statistik beleuchtet aber nicht alle Aspekte.

Die statistischen Werte für den Stadtkreis Baden-Baden sind seit Jahren auffällig, das Durchschnittsalter liegt weit über dem Landesschnitt. Grafik: Jasmin Vogt

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Die statistischen Werte für den Stadtkreis Baden-Baden sind seit Jahren auffällig, das Durchschnittsalter liegt weit über dem Landesschnitt. Grafik: Jasmin Vogt

Irgendwie ist es jedes Jahr das Gleiche, wenn Werner Brachat-Schwarz vom Statistischen Landesamt in Stuttgart auf die Erhebung des Durchschnittsalters im Land blickt. Einsamer Spitzenreiter war, ist (und bleibt wohl auch in naher Zukunft) Baden-Baden. Zumindest auf Ebene der Stadt- und Landkreise. 47,2 Jahre hat die kurstädtische Bevölkerung im Schnitt auf dem Buckel. Auf die Mikroebene der Kommunen heruntergerechnet, liegt Baden-Baden allerdings nur auf Platz 38. Die tatsächlich älteste Bevölkerung lebt in Ibach, der kleinsten Gemeinde im Landkreis Waldshut, mit 53,1 Jahren im Mittel.

Durchschnittsalter liegt im Landesschnitt bei 43,6 Jahren


Dennoch sind die statistischen Werte für den Stadtkreis Baden-Baden seit Jahren auffällig, das Durchschnittsalter liegt weit über dem Landesschnitt (43,6 Jahre) und dem der Nachbarlandkreise Rastatt (45), Ortenau (44,2) und Karlsruhe (44,6). Das hat aber eher mit der Vergangenheit denn der Gegenwart zu tun: So zumindest lassen sich die Aussagen der Stuttgarter Analysten und der zuständigen Baden-Badener Dezernate interpretieren. Denn, so erklärt Brachat-Schwarz auf Anfrage des Badischen Tagblatts, zwar sei Baden-Baden durch seine Struktur und kurstadttypischen Einrichtungen attraktiv für ältere Menschen, weswegen es gerade in der Gruppe der über 70-Jährigen einen verhältnismäßig hohen Zuzug in die Stadt an der Oos gebe. Aber, so betont Matthias Voigt vom Baden-Badener Fachbereich Bildung und Soziales, mittlerweile profitiere die Stadt vom Zuzug vieler junger Menschen, das zeige etwa der Alterungsvergleich im Hinblick auf die vergangenen zehn Jahre, in denen Baden-Baden im Schnitt nur ein Jahr älter wurde, das Land aber mehr als doppelt so viel. Doch diese Entwicklung schlage sich in der Gesamtstatistik des Durchschnittsalters nur sehr langsam nieder, da es aktuell trotzdem noch überproportional viele ältere Menschen gebe. Untermauert wird die Baden-Badener Sichtweise, wenn man nur die Bevölkerungsgruppe der unter 65-Jährigen betrachtet. Hier beträgt das Durchschnittsalter in Baden-Baden rund 36 Jahre – landesweit sind es 35 Jahre.

Durchschnittsalter gegenüber 1970 um annähernd neun Jahre angestiegen

Ein weiteres Indiz dafür, dass die Altersstatistik in dieser Hinsicht nur bedingt aussagekräftig ist, liefert ein anderes analytisches Zahlenwerk des Statistischen Landesamts, nämlich jenes über die Geburtenrate 2019. In ihr liegt der Kreis Baden-Baden mit 1,5 Kindern je Frau nur knapp unter dem Landesschnitt (1,57), der Landkreis Rastatt mit 1,66 sogar darüber (wir berichteten). Absurderweise auf dem letzten Platz bei den Geburten liegt Heidelberg mit 1,17 Kindern pro Frau. Gleichzeitig ist der Stadtkreis um die Neckarmetropole beim Durchschnittsalter aber der jüngste in ganz Baden-Württemberg (40,4 Jahre). „Das liegt daran, dass viele junge Leute zur Ausbildung oder zum Studium in die großen Städte wie Heidelberg ziehen. Dadurch kommt die Alterung statistisch zum Stillstand: Doch die Frauen in Ausbildung oder Studium bekommen ihre Kinder erst meist nach Abschluss dieses Lebensabschnitts“, sagt Brachat-Schwarz. Aber auch das ist nur die eine Seite. „Auch in Stuttgart werden viele Kinder geboren, der statistische Geburtenschnitt ist jedoch nicht besonders hoch, da es aus genannten Gründen natürlich eine Vielzahl an jungen Frauen gibt“, so der Stuttgarter Statistiker.

Auf das ganze Land bezogen heißt es in der Analyse des Teams um Brachat-Schwarz: „Die Bevölkerung Baden-Württembergs war nach Feststellung des Statistischen Landesamtes Ende des Jahres 2019 im Durchschnitt 43,6 Jahre alt. Damit ist das Durchschnittsalter gegenüber 1970 um annähernd neun Jahre angestiegen. Allerdings hat sich diese Kenngröße in den letzten Jahren aufgrund der starken Zuwanderung insbesondere von jüngeren Menschen kaum mehr erhöht.“


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